22. März 2021

Covid-19-Impfung

«Solidarität beim Impfen ist auch eine Frage der Vernunft»

Um die Corona-Pandemie zu überwinden muss ein Grossteil der Bevölkerung geimpft sein. In armen Ländern wird dies noch sehr lange dauern. Der Impfstoff ist knapp, zudem sind die logistischen Hürden enorm. Jutta Engelhardt, Leiterin des Stabs Grundlagen und Entwicklung des SRK, gibt Auskunft zu den Herausforderungen vor Ort.

Die Covid19-Impfung ist ein grosses Thema in der Schweiz. Wie sieht die Situation in den Einsatzländern des SRK aus?

Jutta Engelhardt: Bangladesch und Nepal sind die ersten Einsatzländer des SRK, in denen mit dem Impfen begonnen wurde und unsere Partner involviert sind. Möglich ist dies, weil beide Länder im Rahmen der Covax-Initiative von Indien Impfstoff erhalten haben. Mit der Covax-Initiative verpflichten sich reichere Länder dazu, ärmeren Ländern einen Teil des Impfstoffs zukommen zu lassen. Das ist nicht nur eine Frage der Solidarität und der Gerechtigkeit, sondern auch der Vernunft: Die Covid-19-Pandemie ist eine globale Herausforderung und kann nicht in einem einzelnen Land überwunden werden. Es braucht einen gemeinsamen, internationalen Effort.

Die Freiwilligen des Roten Halbmondes betreuen die impfwilligen Personen und informieren sie über die Notwendigkeit der zweiten Dosis.

Was macht der Rote Halbmond in Bangladesch konkret?

Die Gesundheitsbehörden haben den Roten Halbmond um Unterstützung angefragt. Er engagiert sich bei der Aufklärung der Bevölkerung und auch in den Impfzentren. Die Freiwilligen des Roten Halbmondes betreuen die impfwilligen Personen und informieren sie über die Notwendigkeit der zweiten Dosis. Sie unterstützen die Ärztinnen und Ärzte bei der Einhaltung der Sicherheitsmassnahmen und stellen die Abfallentsorgung sicher. Für all dies bildet der Rote Halbmond rund 15’000 Freiwillige aus. Das SRK unterstützt das Engagement seines langjährigen Partners mit vorerst 200'000 Franken.

Warum sind andere Länder noch nicht so weit?

In den meisten ärmeren Ländern gibt es bisher noch gar keinen Impfstoff. Dazu kommt, dass solch umfassende Impfkampagnen logistisch extrem anspruchsvoll sind. Wir sehen es bei uns: Auch die Schweiz kämpft mit grossen Problemen, um ihre 8.6 Mio Einwohner zu impfen. Noch viel schwieriger ist es in unseren Einsatzgebieten in Asien, Afrika und Lateinamerika. Viele Menschen wohnen weit weg vom nächsten Gesundheitszentrum. Es fehlt an Geburtsregistern für eine systematische Erfassung der Impfwilligen. Der fachgerechte Transport und die Kühlung des Impfstoffes ist kaum möglich. Zudem fehlt teilweise auch das Vertrauen in die Schulmedizin – um nur einige Herausforderungen zu nennen. 

Viele Menschen haben Angst, dass sie von der Impfung krank werden, oder dass sie als Testpersonen missbraucht werden. Hier spielt das Rote Kreuz eine wichtige Rolle.

Wie steht es mit den «Corona-Skeptikern»?

Fehlinformationen und Gerüchte sind weit verbreitet, schon seit Beginn der Pandemie. Viele Menschen haben Angst, dass sie von der Impfung krank werden, oder dass sie als Testpersonen missbraucht werden. Hier spielt das Rote Kreuz eine wichtige Rolle. Mit seinen lokalen, gut geschulten Freiwilligen ist es nahe bei den Menschen. Die Freiwilligen sind Teil der Gemeinschaften, kennen die Sprache und die Gewohnheiten der lokalen Bevölkerung und haben ihr Vertrauen. Letztes Jahr haben Rotkreuz-Freiwillige weltweit mehr als 300 Millionen Menschen über Covid-19 informiert und so die Präventionskampagnen bis in entlegene Dörfer gebracht. Bei der Impfung können sie wieder diese wichtige Rolle spielen.

Wie engagiert sich das SRK?

Wir sind in engem Kontakt mit unseren Partnern vom Roten Kreuz und Roten Halbmond in den jeweiligen Ländern. Schon im ersten Jahr der Pandemie hat das SRK seine Programme flexibel umgestellt. Es hat Informationskampagnen, die Schulung von Freiwilligen oder die Verteilung von Schutzmaterial ermöglicht. Jetzt bereiten die lokalen Teams ähnliche Massnahmen vor und das SRK unterstützt sie dabei. Damit die Impfkampagnen erfolgreich anlaufen und auch die Verletzlichsten erreichen – sobald der nötige Impfstoff zur Verfügung steht.