Überschwemmungen Südosteuropa

Mückenspray und viel Geduld

Hannes Heinimann hat vor einigen Tagen betroffene ländliche und städtische Gebiete in Bosnien und Herzegowina besucht, und gemeinsam mit der schweizerischen Delegation und dem Roten Kreuz in Bosnien erste Abklärungen für nächsten wichtigen Schritte getroffen. Er schildert seine Eindrücke.

Hannes Heinimann, sie haben Jahrzehnte für das Rote Kreuz Nothilfe geleistet, was hat sie bei ihrem Besuch in Bosnien besonders beeindruckt?

Die enorme Spontaneität und Hilfsbereitschaft der Menschen, die meist auch selber betroffen sind, berühren mich jedes Mal aufs Neue. Der Bäcker, der jeden Morgen sackweise frische Brote zum Verteilen gebracht hat. Menschen, die einfach auftauchen und ihre Hilfe anbieten, oder die die Familien, Freunde und Nachbarn bei sich aufnehmen.  

Das Schweizerische Rote Kreuz hat Hilfsgüter vor Ort eingekauft und verteilt.  Was war das konkret?

Das SRK kauft soweit möglich Güter auf dem lokalen Markt ein. Unsere Einkäufe und Verteilungen beruhen auf Abklärungen bei den Betroffenen und umfassten die folgenden Hilfsgüter: Trinkwasser, Lebensmittelkonserven, Putzmittel,  Gummistiefel  Desinfektionsmittel.

Von der Schweiz aus wurden enorme Mengen aus  privaten Sammlungen in die betroffenen Gebiete geliefert. Was haben Sie davon gesehen?

Ich habe Autos mit Nummern aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Kroatien ankommen sehen. In umfunktionierten Supermärkten, Lagerhallen und Feuerwehrdepots stehen Wände von Kartons. Die lokalen Rotkreuzgesellschaften arbeiten rund um die Uhr und sortieren so schnell sie können Putzmittel, Hygieneartikel  und bergeweise Kleider.

Ist da die Kontrolle möglich, dass die Ware ihr Bestimmungsziel erreicht?

Natürlich kontrollieren die Helfer des Roten Kreuzes, so gut sie können. Sie nehmen die Güter entgegen und bescheinigen deren Lieferung. In einigen Ortschaften werden die Güter an Verteilpunkten ausgegeben, andernorts gehen Helfer von Tür zu Tür. Nur wer evakuiert wurde oder von den Überschwemmungen und Erdrutschen stark betroffen war, darf Hilfe beziehen und Hilfsbezüger müssen sich ausweisen.

Ist diese grosse Menge an privaten Gütern sinnvoll?

Wir raten mehrheitlich von privaten Lieferungen ab, der logistische Aufwand ist immens und wir können die Verantwortung dafür nicht übernehmen. Hinzu kommt: Wenn Menschen in der Schweiz spenden, gehen sie häufig von der Frage aus, was sie selber nicht mehr brauchen. Wir vor Ort stellen uns die Frage: was brauchen die Menschen in den betroffenen Gebieten? So verteilen wir jetzt Dinge, an die bis jetzt weniger gedacht wurde, wie z.B. Unterwäsche und Mückenspray. Das brauchen wir dringend, denn es ist warm und feucht, die Mücken werden zur Plage.

Wie konnten Sie mit ihrem Besuch konkret helfen?

Unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort sind meist selber betroffen und arbeiten ununterbrochen. Sie haben kaum Zeit, darüber nachzudenken, wie es weitergeht. Da ist unsere Aussensicht wertvoll. Wir sind weniger emotional betroffen, können unsere Erfahrungen einbringen und die nächsten Schritte einleiten.

Was geschieht denn jetzt weiter?

 Es ist jetzt ganz wichtig abzuklären, welche Hilfe mittelfristig am sinnvollsten ist. Dazu muss man die Situation sorgfältig analysieren und sich auch mit den lokalen Behörden und andern Hilfsorganisationen absprechen. Für das SRK wird die Rehabilitation von Wohnungen und Häusern im Vordergrund stehen. Dabei werden auch die Wasser- und Abwasserfragen berücksichtigt werden. Wir stellen uns immer die Frage: Wie können wir mit unserer Hilfe bewirken und verbessern, so dass die Menschen bei einer nächsten Katastrophe nicht wieder so hart getroffen werden.

Wir müssen uns vor Augen halten: Sinnvolle Verwendung von Mitteln braucht viel Analyse, Planung und Zeit. Auch wenn wir uns von Herzen wünschen, dass für die betroffenen Menschen schnell alles wieder in Ordnung ist.