Nach der Ukraine kommt die Integration in Genf

Reportage • 17.1.2023

Eine Arbeit und Wohnung suchen und die Sprache lernen: Für die ukrainischen Geflüchteten in Genf sind das die grössten Herausforderungen. Im Tageszentrum des Genfer Roten Kreuzes werden sie dabei begleitet und finden Entlastung und menschliche Wärme.

Text: Evelyne Monnay | Bilder: Patrick Gilliéron Lopreno

Es ist 11 Uhr vormittags. Das Tageszentrum des Genfer Roten Kreuzes in Chandieu hat gerade geöffnet und bereits haben sich erste Besucherinnen und Besucher eingefunden. Die Koordinatorin Claire Moretto begrüsst sie fröhlich auf Russisch. Tandems von Geflüchteten und Freiwilligen setzen sich an die Computer und die Kinder stellen sich auf die Zehenspitzen, um die Sandwich-Auswahl des Tages zu begutachten.

Ein gemütlicher Begegnungsort

Eine der Besucherinnen ist die 40-jährige Olga Fedorova. Sie verschwindet in der Küche und bringt mir einen Kaffee. «Die Stimmung hier ist gut, es ist sehr offen, man fühlt sich wie zuhause. Die Kinder spielen und die Freiwilligen können uns helfen. Das ist gut für die Psyche. Sonst denkt man ständig an den Krieg.»

Ihre Zwillingsschwester Iryna Zubovska setzt sich zu uns an den Tisch: «Dieser Ort hilft auch bei der Integration. Wir erhalten nützliche Informationen. Der Arbeitsmarkt beispielsweise unterscheidet sich sehr stark von jenem in der Ukraine.»

Olga Fedorova ist mit ihren Kindern Miron Fedorov und Yana Fedorova in der Schweiz.
Iryna Zubovska wird von ihren Söhnen Yehor Zubovskyi und Igor Bitiukov begleitet.

Olga Fedorova und Iryna Zubovska leben mit ihren Kindern in einer temporären Wohnung in Anières. Sie loben die Liebenswürdigkeit und Geduld ihrer Nachbarn, denn ihre Kinder schlafen manchmal erst spät. In Charkiw, wo die beiden Familien herkommen, wird es abends allerdings früher dunkel als in Genf!

Iryna Zubovska arbeitete dort als Ingenieurin in einer Fabrik. Olga Fedorova war ambulante Ärztin in einem Gebiet der Stadt, das stark bombardiert worden ist. Diese Frage nach der Arbeit würde Olga Fedorova anderen Ukrainerinnen und Ukrainern aber nicht stellen. Für sie ist sie ziemlich persönlich.

Die beiden Frauen machen sich Sorgen um ihre Männer und Angehörigen, die vor Ort geblieben sind. Charkiw als zweitgrösste Stadt des Landes ist zahlreichen Angriffen ausgesetzt. Im Tageszentrum des Genfer Roten Kreuzes können die beiden Familien ihre Angst und Trauer, die ihnen ihre Situation bereiten, für einen Moment ablegen.

Ein Zentrum für alle

Das Tageszentrum des Genfer Roten Kreuzes steht allen geflüchteten Personen offen. Fast alle, die das Zentrum besuchen, stammen aber aus der Ukraine.

Dank Freiwilligen das Leben in der Schweiz verstehen

Olga Fedorova und Iryna Zubovska kommen auch deshalb jeden Tag ins Zentrum, weil sie hier Französisch und Englisch üben und «das Leben in der Schweiz verstehen und in die Mentalität eintauchen» können. Freiwillige aus der Schweiz und aus der Ukraine, die sich im Zentrum engagieren, unterstützen sie dabei. Über hundert von ihnen helfen unter anderem beim Übersetzen und tragen so dazu bei, dass das Zentrum funktionieren kann.

Olga Fedorova sagt: «Die Hilfe der Schweizerinnen und Schweizer ist sehr transparent. Sie bemühen sich, möglichst viele Informationen zu geben, und ihre Kenntnisse der Stadt sind sehr wertvoll. Unter den Ukrainerinnen und Ukrainern gibt es mehr Konkurrenz, aber die Freiwilligen aus der Ukraine bringen auch ein anderes Verständnis mit sich.»

