Corona-Pandemie weltweit

«Die sozialen Folgen von Corona werden enorm sein»

Mit lokalen Aufklärungskampagnen und Projektanpassungen in seinen 30 Einsatzländern hat das Schweizerischen Rote Kreuz (SRK) auf die Corona-Pandemie reagiert. «Die sozialen Folgen werden enorm sein, unser Einsatz für die Verletzlichsten ist jetzt besonders wichtig», sagt Thomas Gurtner, der Leiter der Internationalen Zusammenarbeit des SRK.

Die Corona-Pandemie trifft arme Länder noch viel härter als uns in der Schweiz. Die sozialen Systeme sind schwächer ausgebaut, zudem fehlt es vielerorts an staatlichen und privaten Mitteln, um Krisen zu überbrücken. Umso wichtiger ist die Rolle des Roten Kreuzes, das mit allen Mitteln unterstützt, wenn der Staat wichtige Leistungen nicht erbringen kann.  

Seit Beginn der Pandemie unterstützt das SRK in seinen Programmländern die Präventionskampagnen der jeweiligen Gesundheitsministerien via seine nationalen Rotkreuz- und Rothalbmondpartner. Aufgrund des Lockdowns war es nicht möglich, spezialisierte Nothilfe-Teams zu entsenden, wie das SRK dies im Rahmen der internationalen Katastrophenhilfe normalerweise tut. Doch die Delegierten vor Ort können auf gut eingespielte lokale Teams zurückgreifen. Das langfristige Engagement des SRK, das auch die Stärkung der lokalen Partner sowie die Rekrutierung und Schulung von Rotkreuz-Freiwilligen umfasst, hat sich auch in dieser Krise bewährt.  

Vertrauensvorsprung des Roten Kreuzes

In Ländern wie Malawi, Nepal oder Honduras trägt das SRK massgeblich dazu bei, die Corona-Kampagnen auch in abgelegene Dörfer zu tragen. Dort hat es, dank dem Netzwerk der Rotkreuz-Freiwilligen, einen Vertrauensvorsprung. Seit Jahren unterstützen ausgebildete Freiwillige die Dörfer bei der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen, etwa bei der Wasserversorgung und der Gesundheit von Müttern und Kindern. Diese positiven Erfahrungen tragen dazu bei, dass die lokale Bevölkerung den Empfehlungen der Rotkreuz-Freiwilligen Folge leistet, die Hygienemassnahmen verschärft und gewisse Einschränkungen im Alltag in Kauf nimmt.  

Prävention übers Radio 

Da die Mobilität und direkte Kontakte in sämtlichen Einsatzländern stark eingeschränkt wurden, ist die Aufklärung, die normalerweise in Gruppen geschieht, nur noch beschränkt möglich. Die Not macht erfinderisch: In Togo und Ghana hat das Rote Kreuz Lieder komponiert, um die wichtigsten Botschaften zur Eindämmung der Pandemie zu transportieren. Diese werden via Radio regelmässig ausgestrahlt und erreichen so auch entlegene Dörfer. Das Radio ist in Afrika, Asien und Lateinamerika noch immer eine wichtige und kostengünstige Informationsquelle, die für alle zugänglich ist. 

Bargeld als Nothilfe 

«Die sozialen Folgen des Corona-Virus werden noch gravierender sein als die gesundheitlichen», betont Thomas Gurtner, der im Februar 2020 die Leitung der Internationalen Zusammenarbeit des SRK übernommen hat. Die Fachleute beim SRK stellen sich auf neue Herausforderungen ein: So wird einerseits die Stärkung der Gesundheitsprävention und -dienstleistungen noch wichtiger sein. Andererseits will das SRK den in Not geratenen Menschen in seinen Projektgebieten auch finanziell unter die Arme greifen. «Mit Bargeldbeiträgen erreicht man oft mehr als mit Hilfsgütern», betont Thomas Gurtner. Denn jede und jeder wisse selber am besten, was er oder sie am dringendsten brauche. 

Millionen Menschen haben aufgrund der Pandemie bereits ihre Arbeit verloren. Meist sind es Menschen in prekären Lebenssituationen, die sich mit informellen Jobs knapp über Wasser halten konnten – und jetzt vor dem Nichts stehen. So etwa syrische Flüchtlinge in Libanon, die wegen dem Lockdown ihre Gelegenheitsjobs verloren haben. Oder Rikscha-Fahrer in Bangladesch, die kaum mehr Arbeit haben, weil das Geschäftsleben stillsteht.  

Malaria und Hunger nehmen zu 

Auch die gesundheitlichen Auswirkungen gehen weit über Corona hinaus. So wurden etwa wegen der eingeschränkten Mobilität Malaria-Präventionskampagnen eingestellt, und die Krankheit breitet sich in benachteiligten Regionen wieder vermehrt aus. Oder Gemeinschaften, die aufgrund einer grassierenden Heuschreckenplage in Ostafrika Hunger leiden, können wegen des Lockdowns nicht mit Lebensmitteln versorgt werden. «In Krisenzeiten trifft es die Verletzlichsten einmal mehr am meisten», so Thomas Gurtner. «Doch genau für sie ist das Rote Kreuz da. Wir setzen uns dafür ein, dass Menschen am Rande der Gesellschaft in dieser Krise nicht vergessen gehen. » 

SRK beschafft Schutzmaterial  

Neben den konkreten Projekten in mehr als 25 Ländern unterstützt das SRK die koordinierte Nothilfe der internationalen Rotkreuzbewegung, sowohl finanziell als auch mit Know-how und dringend benötigten Hilfsgütern. Die Logistik-Einheit des SRK hat Corona-Schutzmaterial im Ausland beschafft – zur Überbrückung von Engpässen in der Schweiz, aber auch für die Partnerorganisationen in Bangladesch, Iran oder Afghanistan. Zudem hat das SRK dem Italienischen Roten Kreuz, dessen über 150'000 Freiwilligen an vorderster Front im Corona-Einsatz stehen, eine umfangreiche Spende an Schutzmasken geliefert.