
Vermisste Angehörige im Konfliktgebiet
«Das bin ich auf dem Arm meiner Grossmutter Lydia!» Sacha zeigt auf ein Foto auf dem Tisch im Büro des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) in Wabern bei Bern. Die 20-Jährige besucht zusammen mit ihrer Mutter Natalya Girard die Leiterin des Suchdienstes SRK, Nicole Windlin. Mutter und Tochter sind da, um dem Suchdienst SRK für seine Arbeit zu danken.
Reportage
Wenn jeder Kontakt abbricht
Natalya Girard lebt seit bald 20 Jahren in der Schweiz. Die alleinerziehende Mutter war bis 2021 mit einem Schweizer verheiratet. Die 46-Jährige hat drei Kinder. Tochter Sacha ist ihr ältestes Kind. Sie hat schöne Erinnerungen an die unbeschwerte Zeit bei den Grosseltern in der Ukraine, als sie noch klein war. Natalya Girard besucht mit den drei Kindern regelmässig ihre Eltern. Trotz der grossen Distanz fühlen sie sich nah und pflegen engen Kontakt über Telefongespräche und Video-Telefonate.
2021 stirbt der Vater von Natalya Girard. Umso intensiver kümmert sie sich aus der Ferne um ihre Mutter, die nun allein lebt. Am 24. Februar 2022 eskaliert der Konflikt in der Ukraine. Immer wieder erreichen beunruhigende Medienberichte die Familie in der Schweiz. Sie telefonieren noch häufiger mit Mutter und Grossmutter Lydia Pupenko. Dann bricht der Kontakt ab. Sie befürchtet das Schlimmste, die Ungewissheit quält die Familie.
Alles tun, was möglich ist
Da fällt Natalya Girard ihre Freundin aus Kindertagen ein. Sie lebt im selben Dorf wie ihre Mutter. Sie bittet sie, nach ihrer Mutter zu sehen. Aber Ende März 2022 flieht die Freundin aus dem umkämpften Gebiet. Wieder reisst jeder Kontakt zu Mutter Lydia ab. Die Wochen vergehen. Natalya Girard verfolgt intensiv die Medienberichterstattung über die Lage in der Ukraine. Ihre Angst nimmt immer mehr zu.
Eine solche Ungewissheit ist sehr schwer zu ertragen. Diese Verzweiflung der Angehörigen spüren wir beim Suchdienst SRK täglich.

Natalya Girard erfährt im Juni 2022 durch eine Beratungsstelle vom kostenlosen Angebot des SRK für Familienangehörige. Natalya Girard und ihre Tochter schöpfen wieder Hoffnung. Der Suchdienst SRK nutzt das weltumspannende Netzwerk der Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung. Die Suche nach vermissten Personen in Konfliktgebieten und nahe der Front ist allerdings besonders heikel.
Grosse Dankbarkeit für die letzten Worte
Das Warten auf eine Nachricht fällt Natalya Girard genauso schwer wie ihrer Tochter. Nach einem halben Jahr gibt es immer noch keine Neuigkeiten. Dann endlich die lang ersehnte Nachricht: Eine Mitarbeitende des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) konnte die 83-Jährige besuchen. Am 27. Januar 2023 klingelt das Telefon von Natalya Girard. Nach fast einem Jahr hört sie die Stimme ihrer Mutter wieder. Dank der Telefonkarte, die Lydia Pupenko vom IKRK erhält, können sie wieder telefonieren. Natalya Girard wünscht sich, dass ihre Mutter zu ihr in die Schweiz kommt, wo sie sicher wäre. Doch ihre betagte Mutter fühlt sich zu schwach für die grosse Reise. Sie will nicht weg. Am 4. September 2023 stirbt Lydia Pupenko.

Ich bin so froh und dankbar, dass ich Lydia noch einmal am Telefon hörte. Das war ein grosses Geschenk.
GUT ZU WISSEN
Der Suchdienst SRK
Die Suche nach vermissten Menschen gehört zu den ältesten Aufgaben des Roten Kreuzes. Nach der Schlacht von Solferino schrieb Henry Dunant die letzten Worte von Sterbenden auf, um sie an die Angehörigen weiterzuleiten. Nach den beiden Weltkriegen half das Rote Kreuz Millionen von Familien, das Schicksal von Vermissten zu klären und Familien zusammenzuführen.
Dank dem weltweiten Netzwerk der Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung und mit Hilfe des IKRK kann das SRK auch in Kriegs- und Konfliktregionen nach Vermissten suchen und Kontakte zwischen Familienangehörigen wiederherstellen. Die Unterstützung ist für Betroffene in der Schweiz kostenlos. Möglich ist diese wichtige humanitäre Arbeit nur dank Spenden.
Der Besuch beim Suchdienst SRK hat mich tief berührt. Ich hoffe, dass suchende Kinder, Mütter, Väter ihre Liebsten wiederfinden oder zumindest Gewissheit erhalten, wo sie sind.
Mélanie Freymond, Moderatorin und SRK-Botschafterin

