Sudan - Jede Hilfe für Familien zählt
Unter dem Konflikt im Sudan leiden seit mehr als drei Jahren Millionen Menschen enorm. Der Delegierte des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), Michael Herger, ist kürzlich aus Khartum zurückgekehrt. Er berichtet vom Alltag und den Hoffnungen der Familien vor Ort. Der SRK-Delegierte erklärt, wie der Sudanesische Rote Halbmond den Menschen hilft.
von Joëlle Etienne
•Interview mit Michael Herger
Michael Herger
SRK-Delegierter für den Sudan
Der 38-jährige Michael Herger kümmert sich um die Projekte des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) im Sudan. Seit 2025 arbeitet er wegen des Konflikts von der kenianischen Hauptstadt Nairobi aus. Er reist regelmässig nach Port Sudan. Kürzlich konnte er nach Khartum zurückkehren.
Die sudanesische Hauptstadt Khartum war bis vor Kurzem ein gefährliches Konfliktgebiet. Warum bist du zurückgekehrt und mit welchem Gefühl?
Ich war seit 2022 nicht mehr in Khartum. Das Quartier, in dem wir unser Büro beim Sudanesischen Roten Halbmond (SRH) hatten, liegt heute in Trümmern. Die Kämpfe waren sehr heftig. Viele Menschen wurden dort getötet; es ist schrecklich. Minen und Blindgänger sind nach wie vor eine Gefahr für die Bevölkerung. Es wird Jahrzehnte dauern, um sie zu räumen und zu entschärfen.
Nächstes Jahr wollen wir uns zusammen mit unseren Kolleginnen und Kollegen des SRH sowie anderen Rotkreuz-Gesellschaften wieder hier einrichten. Deshalb war es mir wichtig, mir selbst einen Eindruck von der Situation vor Ort zu verschaffen.
Der Hauptsitz des SRH wurde wieder instandgesetzt und weiss gestrichen. Damit sticht das Gebäude aus dem gänzlich zerstörten Gebiet heraus. Strom gibt es allerdings noch keinen. Einerseits machte mich die enorme Zerstörung traurig, andererseits war ich froh, endlich zurückkehren zu können. Ein Gefühl des Neubeginns und eine gewisse Hoffnung lagen in der Luft.
Ist die Stadt ein Zufluchtsort für die vertriebenen Menschen?
Ja, weil die Sicherheitslage dort besser ist als in anderen Regionen, obwohl der Konflikt noch andauert. Die Stadtbevölkerung ist bereits in grosser Zahl in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. Zudem haben viele Menschen, die vor den Kämpfen aus Darfur oder Kordofan geflüchtet sind, hier Zuflucht gefunden. Landesweit hat der Konflikt mehr als elf Millionen Binnenvertriebene verursacht. Fast vier Millionen Menschen sind mittlerweile in ihre Heimat zurückgekehrt.
Wie sind die Lebensbedingungen für die Menschen hier?
Sehr prekär. Viele Häuser sind zerstört und es gibt keine Strom- und Wasserversorgung. Viele Vertriebene wohnen in verlassenen Gebäuden, improvisierten Camps oder bei Gastfamilien. Diese Situation birgt zusätzliche Risiken für Frauen, Kinder und besonders verletzliche Menschen. Viele Familien dachten, sie müssten ihr Zuhause nur für wenige Wochen verlassen. Nun leben sie schon seit Jahren nicht mehr dort.
Viele Familien dachten, sie müssten ihr Zuhause nur für wenige Wochen verlassen. Nun leben sie schon seit Jahren nicht mehr dort.
Wie hilft ihnen der Rote Halbmond?
Der Sudanesische Rote Halbmond ist vor allem im Gesundheitsbereich tätig. Er verteilt auch Bargeld, damit die notleidenden Menschen kaufen können, was sie am dringendsten brauchen. Das SRK unterstützt die Bargeldhilfe, weil sie sehr wirksam ist.
Wir konnten mit einigen Geflüchteten aus El Fasher sprechen. Sie erzählten uns, wie sie alles zurücklassen mussten und wie wichtig für sie die finanzielle Unterstützung des Roten Halbmonds ist. Unsere Arbeit bewirkt etwas. Doch wir bräuchten viel mehr finanzielle Mittel, um noch mehr Menschen zu helfen.
Jede Person, deren Alltag wir verbessern können, zählt!
Ausserdem stärken wir den Sudanesischen Roten Halbmond organisatorisch, damit er die Bevölkerung trotz des Konflikts weiterhin unterstützen kann. Wir organisieren zum Beispiel Workshops, um die lokale Mittelbeschaffung aufzubauen und zusätzliche Ressourcen für die Aktivitäten des SRH zu gewinnen.
Wie ist die Stimmung in Khartum?
Ich bin beeindruckt, wie sehr die Bevölkerung in der Hauptstadt an einen Neubeginn glaubt. Der Konflikt dauert an. Dennoch hoffen die Menschen, eines Tages wieder ein normales Leben führen zu können. In anderen Teilen des Landes, vor allem dort, wo noch gekämpft wird, gibt es für die Familien noch keine Aussicht auf Normalität.
Sudan: So sieht der Alltag aus – und die Hilfe
Ein lokales Netzwerk bringt die Hilfe zu den Menschen im Sudan
Der Sudanesische Rote Halbmond stützt sich auf ein Netz von 122 000 Freiwilligen in den 18 Bundesstaaten des Landes. Er unterstützt Vertriebene, die Gastgemeinschaften und zurückgekehrte Familien.
Doch für die Menschen ist es keine Rückkehr zum gewohnten Alltag vor dem Konflikt im Sudan. Oft finden die zurückkehrenden Familien von ihrem Haus nur noch Ruinen vor. Auch der Zugang zu medizinischer Versorgung ist schwierig. Die instabile Sicherheitslage und beschädigte Strassen erschweren die Lieferung von Hilfsgütern. Der Bedarf übersteigt das Angebot bei weitem.
Ihre Spende sorgt dafür, dass unsere Hilfe weitergeht
Das Schweizerische Rote Kreuz setzt sich für verletzliche Menschen in der Schweiz und im Ausland ein. Dank unseren engagierten Freiwilligen und Ihrer Solidarität können wir in Krisen und schwierigen Alltagssituationen wirksam helfen. Ihre Spende macht Vieles möglich.

