Header

Meta Navigation

Leichte Sprache

Main Navigation

Rettungseinsatz aus der Perspektive, der auf der Ocean Viking bleibenden Crew. In der Distanz sind Gummiboote zu sehen.

«Je schneller sie Gewissheit haben, desto besser»

Reportage

Jedes Jahr überqueren tausende von Menschen das Mittelmeer. Ihre Angehörigen sind dabei oft im Ungewissen. Dank der Seenot-Rettenden der Ocean Viking und dem Suchdienst SRK fanden zwei Schwestern aus Eritrea wieder zusammen.

Matthias Karakus konnte spüren wie sehr Lishan Berhe* sich über seinen Anruf freut. «Sie war unglaublich erleichtert zu hören, dass es ihrer Schwester gut geht», erzählt der Mitarbeiter des Suchdienstes SRK. Ihre Schwester Meklit Berhe* war zu diesem Zeitpunkt noch auf der Ocean Viking. Das ehemalige Frachtschiff ist auf dem Mittelmeer unterwegs und rettet Menschen vor dem Ertrinken. Dank der Seenotretterinnen ist Meklit Berhe heute noch am Leben.

Die Ocean Viking (SOS Méditerranée) und die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) arbeiten zusammen. Ein Teil des sogenannten «Post Rescue Teams» wird durch die IFRC gestellt. Dieses Team ist unter anderem für die Koordination an Bord zuständig. Dazu gehören die Versorgung der Überlebenden und deren soziale Begleitung.

An Bord der Ocean Viking

Ein Podcast an Bord der Ocean Viking, produziert vom Magazin der Rotkreuz- / Rothalbmond-Bewegung. Zu Wort kommen sowohl die Seenotretterinnen und -retter als auch gerettete Menschen, die dank der Ocean Viking die Mittelmeer-Überquerung überlebt haben.

Reinhören (in Englisch)
Öffnet ein neues Fenster

Flucht über das Mittelmeer

Im Winter 2022 besteigt die Eritreerin Meklit Berhe in Libyen mit über 30 anderen Personen ein seeuntaugliches Holzboot. Ihre Schwester wusste nichts davon. Meklit Berhe war insgesamt 22 Tage auf dem Mittelmeer, vier Tage auf dem Holzboot und 18 Tage auf der Ocean Viking. Als Matthias Karakus die Schwester anruft, macht sie sich bereits grosse Sorgen. Sie hatte seit zwei Wochen nichts mehr von Meklit gehört und konnte sie nicht erreichen. Sie war sehr erleichtert zu wissen, wo ihre Schwester ist. Endlich konnte sie wieder schlafen und sich auf ihre Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit und ihre Tochter konzentrieren.

An Bord der Ocean Viking

Gewissheit dank dem Suchdienst

Sobald die Seenotretter der Ocean Viking Menschen aus dem Mittelmeer retten, erhalten sie im Gespräch Namen von Personen, die informiert werden sollen. Dabei werden Name, Nummer, Verwandtschafts-Verhältnis und Aufenthaltsland der Angehörigen aufgenommen. Die Seenotretterinnen geben diese Angaben an das Netzwerk «Restoring Family Links» weiter. Und so hat Lishan Berhe eine der wohl wichtigsten Nachrichten ihres Lebens erhalten: die Nachricht, dass ihre Schwester die Mittelmeer-Überquerung überlebt hat.

Sobald wir die Kontaktangaben der geretteten Menschen erhalten, versuchen wir umgehend ihre Angehörigen in der Schweiz zu kontaktieren. Je schneller sie Gewissheit haben, desto besser.

Matthias Karakus, Mitarbeiter Suchdienst SRK

KURZ ERKLÄRT

Restoring Family Links

Das Netzwerk «Restoring Family Links» besteht aus dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) und den Nationalen Gesellschaften der Rotkreuz- und Rothalbmond-Organisationen. Das Netzwerk lokalisiert Menschen, tauscht Nachrichten aus, führt Familien wieder zusammen und klärt das Schicksal von vermissten Personen.

Netzwerk Restoring Family Links
Öffnet ein neues Fenster

Legale Zugangswege

Weil sichere Zugangswege nach Europa fehlen oder sehr begrenzt sind, machen sich jedes Jahr zehntausende Menschen an die Überquerung des Mittelmeers. In ihrer Not lassen sie all ihren Besitz, Familie, Freunde, Vertrautes und bis dahin Erreichtes hinter sich. Sie sind verzweifelt auf der Suche nach Asyl und einem besseren Leben. Dafür riskieren sie ihr eigenes Leben. Immer wieder sterben Menschen, beim Versuch über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen. In den ersten drei Monaten des Jahres 2023 sind laut der Internationalen Organisation für Migration bereits über 440 Menschen bei ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken. Im Jahr 2022 starben dabei über 2'400 Menschen. Im Schnitt ertranken also sechs Menschen pro Tag.

Ungewisse Zukunft

Meklit Berhe ist nun seit mehr als zwei Monaten bei ihrer Schwester in der Schweiz. Sie wartet im Moment auf den Entscheid, ob sie in der Schweiz bleiben kann. Vielleicht wird sie nach Frankreich zurückgeschickt, dorthin wo die Ocean Viking angelegt hatte, wo sie das erste Mal europäischen Boden betrat. Doch in Frankreich hat sie niemanden und wäre ganz auf sich allein gestellt. In der Schweiz könnten sich die Schwestern gegenseitig unterstützen. Ein intaktes Familienleben kann eine wertvolle Ressource sein, indem sich die Familienmitglieder gegenseitig stärken. Wer die Familie hingegen vermisst, kann Mühe haben, die Herausforderungen des Alltags zu bewältigen und ist sozial und gesundheitlich oft stark belastet.

*Zum Schutz der Privatsphäre wurden die Namen geändert und Bilder einer anderen Rettungsaktion verwendet.

BLICK ZURÜCK

Suchdienst SRK

Seinen ideellen Ursprung hat der Suchdienst 1859 auf dem Schlachtfeld von Solferino. Henry Dunant engagierte sich dort für die Verletzlichsten: Er verband Wunden, gab Soldaten, die mit dem Tod rangen, zu trinken und notierte Abschiedsbotschaften von Sterbenden. Diese Botschaften konnten später an Verwandte übermittelt werden, die somit wussten, was mit ihren Angehörigen geschehen war. Offiziell gegründet wurde der Suchdienst SRK in der Nachkriegszeit. In jenen Jahren gingen unzählige Suchanfragen von Zivilpersonen und Kriegsgefangenen ein. Die Bearbeitung dieser Anfragen wurde 1947 das erste Mal im Jahresbericht des SRK erwähnt.

Geschichte des Suchdienst SRK
Öffnet ein neues Fenster

Diese Seite teilen