Spiele für die Kinder

Jetzt stürmen lärmend die Kinder an unseren Tisch, in den Händen Joghurtbecher und Löffel. Auch für sie ist das Zentrum sehr wichtig, sagt Olga Fedorova weiter. Sie wollten «nicht in die Schule, sondern lieber nach Chandieu gehen».

In die Zukunft schauen

Olga Fedorova träumt schon eine Weile davon, in einem französischsprachigen Land ein Medizinpraktikum zu machen. Eine Lehrerin hat ihr die Freude an dieser Sprache vermittelt, als sie noch ein Kind war. Nachdem wir uns zu Beginn mit Hilfe einer Dolmetscherin unterhalten haben, tauschen wir uns schliesslich auf Französisch aus – so gut beherrscht sie die Sprache von Molière! Olga Fedorova sieht heute in ihrer Situation eine Gelegenheit, diesen Traum wahr werden zu lassen, neue medizinische Praktiken zu erlernen und ihre Kompetenzen zu verbessern.

Die beiden Schwestern sind der Schweiz und dem Roten Kreuz dankbar für die hilfreiche Unterstützung, aber auch für den Halt und Frieden, die sie im Land gefunden haben. Iryna Zubovska erinnert sich an eine Postkarte, die sie als Kind von ihrer Grossmutter erhalten hatte. Sie sprach davon, wie wichtig es sei, «den Frieden zu schätzen». Heute versteht sie, was die Grossmutter sagen wollte. Sie sehnt sich diesen Frieden herbei und möchte, wenn der Krieg vorbei ist, die Menschen aus der Schweiz in die Ukraine einladen. Nur wenige kennen Charkiw, eine sehr interessante Stadt!

Sich nützlich und damit besser fühlen

Polina Evstigneeva ist gleichzeitig Begünstigte und Freiwillige im Zentrum. Nachdem sie ins Englische übersetzt hat, was uns die Zwillingsschwestern erzählt haben, berichtet sie selbst. Sie ist 32 und im Frühling zusammen mit ihrem sechsjährigen Sohn und ihrem Mann, der in der Ukraine ein Restaurant führte, aus Odessa gekommen. Als ihr Mann arbeitslos wurde, folgte er der Einladung eines befreundeten Gastronomen in Genf. Dieser konnte ihn in seinem Betrieb anstellen und der Familie bei der Unterbringung helfen.

Für die junge Frau war es deshalb sehr wichtig, etwas Nützliches für andere zu tun: «Wenn man ankommt, fragt man sich, was man tun soll. Wenn man für andere nützlich ist, fühlt man sich besser.» Im Zentrum stellt sie ihre Englisch- und Italienischkenntnisse ihren Landsleuten zur Verfügung und lernt selbst Französisch.

Neue Adresse

Centre d’accueil de jour de la
Croix-Rouge genevoise
Rue de Lausanne 67 C
1201 Genève

Weitere Informationen

Das Engagement für andere war für Polina Evstigneeva nichts Neues. Die Soziologin hatte sich bereits in Odessa für obdachlose und ältere Menschen eingesetzt. Sie hatte ausserdem in Italien mit Geflüchteten aus Afrika gearbeitet, die über Libyen nach Europa gekommen waren.

Es ist für mich schwer zu glauben, dass ich jetzt selbst eine Geflüchtete bin. Odessa war sehr schön, es liegt am Meer. Jetzt sind dort Bomben. Es ist fast unwirklich. Mein Sohn möchte zurück. Viele Leute möchten zurückgehen, aber wann? Es gibt dort Minen. Es ist immer noch Krieg, man hört es in den Medien.

Polina Evstigneeva, Freiwillige und Begünstigte des Zentrums

Ein Mittel gegen die Einsamkeit

Auch Polina Evstigneeva betont, wie wichtig das Tageszentrum für die Anpassung und Kommunikation ist. Sie hat hier Freunde gefunden und kann viele Fragen stellen. Ihrem Sohn gefällt es hier. In der Schule ist es mit dem Französischen etwas schwierig.

«Viele kommen nur, um zu reden, um in dieser Stadt nicht allein zu sein. Sie sind zwar häufig bei Familien untergebracht, fühlen sich mit ihren Problemen und dem Kriegsstress aber trotzdem allein. Hier kann man sich entspannen, reden, Kontakte knüpfen. Es ist generationenübergreifend.»

