Westjordanland: Rettungsdienste unter Druck
Gewalt und Einschränkungen der Bewegungsfreiheit prägen den Alltag der Menschen im Westjordanland. Die angespannte Sicherheitslage erschwert auch die Arbeit von Ambulanz- und Rettungsteams, die oft unter schwierigsten Bedingungen lebenswichtige Hilfe leisten.
Interview mit Jürg Graf
Jürg Graf
Programmverantwortlicher des SRK
Jürg Graf ist für die Projektländer im Nahen Osten und Nordafrika zuständig. Der 47-Jährige arbeitet seit 2019 für das Departement Internationales und insgesamt seit 13 Jahren für die Rotkreuz- und Rothalbmond- Bewegung. Er studierte Sozialwissenschaften und Public Health.
Du warst kürzlich im Westjordanland, und das in einer besonders angespannten Zeit. Was waren deine Eindrücke?
Ich habe das Westjordanland zuletzt vor einem Jahr besucht. Bereits damals hat mich die schwierige Situation der Bevölkerung stark beschäftigt. Bei meinem jüngsten Besuch hatte ich jedoch den Eindruck, dass sich die Lage nochmals erheblich verschärft hat.
Die Angriffe bewaffneter Zivilpersonen auf die palästinensische Bevölkerung haben deutlich zugenommen. Mitarbeitende des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRH) berichteten von Gewalt, die sie selbst oder Menschen in ihrem Umfeld erleben. Menschen werden aus ihren Häusern und aus ihren Dörfern verdrängt. Das Leben der palästinensischen Bevölkerung unter Besatzung ist geprägt von einer massiven Einschränkung der Bewegungsfreiheit. Dazu herrscht eine schwere Wirtschaftskrise. Während meines Aufenthalts stellte ich mir immer wieder die Frage: Wie viel können die Menschen noch ertragen?
Welche konkreten Folgen hat die schwierige Situation für die palästinensische Bevölkerung?
In einem Gemeinschaftszentrum des PRH haben mir Mitarbeitende berichtet, dass viele Menschen unter grossem psychischem Druck stehen. Verzweiflung, Hilflosigkeit und Resignation prägen den Alltag. Diese Belastungen wirken sich auf die gesamte Gesellschaft aus. Auch die häusliche Gewalt nimmt zu.
Hinzu kommen die praktischen Folgen der rund 1000 Checkpoints, Strassensperren und Umleitungen im Westjordanland, die zu einem Flickenteppich von viele kleinen voneinander isolierten Ortschaften führen.
Fahrten, die früher eine Stunde dauerten, nehmen heute oft zwei bis drei Stunden in Anspruch.
Das belastet die Wirtschaft und verschärft die Armut vieler Familien. Gleichzeitig leidet auch das soziale Leben. Familien und Freunde können sich seltener besuchen. Die zunehmende Isolation wirkt sich auch auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt aus.
Was bedeuten die Einschränkungen der Bewegungsfreiheit für die Ambulanz- und Rettungsteams des PRH?
Die vielen Checkpoints und Strassensperren stellen den Ambulanzdienst vor enorme Herausforderungen. Bei medizinischen Notfällen hängt das Überleben häufig davon ab, wie schnell Patientinnen und Patienten eine geeignete Behandlung erhalten.
Verzögerungen, wie beispielsweise durch Checkpoints, können Menschenleben kosten.
Erst kürzlich wurde eine der Ambulanzen mit einer Frau im sechsten Schwangerschaftsmonat, die unter schweren Blutungen litt, an einem Checkpoint rund 30 Minuten aufgehalten. Während dieser Zeit musste das Kind im Krankenwagen zur Welt gebracht werden und konnte nicht gerettet werden. Die Mutter überlebte nur knapp.
Da Ambulanzen gewisse Strassensperren nicht passieren dürfen, ist das PRH teilweise gezwungen, medizinische Transporte mit zwei Fahrzeugen zu organisieren – jeweils von beiden Seiten eines Checkpoints aus. Schwer kranke oder verletzte Patientinnen und Patienten müssen dabei an den Sperren von einer Ambulanz in die andere verlegt werden. Dieser zusätzliche Transfer sowie der damit verbundene Zeitverlust bergen erhebliche Risiken für die Betroffenen. Gleichzeitig können solche Übergaben nicht bei allen Patientinnen und Patienten umgesetzt werden.
Es hat mich sehr beeindruckt zu sehen, unter welch schwierigen Bedingungen die Freiwilligen und Mitarbeitenden des PRH im Westjordanland tagtäglich Rettungseinsätze leisten. Trotz der äusserst herausfordernden Situation schöpfen sie Kraft aus ihrer humanitären Aufgabe. Ihr oberstes Ziel ist es, der Zivilbevölkerung beizustehen und menschliches Leid zu lindern.
War bei euren Gesprächen auch die Situation in Gaza ein Thema?
Ja, wir haben mit den Mitarbeitenden des PRH auch über Gaza gesprochen. Die humanitäre Situation in Gaza bleibt katastrophal, auch wenn sie in den Medien kaum noch Aufmerksamkeit erhält.
Viele Familien leben weiterhin unter katastrophalen hygienischen Bedingungen in Zelten. Eine grosse Zahl von ihnen leidet unter Haut- und Infektionskrankheiten, weil Abwassersysteme zerstört sind, Trinkwasser fehlt und die Abfallentsorgung nicht mehr funktioniert.
Besonders eindrücklich war es, zu hören, wie knapp viele Güter sind. Die Hilfslieferungen sind nach wie vor erschwert. Selbst Ersatzreifen für Ambulanzen werden zu extrem hohen Preisen gehandelt, für tausende von Dollars. Der Wiederaufbau hat kaum begonnen und es kommt weiterhin regelmässig zu Kampfhandlungen.
Wo siehst du aktuell den grössten Unterstützungsbedarf?
Besonders gross ist der Bedarf im Gesundheitsbereich und bei grundlegenden humanitären Dienstleistungen. Die Menschen benötigen Schutz, Unterstützung im Alltag und Perspektiven für die Zukunft.
Für viele Familien stehen nicht nur ihre Gesundheit und ihre wirtschaftliche Existenz auf dem Spiel, sondern auch die Hoffnung auf ein Leben in Sicherheit und Würde.
Mein Besuch hat mir erneut vor Augen geführt, wie wichtig die Unterstützung des SRK für die betroffenen Menschen ist. Mit unserer Unterstützung des Rettungsdienstes und der Gesundheitsdienste des PRH tragen wir dazu bei, dass diese sowohl im Westjordanland als auch im Gazastreifen unter schwierigsten Bedingungen weiterarbeiten können. So erhalten die Menschen inmitten eines stark beeinträchtigten Gesundheitssystems Zugang zu lebenswichtiger medizinischer Versorgung.
Unsere Unterstützung vor Ort
In Gaza und im Westjordanland unterstützt das SRK den Palästinensischen Roten Halbmond dabei, medizinische Nothilfe aufrechtzuerhalten. Damit Ambulanzen, Gesundheitsdienste und lokale Teams weiterarbeiten können, finanziert das SRK unter anderem Medikamente, medizinisches Material, Treibstoff und Betriebskosten.
