Zwei Kinder spielen mit ihren Händen vor den Augen, um eine Brille zu mimen. Die Kinder sitzen mit ihrem Großvater auf einem Sofa. Sie lachen alle.

Wie Kinder Schlimmes besser überstehen

Interview • 15.8.2021

Manchmal brauchen auch die besten Eltern Hilfe. Dafür gibt es die SRK Kinderbetreuung zu Hause. Karin Reust leitet das Team der Kinderbetreuerinnen im Kanton Bern Regionalstelle Oberland. Sie beschreibt, wie wichtig eine Kinderbetreuerin sein kann.

Interview mit Karin Reust

Karin Reust, wann springt die Kinderbetreuung zu Hause ein?

Eine Krise, Scheidung, psychische Krankheit, kranke Kinder oder nach einer Geburt: In den meisten Fällen sind es schwierige Situationen, in denen wir Familien mit unserer Kinderbetreuung unterstützen. Manchmal gibt es auch sehr traurige und psychisch anspruchsvolle Begegnungen, wenn wir zu Familien mit erkrankten Kindern oder einem sterbenden Elternteil gerufen werden. 

Was beobachten Kinderbetreuungspersonen bei Kindern in schwierigen Lebenssituationen?

Häufig übernehmen Kinder Aufgaben eines Elternteils. Sie müssen sich zusammennehmen, einfach funktionieren. Es kann sein, dass sie sich in ihrer Not völlig zurückziehen oder sehr auffällig benehmen.

Es kann sein, dass sie sich in ihrer Not völlig zurückziehen oder sehr auffällig benehmen.

Karin Reust, Pflegefachfrau SRK

Gibt es ein Erfolgsrezept für den Umgang mit betroffenen Kindern?

Ja, alles tun, um Vertrauen und Normalität aufzubauen. Wir organisieren uns so, dass das Kind fast immer von derselben Betreuungsperson betreut wird. So kann es ein vertrauensvolles Verhältnis zu einer neutralen Bezugsperson aufbauen. Das fördert die sogenannte Resilienz. Diese kann man am besten mit Widerstandskraft erklären.

Können Kinderbetreuungspersonen Resilienz bei Kindern stärken?

Die Fähigkeit zur Resilienz ist sehr unterschiedlich. Wir haben einen vorpubertierenden Jungen erlebt, der sich allem verweigerte und nicht mehr aus seiner Ablehnungshaltung herauskam. Unsere Betreuungsperson konnte mit ihrem Blick von aussen und neuen Ideen die Blockade lösen. Manchmal braucht es viel Geduld, um ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.

Wir versuchen nicht, dem Kind negative Gefühle auszureden. Wir lenken es vom Fernseher ab, gehen mit ihm in die Natur, spielen und lesen ihm Geschichten vor. Immer mit der Botschaft: So wie du bist, ist es gut.

Stehen Sie den Eltern beratend zur Seite?

Wir sind da, die Situation zu beruhigen und herauszufinden, wie wir der Familie als Ganzes helfen können. Wir empfehlen manchmal Fach- und Beratungsstellen, an die sich Eltern wenden können, wenn nicht nur wir die richtigen Ansprechpersonen sind. Es ist wichtig zu sehen, dass wir keinen Erziehungsauftrag haben. Wir leben den Eltern lediglich vor, wie ihr Umgang mit dem Kind sein könnte.

Was lieben Sie an dieser Arbeit am meisten?

Wir haben die Möglichkeit, die Resilienz eines Kindes zu fördern. Das bedeutet für mich, das Kind zu stärken. Es ist eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, bei der viel zurückkommt, denn Kinder sind sehr dankbar. Einem Kind bessere Startchancen zu verschaffen, das gibt unserer Arbeit tieferen Sinn.

Wir haben die Möglichkeit, die Resilienz eines Kindes zu fördern. Das bedeutet für mich, das Kind zu stärken. Es ist eine sehr anspruchsvolle Tätigkeit, bei der viel zurückkommt, denn Kinder sind sehr dankbar. Einem Kind bessere Startchancen zu verschaffen, das gibt unserer Arbeit tieferen Sinn.

Karin Reust, Pflegefachfrau SRK

APROPOS

Jugend im Stresstest: Fachtagung SRK zu Resilienz

Resilienz kann man auch psychische Widerstandskraft nennen. Es ist die Fähigkeit, existenziell belastende Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Resiliente Kinder und Jugendliche können ihre eigenen Gefühle besser wahrnehmen und regulieren. Es gelingt ihnen, eine Krise leichter zu bewältigen und die Erfahrung für die eigene Entwicklung zu nutzen. Diese Fähigkeiten sind nicht immer gleich ausgeprägt. So unterschiedlich die Lebensumstände sind, eines haben die meisten resilienten Kinder gemeinsam: Sie haben mindestens eine stabile und verlässliche Bezugsperson und zu dieser eine sichere Bindung. Das kann zum Beispiel auch eine Kinderbetreuerin sein.

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