Sichere Informationen erhalten

Sehr wichtig sind auch die systematischen Informationen, die im Tageszentrum erhältlich sind, sagt Polina Evstigneeva. Der Leiter des Zentrums, Adrien Ferrin vom Genfer Roten Kreuz, meint dazu:

Als wir das Zentrum im April eröffneten, herrschte eine grosse Unsicherheit – die Informationen änderten täglich und in den sozialen Netzwerken gab es viele Fake News. Wie die Zwillingsschwestern aus Anières sind rund hundert Personen hier «Stammgäste». Viele kommen aber auch nur einmal, um eine Antwort auf eine sehr präzise Frage zu erhalten.

Adrien Ferrin, Projektleiter

Eine Person des Hospice général (für den Sozialdienst im Kanton Genf zuständige Stelle) ist immer im Zentrum anwesend und beantwortet administrative Fragen. «Ob zum Spital, zu Sprachkursen oder zu Aufenthaltsbewilligungen – man erhält sehr rasch Informationen», sagt Polina Evstigneeva. «Denn vor Ort im Hospice sind sie überlastet.»

Hilfe bei der Arbeitssuche: grosse Nachfrage

Polina Evstigneeva kennt Leute, deren Wohnungssuche dank Informationen, die sie im Zentrum von Chandieu bekommen haben, gelungen ist. In Genf will das etwas heissen! Bei der Stellensuche dauert es etwas länger. «In der Ukraine gibt es keine Bewerbungsschreiben. Im Zentrum erklärt man uns, worum es geht.»

Adrien Ferrin konnte das selbst feststellen: «Die Workshops zur Arbeitssuche sind sehr gefragt.» Heute aber stellt er Stühle für einen anderen Anlass auf. Um 14 Uhr findet eine Informationsveranstaltung zum Thema Wohnen statt und die Teilnehmenden strömen langsam herbei.

Information zum Wohnen in Genf

«Lassen Sie sich nicht entmutigen!»

«Genf ist ein sehr spezifischer Markt. Die Suche nach Mietwohnungen ist schwierig, denn die Nachfrage ist viel grösser als das Angebot. Für jede Wohnung gibt es viele Bewerberinnen und Bewerber, die Mieten sind sehr hoch. Wenn Sie mit Ihrer Suche beginnen, müssen Sie flexibel sein. Sie können sich nicht nur auf das Quartier, das Ihnen gefällt, oder das Stadtzentrum beschränken. Weiten Sie Ihre Suche aus und lassen Sie sich nicht entmutigen. Vielleicht müssen Sie 50 Wohnungen besuchen, bevor Sie etwas finden.»

Die Informationen sprudeln, sie sind transparent, detailliert, vollständig. Die Teilnehmenden machen Notizen, fotografieren Links und Adressen, stellen Fragen.

«Bevor Sie einen langfristigen Vertrag unterschreiben können, werden Sie verschiedene Phasen durchlaufen. Die meisten von Ihnen haben bei Gastfamilien gelebt, einige wechseln in Kollektivunterkünfte – vielleicht in Anières – dann folgen Untermiete, Wohngemeinschaft, Mietvertrag.» Die Referentin geht detailliert auf jede dieser Phasen ein.

Es ist ein heisser Augusttag, die Zahl der Menschen im Saal steigt parallel zur Temperatur. Glücklicherweise ist der Raum durchgängig, so dass Luft zirkulieren kann.

Neben zahlreichen praktischen Informationen wird auch auf die Risiken eingegangen: Betrügereien, illegale Methoden sowie alle spezifischen Verfahren im Zusammenhang mit dem S-Ausweis und dem Hospice général, das die Veranstaltung mitorganisiert.

Die Ungewissheit ist schwierig

Die ungewisse Situation der Geflüchteten ist nicht nur für die Vermieter ein Problem. Auch für die Betroffenen ist sie eine Belastung, sagt Polina Evstigneeva.

Sie selbst möchte als Sozialarbeiterin arbeiten. Wenn sie in die Zukunft blickt, ist es in diese Richtung. In Genf gibt es viele Organisationen, bei denen sie sich bewerben könnte. Aber vorläufig möchte sie den Ukrainerinnen und Ukrainern helfen, denn «es ist sehr schwierig für sie».

Ein Mobiltelefon mit der Anwendung HELPFUL. Eine Frau hält es in den Händen.

HELPFUL | Informationen für Menschen aus der Ukraine in der Schweiz

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