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Ein Jahr nach der Katastrophe in Blatten

Als der Bergsturz am 28. Mai 2025 Blatten verschüttet, verlieren 302 Menschen ihr Zuhause. Auch Katharina und Klaus Ritler müssen von einem Moment auf den anderen ihr altes Leben zurücklassen. Die Solidarität und finanzielle Unterstützung, die sie unter anderem vom SRK erhalten, helfen ihnen in dieser schwierigen Situation.

Reportage

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Auf der Fahrt mit dem Postauto von Goppenstein nach Wiler ist schon bald der gewaltige Schuttkegel zu sehen, der seit dem 28. Mai 2025 das Gesicht des Lötschentals unwiderruflich verändert hat. Am oberen Dorfrand von Wiler ist Endstation. Die Weiterfahrt via Blatten zur Fafleralp ist seit dem Bergsturz unterbrochen. Klaus Ritler, 60, wartet an der Haltestelle. Der Schuttkegel erscheint hier nah. «Fast mein ganzes Leben haben wir in Blatten verbracht», sagt er und zeigt auf die Stelle, wo das Dorf einst lag. «Alles, was mir im Alltag Freude machte, liegt dort begraben.»

Unersetzliches für immer verloren

Ich begleite ihn in die Zweieinhalbzimmerwohnung, in der er und seine Frau derzeit leben. Nach der Evakuation wohnten sie zuerst in einem Ferien-Chalet. Doch weil dieses im Winter an Stammgäste vermietet wird, mussten sie noch einmal umziehen. Katharina Ritler, 58, hat bis zum Bergsturz mit einer Kollegin den Dorfladen in Blatten geführt. Seit August arbeitet sie Teilzeit im Volg in Wiler. «Es ist nicht dasselbe wie vorher. Aber ich bin froh, habe ich diese Arbeit. Sie lenkt mich ab», sagt sie.

Klaus Ritler stellte Holzmasken her – nur zwei Fotos erinnern noch daran.
Wenn ich bei der Evakuation realisiert hätte, dass wir nie mehr zurückkönnen, hätte ich andere Sachen mitgenommen.

Katharina Ritler

Das Ehepaar gehört zu den 302 Menschen, die beim Bergsturz alles verloren haben. Die meisten von ihnen leben weiterhin im Lötschental, verteilt auf die Dörfer Wiler, Kippel und Ferden. Zum geplanten Wiederaufbau von Blatten sind noch viele Fragen ungeklärt. Für die Ritlers ist es deshalb schwierig, Zukunftspläne zu schmieden. Katharina Ritler kann sich ein Leben im «neuen Blatten» gut vorstellen, auch weil die Familie der Tochter mit den beiden Enkelkindern zurück möchte. Klaus Ritler hingegen ist skeptisch: «Es wird nie mehr so sein wie vorher.» Besonders schmerzt den Elektromonteur der Verlust seiner geliebten Werkstatt, die genau wie ihr Wohneigentum verschüttet wurde. «In fünf Jahren werde ich pensioniert. Ich hatte vor, noch mehr zu schreinern und zu tüfteln. Jetzt ist alles weg.» Der Mann, der sein Leben lang voller Energie war, empfindet oft eine grosse Leere.

Auch Katharina Ritler vermisst so vieles: Die Fotoalben, den Schmuck, ihre handgewebten Stoffe und die Holzmasken, die ihr Mann in stundenlanger Arbeit gefertigt hatte. Nichts davon existiert noch. «Wenn ich bei der Evakuation realisiert hätte, dass wir nie mehr zurückkönnen, hätte ich andere Sachen mitgenommen», sagt sie. Doch es ging alles sehr schnell: «Innerhalb einer Stunde mussten wir in der Turnhalle sein», erinnert sie sich. In aller Eile packten sie zwei Koffer mit dem Nötigsten: Kleider, Bargeld, Ausweise und Bankkarten. Von den zwei Katzen war nur eine da. «Die jüngere, unsere Neisli, konnten wir nicht finden, wir haben sie nie wieder gesehen.»

