
«Psychische Unterstützung in Konflikten braucht Zeit»
Die aktuellen Konflikte in Nahost und anderen Regionen belasten die psychische Gesundheit der Bevölkerung enorm. Im Interview erzählt Omar S. Rasheed, wie das IKRK die Betroffenen unterstützt. Einblick in eine kaum bekannte Seite der Nothilfe.
Interview vom 26. März 2026
Omar Salih Rasheed koordiniert das Programm für psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung (MHPSS) des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK). Das Programm wird in über 30 Ländern eingesetzt, derzeit in der Nahost-Krise (Iran, Israel und besetzte Gebiete, Libanon, Syrien) sowie in vergessenen Krisen wie in Jemen. MHPSS-Massnahmen sind eine eher unbekannte Seite der Nothilfe. Über sie sprach Omar S. Rasheed an der nationalen Fachtagung des Verbunds «support for torture victims» vom 10. März 2026 in Bern.
Omar S. Rasheed, was sind die grössten Herausforderungen für die psychische Gesundheit in bewaffneten Konflikten wie derzeit im Nahen Osten?
Die aktuellen Kriege hinterlassen enorme Traumata, die fortbestehen, solange die Krise andauert. Und darüber hinaus, denn solche Traumata werden von einer Generation an die nächste weitergegeben. Ausserdem haben sich die Kriege verändert: Sie spielen sich nicht mehr ausschliesslich zwischen Kombattanten ab, sondern treffen Wohngebiete, in denen Zivilpersonen die ersten Opfer sind. Tragende soziale Strukturen wie die Familie oder Gemeinschaft werden zerstört. Und: Psychische Unterstützung ist weniger sichtbar als die Verteilung von Trinkwasser. Daher wird sie oft stiefmütterlich behandelt.
Begriffe
Gesundheit = Umfasst die körperliche und psychische Dimension
MHPSS = Akronym für «Mental Health and Psychosocial Support» (psychische Gesundheit und psychosoziale Unterstützung)
Trauma = seelische Verletzung durch überwältigende Ereignisse (Krieg, Unfall, Alltagsereignis). Nicht zu verwechseln mit einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS), die eine Erkrankung darstellt.
Wer trägt in bewaffneten Konflikten das höchste Risiko für psychische Langzeitfolgen?
In lang anhaltenden Konflikten sind es die Kinder. Sie werden in ihrer Entwicklung beeinträchtigt. Die Kinder im Lager Al-Hol im Nordosten Syriens haben in ihrem Leben noch nie etwas anderes gesehen – keine Schule, keinen Spielplatz, nur Gewalt. Eine weitere sehr verletzliche Gruppe sind die Opfer sexueller Gewalt. Diese wird zunehmend als Kriegstaktik angewendet. Betroffene schweigen aus Angst. Auch die Familien von vermissten Personen der gegnerischen Seite sind eine verletzliche Gruppe. Oft erhalten sie keine Unterstützung und hören 30, 40 Jahre lang nichts von ihren Angehörigen. Doch die Liste ist noch viel länger!

Nach einem Krieg lässt sich ein zerstörtes Haus leichter wieder aufbauen als verlorene Menschlichkeit.
Omar S. Rasheed, MHPSS-Koordinator beim IKRK
Welche psychosoziale Unterstützung bietet das IKRK?
Das beginnt bei grundlegenden Massnahmen, etwa indem wir die Gemeinschaften darüber aufklären, was psychische Gesundheit ist und wo sie Hilfe erhalten. An der Spitze der Versorgungspyramide steht die spezialisierte psychiatrische Versorgung. Zwischen diesen beiden Polen bieten wir psychologische Unterstützung im Einzel- oder Gruppen-Setting, protokollierte Interventionen sowie spezifische Massnahmen für bestimmte Zielgruppen. Niederschwellige psychosoziale Angebote sind in unseren Arbeitskontexten sehr wichtig. Dank ihnen lassen sich gewisse Aufgaben delegieren, denn es gibt nicht genügend Fachkräfte für psychische Gesundheit.
Bleibt die Versorgung auch nach dem Ende eines Konflikts gewährleistet?
Die Folgen eines Konflikts sind noch lange nach seinem vermeintlichen Ende spürbar. In gewissen Ländern sind wir danach noch jahrelang präsent. Dabei arbeiten wir mit unseren Partnern zusammen – den nationalen Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften, Regierungen und lokalen Organisationen. Wir wollen sie befähigen, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu erfüllen – gerade nach einem Konflikt, wenn viele gut ausgebildete Menschen das Land verlassen.
Wie schaffen es Ihre Teams, trotz Zugangshürden und Sicherheitsrisiken Unterstützung zu leisten?
Dank seiner Neutralität wird das IKRK von den verschiedenen Konfliktparteien akzeptiert. Wir ergreifen nicht Partei, sondern setzen uns ausschliesslich für die Einhaltung der Menschenrechte und des Humanitären Völkerrechts ein. Dies sichert uns den Zugang zu den lokalen Gemeinschaften, die wir unterstützen. Das IKRK ist insbesondere dort wichtig, wo anderen Organisationen dieser Zugang verwehrt bleibt. Dafür zahlen wir zuweilen einen hohen Preis, wie Verluste oder Entführungen von Kolleginnen und Kollegen zeigen. Aus diesem Grund machen wir uns weiterhin für die Einhaltung des Humanitären Völkerrechts stark.
Niederschwellige psychosoziale Angebote
Leicht zugängliche psychosoziale Angebote können das psychische Wohlbefinden verbessern, auch ohne Beizug von Gesundheitsfachkräften. Ein Beispiel ist die SRK-App «Sui»Öffnet ein neues Fenster für Geflüchtete. Um solche niederschwelligen Angebote ging es an der nationalen Fachtagung des Verbunds «support for torture victims», die am 10. März 2026 in Bern stattfand. Omar S. Rasheed nahm als Referent teil.
Mehr zum Anlass: www.torturevictims.ch/veranstaltungenÖffnet ein neues Fenster

