Rotkreuz-Hilfe für Geflüchtete in Bosnien und Herzegowina

Reportage • 17.12.2021

Tausende geflüchtete Menschen sitzen in Bosnien und Herzegowina fest. Sie leben unter prekären Bedingungen. Mobile Teams des Bosnischen Roten Kreuzes versorgen die Notleidenden mit dem Nötigsten. Das Schweizerische Rote Kreuz unterstützt sie dabei.

Text: Katharina Schindler

Es ist kühl und regnerisch in Bihac, als wir an diesem Morgen im Spätherbst ins Auto des Ro-ten Kreuzes steigen. Die Stadt im Kanton Una-Sana im Westen von Bosnien und Herzegowina liegt nahe der Grenze zu Kroatien. In dieser Gegend sind besonders viele Flüchtlinge gestrandet, da Kroatien zur Europäischen Union gehört.

Das SRK unterstützt ein mobiles Team des Bosnischen Roten Kreuzes, das sich um sie kümmert. Drei Männer und eine junge Frau packen wie jeden Morgen mehrere Dutzend Essenspakete und Hygienekits ins Auto. Dazu Decken, ein paar Kleider und die Ausrüstung für medizinische Erste Hilfe.

Über den Berg in die EU

Wir verlassen die Stadt Richtung Norden. Vorbei an brachliegenden Feldern, Häusergruppen. Parallel zur Strasse erstreckt sich ein langgezogener Berg. Nichts deutet darauf hin, dass Nacht für Nacht Dutzende Menschen versuchen, über diesen Berg nach Kroatien in die EU zu gelangen. Husein Nuhic vom mobilen Rotkreuz-Team sucht während der Fahrt mit den Augen die Umgebung ab: «Manchmal treffen wir hier auf erschöpfte Menschen, die in der Nacht zuvor von einer Patrouille der Grenzwache erwischt und zurückgeschickt wurden. Viele brauchen unsere Hilfe, sind hungrig, unterkühlt oder verletzt.»

GUT ZU WISSEN

Ausweglose Situation für Geflüchtete und Einheimische

Immer mehr Menschen suchen den Weg nach Westeuropa via Bosnien und Herzegowina. Seit 2018 sind 75000 Menschen offiziell eingereist. Doch das wirtschaftlich schwache, politisch zerstrittene Land hat mit eigenen Problemen zu kämpfen. Jede fünfte Person lebt in Armut. Durch die Corona-Krise sind es noch mehr geworden. Die Behörden sind vom Zustrom der Geflüchteten überfordert. Die acht regulären Camps, die von den Behörden und internationalen Organisationen straff geführt werden, reichen nicht aus. Rund 2000 Geflüchtete sind allein im Kanton Una-Sana ohne Obdach. Ihre Situation ist vor allem in der kalten Winterzeit prekär.

In einem verlassenen Haus etwas oberhalb der Hauptstrasse treffen wir auf zwei afghanische Familien. 13 Personen, darunter neun Kinder. Dankbar nehmen sie das Essen entgegen, welches das Rotkreuz-Team bringt: Brot, Büchsenfleisch, Datteln. «Wasser können wir bei den Nachbarn holen. Sie sind sehr freundlich zu uns», sagt Familienvater Mohammad Nasim Arab. Er habe seine Heimat vor 15 Jahren verlassen. Zwei der Kinder kamen in Irak in einem Flüchtlingscamp zur Welt.

Kinder auf der Flucht

Sie sprechen gut Englisch, besser als ihre Eltern, die sich im Hintergrund halten. Die 12-jährige Sonja erzählt: «Bewaffnete Männer haben gedroht, meinen Vater zu töten, weil er nicht für sie arbeiten wollte. Dann sind wir aus Afghanistan geflohen.» Englisch habe sie unterwegs gelernt, im Flüchtlingscamp in Serbien. Auch die neunjährige Sahar erzählt von ihrer Flucht. Schlimme Geschichten von Gewalt und gekenterten Booten.

In der Not sind sie füreinander da

Das Team des Roten Kreuzes kennt die Orte, wo die Geflüchteten Zuflucht suchen. Leerstehende Häuser, zerfallende Schuppen, Metallcontainer. Überall treffen wir auf entkräftete Menschen, die dankbar sind für jede Hilfe. Die meisten kommen aus Afghanistan, Pakistan oder Nordafrika. Auch einer jungen Frau aus Sri Lanka begegnen wir. Seit zwei Jahren ist sie allein auf der Flucht. Man mag sich nicht ausmalen, was sie alles durchgemacht hat. Nun hat sie Anschluss gefunden bei einer Gruppe Pakistanern. «Sie behandeln mich wie ein Familienmitglied und geben mir Schutz. Ich bin sehr froh», sagt sie lächelnd.

Jahrelang unterwegs

Viele der Geflüchteten haben eine lange Odyssee hinter sich. Die Geschichten, die sie uns erzählen, sind sich ähnlich: Aus Not und Verzweiflung die Heimat verlassen, seit Jahren unterwegs - und nun schon mehrmals erfolglos versucht, nach Kroatien in die EU zu gelangen. Doch die Grenze ist dicht, es gelingt nur wenigen. Viele erzählen von schweren Übergriffen durch die Grenz-Patrouillen.

Rotkreuz-Helfende tun, was sie können

Wie gehen die jungen Rotkreuz-Helfenden damit um, die täglich mit diesen Schicksalen konfrontiert sind? «Ich bin einfach nur froh, dass ich etwas für sie tun kann», sagt der 21-jährige Husein Nuhic, der seit anderthalb Jahren mit dem mobilen Team unterwegs ist.

Husein Nuhic desinfiziert kleine Wunden, cremt schmerzende Knöchel ein, gibt ab und zu eine Tablette gegen Schmerzen. Er hat für alle ein offenes Ohr. Ein junger Vater kommt auf ihn zu, auf dem Arm sein kranker Sohn. Der Rotkreuz-Helfer misst das Fieber: «Sie sollten in ein reguläres Camp gehen, wo es medizinische Hilfe gibt für den Kleinen», sagt er zum Vater. Telefonisch organisiert er den Transport.

Frauen haben spezifische Bedürfnisse

Seine junge Kollegin Melina Masukovic verteilt Hygiene-Artikel – Seife, Duschcreme, Zahnbürsten, Damenbinden. Vor allem die Frauen suchen das Gespräch mit ihr. Viele haben gesundheitliche Probleme.

Auch die lokale Bevölkerung leidet

«Das Wichtigste ist, dass wir den Menschen mit Respekt begegnen. Sie haben viel Schlimmes erlebt. Es geht vor allem um Menschlichkeit», sagt der junge Helfer. Doch auch die lokale Bevölkerung darf nicht vergessen werden. «Wir sensibilisieren auch die Migrantinnen und Migranten, damit sie die lokale Bevölkerung respektieren – und umgekehrt.»

Um Spannungen vorzubeugen und keine neuen Ungerechtigkeiten zu schaffen, unterstützt das Rote Kreuz auch bedürftige bosnische Familien. Beispielsweise mit der Winterhilfe für arme Familien, die durch die Aktion «2 x Weihnachten» des SRK finanziert ist.

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