«2 x Weihnachten»

Ein Schulsack auf Reisen

Fast jede 100. Person in der Schweiz hat bei der letzten Sammelaktion «2 x Weihnachten» des Schweizerischen Roten Kreuzes ein Paket gespendet. Ein Teil dieser Waren wird jetzt in Osteuropa verteilt: Eine Reportage aus Bulgarien.

Dies ist die Geschichte eines Schulsacks aus der Schweiz. Eines gebrauchten, rosaroten Mädchenschulsacks, dessen Farbe etwas abgenutzt ist. Dieser Schulsack zaubert Mitte Mai dieses Jahres einem Kind in Bulgarien ein Leuchten in die Augen, das man sonst nur bei Kindern sieht, die unter dem Weihnachtsbaum ihre Geschenke auspacken. Und er rührt die Mutter des Kindes zu Tränen. Dies ist eine der vielen Geschichten  von der Verteilung der Geschenke der Aktion  «2 x Weihnachten» des Schweizerischen Roten Kreuzes.  

Ein Leben in Armut

Beatriz ist sieben Jahre alt. Im nächsten September kommt sie in die erste Klasse. Sie ist ein aufgewecktes Mädchen mit dunklen Augen, dunkelbraunem, zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenem Haar und einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Sie lebt mit ihrer Mutter und ihrer Stiefschwester in Bregovo, einem Dorf im nordwestlichsten Zipfel von Bulgarien, dort wo die Donau die Grenze des Dreiländerecks Bulgarien – Serbien – Rumänien bildet. Die Gegend, in der sie wohnt, ist die ärmste Region in der gesamten Europäischen Union. Die Arbeitslosigkeit liegt hier verbreitet bei über 60 Prozent. Zukunftsperspektiven gibt es für junge Leute so gut wie keine. Sie ziehen auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben weg  in die Hauptstadt Sofia oder ins Ausland. Die Folge: Überalterung der Bevölkerung. Der Anteil an über 65-Jährigen liegt bei bis zu 70 Prozent. Der einzige Wirtschaftszweig, der funktioniert, ist dank der weiten Ebene und dem fruchtbaren Boden die Landwirtschaft. Doch davon können nur wenige leben. Viele Menschen schlagen sich mit Selbstversorgung und einer minimalen Sozialhilferente von um die 100 Franken im Monat irgendwie durch und fristen ein Dasein in grosser Armut.

Zukunftsperspektiven in Rosa

So auch die Mutter von Beatriz, deren Mann kürzlich bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam.  Jetzt steht die 29-Jährige alleine da mit den beiden Kindern, ohne Arbeit, ohne Einkommen, mit vielen Sorgen. Doch heute ist ein guter Tag. Das Bulgarische Rote Kreuz, das die kleine Familie zusätzlich unterstützt und die Verteilung der Geschenke der Aktion  «2 x Weihnachten» organisiert, hat sie eingeladen, ein Paket mit Nahrungsmitteln, Hygieneartikeln, Kleidern und Schulmaterial abzuholen. Beatriz weiss, dass ein Teil der Spenden ganz für sie allein ist. Aufgeregt hüpft sie von einem Bein aufs andere, als sie mit ihrer Mutter in der langen Schlange an Hilfsbedürftigen ansteht. Alle zwei Minuten  fragt sie ihre Mutter ungeduldig, wann sie endlich an der Reihe seien.
Dann ist es so weit. Zwei Freiwillige des Bulgarischen Roten Kreuzes kontrollieren die Identität von Mutter und Tochter, registrieren sie und holen dann die bereit gestellten Säcke. Beatriz ist angespannt. Ob wohl wirklich, wie angekündigt, ein Schulsack bei den Sachen dabei ist? Sie freut sich schon sehr auf die Schule, aber eine Schultasche würde die Vorfreude wie bei jedem Kind noch vervollständigen. Dann kommt eine der freiwilligen Helferinnen mit einem rosaroten Schulsack auf Beatriz zu und überreicht ihn ihr. Die Augen des kleinen, in rosa Leggings und einem rosa T-Shirt gekleideten Mädchens leuchten. Vor Überraschung hält sie sich die Hände vor den Mund: Ein Schulsack in ihrer Lieblingsfarbe, das übertrifft all ihre Erwartungen.

Die Mutter wischt sich eine Träne der Rührung aus den Augen. «Zur Schule zu gehen, bedeutet auch eine Zukunft zu haben», sagt sie und bedankt sich bei den freiwilligen Helferinnen. Beatriz schnallt sich den Schulsack an den Rücken und dreht mit hoch erhobenem Haupt eine Runde über den Vorplatz. Sie strahlt wie eine kleine Sonne. Als sie den Inhalt des Schulsacks auspackt – Schulmaterial, ein Etui, aber auch eine Mütze für den Winter, Strumpfhosen, Pullover und ein Schirm – entlockt ihr jedes einzelne Stück einen Freudenschrei. Sogar dem Auspacken einer Zahnpasta folgt ein erfreutes «Oooooh».  Dass gewisse Gebrauchsgegenstände nicht neu und zum Teil schon etwas abgenutzt sind, tut ihrer Freude keinen Abbruch: Für Beatriz und ihre Mutter ist dieser Tag wie Weihnachten und Geburtstag zusammen.