Interview mit Sozialarbeiter Abi Lbadaoui

«Die Pandemie hat den Bedarf verzehnfacht»

Das Freiburgische Rote Kreuz verteilte im April an 260 notleidende Familien Taschen mit Grundbedarfsartikeln, die im Rahmen der Aktion «2x Weihnachten» gesammelt wurden. Der Sozialarbeiter Abi Lbadaoui erzählt von seiner Arbeit und der Not der Menschen, die ihn aufsuchen.

Worin besteht Ihre Arbeit?

Ich betreue Menschen, die sich in einer schwierigen Lage befinden. Ich empfange sie nach Terminvereinbarung, damit sie mir ihre Probleme schildern können. So lerne ich ihre familiäre und finanzielle Situation kennen. Ich berate sie, zeige ihnen Wege auf, wie sie ihren Alltag verbessern können, und helfe ihnen bei Verwaltungsangelegenheiten. Die Pandemie hat den Bedarf verzehnfacht. Viele Menschen fühlen sich einsam, haben das Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen und ihre Geschichte zu erzählen. 2020 haben wir 800 Personen betreut.

Was für Menschen suchen Ihren Rat?

Wir haben mit den unterschiedlichsten Menschen zu tun. Manche sind direkt von der Krise betroffen, weil sie in Kurzarbeit geschickt wurden und nur noch 80 Prozent ihres bereits bescheidenen Lohns erhalten. Für Paare, bei denen nur einer der Partner arbeitete oder die sehr wenig verdienten und beide in Kurzarbeit sind, ist dies eine Katastrophe. Schon vor der Pandemie kamen sie nur knapp über die Runden und durch die Lohneinbusse sind sie in Not geraten.

Letztes Jahr haben uns auch Selbstständige, die keine Arbeit mehr hatten und trotzdem ihre Rechnungen bezahlen mussten, um Hilfe gebeten. Ausserdem haben uns Studierende aufgesucht, die kleine Nebenjobs in Kinos oder Restaurants hatten, jetzt aber ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten. Eine weitere Gruppe sind Rentnerinnen und Rentner, die arbeiten mussten, um ihre magere Rente aufzubessern. Aufgrund der Pandemie wurden sie arbeitslos und mussten uns ebenfalls um Hilfe bitten.

Konnten Sie auf all diese Bitten eingehen?

Angesichts der hohen Zahl an Unterstützungsgesuchen und da wir dachten, die Situation sei nur vorübergehend, entschieden wir, uns vorrangig um die Menschen zu kümmern, die keine Sozialhilfe erhielten. Dank der Glückskette waren wir in der Lage, Rechnungen für Mieten oder Krankenkassenprämien im Umfang von 150 000 Franken zu übernehmen. Zudem konnten wir viele Kurzarbeiterinnen und Kurzarbeiter mit B-Bewilligung unterstützen. Diesen droht nämlich der Verlust ihrer Aufenthaltsbewilligung, wenn sie Sozialhilfe beantragen. Dasselbe gilt für Beschäftigte, die schwarz arbeiten. Diese sind vorher nie zu uns gekommen und plötzlich stecken sie in grossen Schwierigkeiten. Ganze Familien sind betroffen.

Ausserdem mussten wir die Menschen auswählen, die ein Paket mit Grundbedarfsartikeln abholen konnten. Von den 800 betreuten Personen haben wir dieses Jahr 260 Personen mit besonders tiefem Einkommen berücksichtigt.

Heute Morgen kamen viele Alleinerziehende, um ein Paket mit Grundbedarfsartikeln abzuholen.

Ja. Sie haben sicher gesehen, dass oft Frauen diese Hilfspakete abholen. Lebensmittel abzuholen ist mit einer gewissen Scham verbunden. Männer wagen oft nicht herzukommen, und die Kinder wissen nichts von der Situation ihrer Eltern. Die Betroffenen bitten wirklich erst um Hilfe, wenn es nicht mehr anders geht. Die Gesundheitskrise hat auch Kollateralschäden verursacht. Der Teil-Lockdown und die finanziellen Probleme haben Beziehungskonflikte noch verschärft. Nach einer Trennung oder Scheidung standen viele Frauen mit den Kindern allein da.

Fühlen Sie sich nicht manchmal ohnmächtig angesichts all dieser schwierigen Situationen?

Für uns ist es tatsächlich emotional schwer zu ertragen. Manchmal weinen die Leute, wenn sie ihre Geschichte erzählen. Sie haben Angst, sind beunruhigt und wissen nicht, was mit ihnen geschehen wird. Letztes Jahr konnten viele noch auf ihre Ersparnisse zurückgreifen, aber nun stossen sie wirklich an ihre Grenzen. Wir spüren, dass die eigentliche soziale Krise erst jetzt beginnt.

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