Neun Tage später, am 28. Mai, donnerte der Berg zu Tal. Klaus Ritler war in dem Moment draussen oberhalb von Wiler: Lärm, Staub, neun Millionen Kubikmeter Fels und Eis – und Blatten war verschwunden. «Diesen Moment werde ich nie vergessen», sagt er. Erst vor wenigen Tagen habe er wieder davon geträumt.

Schwieriger Blick nach vorne

Das Drama löste eine Welle der Solidarität aus. Schweizweit gingen zahlreiche Spenden ein, auch beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Gemeinsam mit Caritas und der Glückskette unterstützt das SRK seither die Menschen von Blatten: Zuerst mit einer Soforthilfe von 2000 Franken pro Person zur freien Verwendung. Danach setzt das SRK Spendengelder ein für nicht gedeckte zusätzliche Wohnkosten, für unversicherte Restkosten oder Schäden. Der Kanton Wallis hat eine Spendenkommission gegründet, welche die Unterstützungsgesuche prüft und koordiniert. Wim Nellestein, Koordinator für Katastrophenhilfe Inland, vertritt das SRK in der Spendenkommission: «Es gibt teils hohe Kosten, die weder von Versicherungen noch durch andere Beiträge oder Subventionen übernommen werden», so Nellestein. «Einige Betroffene belasten diese Kosten sehr stark, da sie über kein Vermögen verfügen und kein hohes Einkommen haben. Wir unterstützen gezielt die Härtefälle.» Die Spendenkommission stellt sicher, dass niemand doppelt unterstützt wird und dass die Spendengelder gerecht verwendet werden.

Einige Betroffene belasten diese Kosten sehr stark, da sie über kein Vermögen verfügen und kein hohes Einkommen haben. Wir unterstützen gezielt die Härtefälle.

Wim Nellestein

Das Ehepaar Ritler erhält unter anderem Beiträge an den Selbstbehalt für sein verlorenes Wohneigentum sowie an die Kosten eines Rasentraktors, den es kurz zuvor angeschafft und noch nicht versichert hatte. «Erst wenn feststeht, was die neue dauerhafte Wohnlösung kostet, ist klar, welche Restkosten in diesem Zusammenhang entstehen», erklärt Wim Nellestein. Deshalb gelte es darauf zu achten, dass noch Spendengelder vorhanden sind für Betroffene, die sich ein neues Zuhause nur schwer leisten können – wo auch immer dieses sein wird. «Diese Solidarität ist tröstlich. Wir sind sehr dankbar für die Unterstützung», sagt Katharina Ritler.

Die Spendengelder flossen in den Fonds «Naturkatstrophen Schweiz». Sollten nach Abschluss der Hilfe für die Menschen von Blatten noch Mittel übrig sein, werden sie für künftige Naturkatastrophen in der Schweiz eingesetzt.

Hilfe nach Naturkatastrophen in der Schweiz

Naturkatastrophen nehmen zu. Das Schweizerische Rote Kreuz (SRK) unterstützt mit Freiwilligen und mit finanziellen Beiträgen. Freiwillige des SRK und seiner Rettungsorganisationen unterstützen die Behörden dort, wo zusätzliche Hilfe benötigt wird. Suchteams von REDOG spüren mit Rettungshunden verschüttete Menschen auf. Mitglieder der SLRG suchen nach Vermissten im und am Wasser. Freiwillige von Samariter Schweiz sowie des Schweizerischen Militär- Sanitäts- Verbandes unterstützen die medizinische Erstversorgung. In Härtefällen hilft das SRK betroffenen Personen, Vereinen sowie kleinen bis mittleren Unternehmen mit Beiträgen, die aus Spendengeldern finanziert werden. Deshalb sind Spenden für den Fonds «Naturkatastrophen Schweiz» willkommen. Informationen für Betroffene von Naturkatastrophen in der Schweiz:

Katastrophenhilfe in der Schweiz

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