
Ukraine: «Die Realität ist erdrückend»
Seit vier Jahren leidet die Bevölkerung in der Ukraine unter dem Konflikt. Die humanitären Bedürfnisse sind enorm. Lars Staring vom Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) unterstützt das Ukrainische Rote Kreuz (URK) dabei, mehr finanzielle Mittel für die humanitäre Hilfe vor Ort zu gewinnen. Er arbeitet dafür regelmässig in Kiew. Stromausfälle und Luftalarme gehören zum Alltag. Er erzählt, wie er die Situation vor Ort erlebt.
Reportage vom 24. Februar 2026
Lars Staring
Fundraising-Strategie-Experte des SRKDer 52-Jährige arbeitet seit 2023 beim SRK. Er berät Rotkreuzgesellschaften weltweit dabei, die nötigen Spenden für ihre humanitäre Hilfe zu sammeln – darunter auch das Ukrainische Rote Kreuz. Insgesamt verfügt er über mehr als 15 Jahre Erfahrung in diesem Bereich.
«Seit drei Jahren arbeite ich jährlich dreimal für mehrere Wochen am Hauptsitz des URK in Kiew. Die übrige Zeit kommunizieren wir über digitale Kanäle. Seit der Eskalation des Ukraine-Konflikts vor vier Jahren ist die Not der Bevölkerung im ganzen Land riesig. Das URK hat seine humanitäre Hilfe ausgeweitet, um die Menschen im Alltag zu unterstützen. Dafür werden jedoch deutlich mehr Spenden benötigt. Mit dem zuständigen Team des URK kümmere ich mich darum, Spendengelder für die Umsetzung der Angebote für Notleidende zu beschaffen.
Vor drei Jahren kannte ich niemanden in der Ukraine. Mittlerweile sind einige Arbeitskolleginnen und -kollegen enge Freunde geworden.
Die Unterstützung des SRK in der Ukraine
Das Schweizerische Rote Kreuz unterstützt das Ukrainische Rote Kreuz seit 2017. Nach der Eskalation des Konfliktes Ende Februar 2022 passte das SRK seine Unterstützung an und baute sie aus.
Aktuell unterstützt das SRK das URK in diesen Bereichen:
Medizinische und psychosoziale Hilfe
Unterstützung der Existenzsicherung durch Bildung und finanzielle Starthilfe
Unterkünfte für Geflüchtete
Hauspflegedienst und Aktivitäten für ältere Menschen
Bereitstellung und Reparatur von Schutzbunkern
Mittelbeschaffung
Im November 2025 war ich letztmals für mehrere Wochen in Kiew. Nach der Arbeit treffen wir uns oft in der Wohnung eines Kollegen und sitzen in einer gemütlichen Runde zusammen. Bis plötzlich der Strom ausfällt und wir die aufladbaren Lampen einschalten müssen. Kurz darauf geht der Alarm los. Das bedeutet, dass Drohnen oder Raketen im Anflug sind. Nach einer kurzen Pause setzen wir unsere Gespräche fort. Es ist keine Verleugnung, sondern eine Art und Weise, um die Situation gemeinsam zu bewältigen. Einfach weitermachen, sich an der Normalität festhalten.
Später setzt sich ein Kollege ans Klavier und spielt nach einigen sanften Stücken das traditionelle Volkslied «Shchedryk». Die Melodie ist bekannt als Weihnachtslied «Carol of the Bells». Nun wirkt die Stimmung wieder ruhig und fast ganz normal. Es liegt etwas zutiefst Ukrainisches in der Luft: eine Mischung aus Stolz, Sehnsucht und einer leisen Hoffnung, die man eher fühlen als erklären kann.
Aber die Realität ist erdrückend. Noch mehr Ukrainerinnen und Ukrainer als in den Jahren zuvor müssen sich immer wieder vor Drohnen und Raketen in Sicherheit bringen.
Zu Hause bin ich einerseits dankbar und froh, wieder ruhig schlafen zu können. Es fühlt sich gut an, ohne das ständige Summen des Fliegeralarms zu leben. Andererseits macht es mich traurig, weil ich liebe Menschen zurücklasse, die in einem so schwierigen Umfeld Tag für Tag weiterarbeiten müssen. Sie brauchen so viel Kraft, um die Hoffnung nicht zu verlieren. Ihr Engagement, ihr täglicher Mut motiviert mich, wieder zurückzukehren. Und natürlich, weil ich mit meiner Arbeit dazu beitrage, das Leid der Bevölkerung durch mehr Spendengelder zu lindern.»
