«Hilfe zur Selbsthilfe konsequent umsetzen»
Wie kann humanitäre Unterstützung noch nachhaltiger wirken? Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) setzt auf lokale Partnerschaften und stärkt Schwestergesellschaften der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung weltweit. Astrid Nissen, die Leiterin des Departements Internationales erklärt, warum dieser Weg der richtige ist und weshalb Solidarität über Grenzen hinweg entscheidend bleibt.
Interview
•Tanja Reusser & Franziska Bundi
Interview mit Astrid Nissen
Astrid Nissen
Leiterin Departement InternationalesAstrid Nissen arbeitet seit 2020 beim SRK und leitet seit Februar 2026 das Departement Internationales. Zuvor war sie rund 20 Jahre im Ausland tätig, unter anderem in Haiti und im Nahen Osten. Sie studierte internationales Recht, Englisch sowie Politikwissenschaften.
Was war besonders prägend im laufenden Jahr – positiv wie auch herausfordernd?
Im Januar besuchte der Präsident des Palästinensischen Roten Halbmonds (PRH) das SRK. Seit Juni 2025 bauen wir eine Partnerschaft auf. Ich kenne Dr. Younis Al Khatib schon lange und schätze ihn sehr. Seine Organisation muss enorme Herausforderungen bewältigen, um die notleidende Bevölkerung in Gaza zu unterstützen.
Ende Februar kam es zur Eskalation im Nahen Osten. Wir sind auf solche Ereignisse vorbereitet und arbeiten mit strikten Sicherheitsrichtlinien. Trotzdem bin ich sehr besorgt um unsere Mitarbeitenden vor Ort und die Kolleginnen und Kollegen unserer Schwestergesellschaften.
Die Zusammenarbeit des SRK mit seiner Schwesterorganisation ist eine Partnerschaft. Was bedeutet das?
Es bedeutet, dass wir die «Hilfe zur Selbsthilfe» konsequent umsetzen. Eine Partnerschaft ist eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Die Rotkreuz- oder Rothalbmondgesellschaft des jeweiligen Landes definiert ihre Ziele, leitet die Programme und setzt diese um. Wir beraten, begleiten und unterstützen finanziell.
Wir als Partner beraten, begleiten und unterstützen finanziell. Wenn es sinnvoll ist, unterstützen wir auch mit Personal.
Über unser internationales Netzwerk wissen die Schwestergesellschaften, womit wir sie unterstützen können. Es liegt an ihnen, uns anzufragen. Gemeinsam prüfen wir dann, ob eine Partnerschaft sinnvoll und nachhaltig ist.
Hat das SRK dadurch weniger Einfluss auf die internationale Zusammenarbeit?
Nein, aber unsere Rolle und Arbeitsweise haben sich geändert. Zu Beginn einer Partnerschaft prüfen wir gemeinsam kritisch, ob Massnahmen sinnvoll und wirksam sind. Unsere Erfahrung aus anderen Regionen und unser Blick von aussen sind dabei wertvoll für unsere Partner. Wir legen ebenfalls gemeinsam fest, wie wir die Wirkung messen. So stellen wir sicher, dass die uns anvertrauten Spendengelder gezielt eingesetzt werden. Wenn Zwischenziele nicht erreicht werden, schlagen wir Anpassungen vor.
Braucht Zusammenarbeit mit lokalen Partnern weniger finanzielle Mittel?
Längerfristig ja. Es wird immer deutlicher, dass in der Entwicklungszusammenarbeit künftig weniger Geld zur Verfügung stehen wird. Deshalb suchen wir einen Weg, um mit weniger Mitteln möglichst viel zu erreichen. Die lokale Selbstbestimmung – also mehr Verantwortung vor Ort – ist nachhaltiger und damit wirksamer. Unsere Schwestergesellschaften werden dadurch widerstandsfähiger und unabhängiger von internationaler Unterstützung. Daher hat das SRK das Manifest für die lokale Verankerung der Internationalen Zusammenarbeit unterzeichnet. Wir zählen in der Schweiz zu den Pionieren diesbezüglich.
Braucht es künftig Organisationen wie das SRK noch, welche die Entwicklungszusammenarbeit fördern?
Ja, denn unsere fachliche Beratung und der Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe stärken unsere Schwesterorganisationen nachhaltig und fördern den Fortschritt. Gleichzeitig sorgen wir dafür, dass Spendengelder wirksam für notleidende Menschen eingesetzt werden. Eine wichtige Aufgabe des SRK ist es zudem, über die Lebenssituation von Menschen in Not zu berichten und die Bedürfnisse der Verletzlichsten sichtbar zu machen.
Solange die Kluft zwischen Reichtum und Armut gross ist, appellieren wir an die Solidarität – man könnte sagen, sie ist der inoffizielle achte Grundsatz unserer Bewegung.
Zudem leisten die finanziell stärkeren Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften weltweit Nothilfe, wenn sie nach einer Katastrophe angefordert werden. Das wird sich kaum ändern.
Das bedeutet, das SRK leistet weiterhin Nothilfe-Einsätze, wenn es nach einer Katastrophe dazu aufgefordert wird?
Das ist richtig. Der Bedarf an Katastrophenhilfe wird steigen. Doch sie ist teuer, weil wir die Einsatzfähigkeit permanent sicherstellen müssen. Das heisst: Wir lagern im In- und Ausland die nötigsten Hilfsgüter und schulen laufend Fachpersonen. Für mehrwöchige Einsätze können wir nebst unseren Mitarbeitenden auf ein Netzwerk mit Fachleuten aus den Bereichen Logistik und Medizin zurückgreifen. Sie arbeiten ansonsten für ein Unternehmen oder in einer Gesundheitseinrichtung.
Was bereitet dir am meisten Sorgen?
Global gesehen ist es unmöglich, einen Punkt hervorzuheben. Es ist eine Kombination: geringere finanzielle Mittel für die notleidenden Menschen und zunehmende Konflikte – die Hilfe wird dringender, aber gleichzeitig auch schwieriger. Hinzu kommen die Folgen des Klimawandels.
Was motiviert dich persönlich für deine Arbeit?
Genau das, was mir Sorgen bereitet. Ich möchte dazu beitragen, Lösungen zu finden, um mit den vorhandenen finanziellen Mitteln möglichst viele Menschen zu erreichen.
Wir dürfen keine Abstriche machen auf Kosten der Verletzlichsten. Genau das treibt mich jeden Tag an.
Manifest für lokale Verankerung der Internationalen Zusammenarbeit
Das SRK setzt in der internationalen Zusammenarbeit auf lokale Selbstbestimmung und gleichberechtigte Partnerschaften. Zusammen mit 40 Schweizer NGOs hat das SRK ein Manifest unterzeichnet, das diese Haltung festhält. Lanciert wurde es von Alliance Sud, dem Schweizer Kompetenzzentrum für internationale Zusammenarbeit und Entwicklungspolitik.
