Es ist nie zu früh

Interview mit Birgit Biedermann, Fachanwältin für Erbrecht

Als Fachfrau für Erbrecht erfährt Birgit Biedermann in ihrem Berufsalltag immer wieder, wie viele Streitigkeiten und manchmal auch Leid ein Testament hätte vermeiden können. Sie erklärt im Interview, was Erwachsene wissen sollten und wie der letzte Wille nicht die letzte gute Tat sein muss.

Eine Erbenermittlung kann so aufwändig sein, dass manchmal nicht mehr viel vom Nachlass übrig bleibt.

Birgit Biedermann, Fachanwältin für Erbrecht

Man spricht nicht gerne über den letzten Willen. Wie halten Sie es damit?

Ich sehe in der Praxis, dass es empfehlenswert ist, dieses Thema rechtzeitig anzugehen. Damit kann nicht nur den Hinterbliebenen viel Leid und Ärger erspart werden. Es ist häufig auch eine Erleichterung für die Betroffenen zu wissen, dass sie in Bezug auf diejenigen Dinge, welche am ihnen am Herz liegen, klare Anordnungen getroffen haben.

Wer soll ein Testament verfassen?

Klären Sie ab, wie in Ihrem persönlichen Fall die gesetzliche Erbfolge aussieht. Das ist die Ausgangslage, die jede Person kennen sollte, um dann zu entscheiden, ob sie davon abweichende Regelungen anordnen wollen. Nur wer mit der Erbfolge einverstanden ist, wie sie das Erbrecht im Schweizerischen Zivilgesetzbuch regelt, braucht keine Verfügung von Todes wegen. Allen Anderen empfehle ich ein Testament oder einen Erbvertrag.

Wer erbt gemäss Gesetz wenn kein Testament oder Erbvertrag vorliegt?

Die Nachkommen oder dann die eigenen Verwandten in der Reihenfolge des Verwandtschaftsgrads und bei Verheirateten zusätzlich die Ehefrau oder der Ehemann. Wobei zu bedenken ist, dass bei kinderlosen Ehepaaren auch die Eltern noch zu den gesetzlichen Erben gezählt werden und diese neben dem überlebenden Ehegatten Anspruch auf einen Viertel des Nachlasses haben. Aber auch Verheiratete mit Nachkommen können sich gegenseitig mittels Testament oder mit einem Erbvertrag noch besser absichern.

Was geschieht mit einem Nachlass ohne Testament, wenn keine gesetzlichen Erben auffindbar sind?

Dann fällt er an den Wohnsitzkanton oder an die Gemeinde. Meist erst nach aufwändigen Abklärungen, wenn wirklich feststeht, dass niemand sonst Anspruch hat.

Wer bezahlt die Recherche nach gesetzlichen Erben?

Eine Erbenermittlung wird aus dem Nachlass bezahlt. Wenn Sie folglich ein eher kleines Vermögen haben, kann es sein, dass es fast ganz für die Erbenermittlung aufgebraucht würde. Das bedeutet manchmal, dass mehrere, weit entfernte Verwandte, die der Erblasser vielleicht nur schlecht oder gar nicht gekannt hat, sich schliesslich einen noch übrig bleibenden kleineren Betrag teilen müssen. Und ja, die Recherche ist aufwändig, weil man bei verschiedenen Heimatorten Familienscheine anfordern und die Adressen der Erben ausfindig machen muss. Solange diese im Inland sind, geht es meistens noch recht einfach, aber schwierig wird es bei Nachforschungen im Ausland

Wenn ich Alleinstehend bin, kann ich frei über den Nachlass verfügen?

Ja, sie können beliebige Personen und gemeinnützige Organisationen einsetzen. Aber sie müssen die gesetzlichen Erben berücksichtigen, die Anspruch auf einen Pflichtteil haben. Bei einer alleinstehenden Person sind das nur die Eltern und die Nachkommen. Hingegen sind Geschwister und deren Nachkommen keine pflichtteilsgeschützten Erben.

Lohnt sich eine Beratung auch bei einem eher kleinen Vermögen?

Besser offene Fragen abklären und den Nachlass regeln, als es ganz sein lassen, weil man unsicher ist. Wenn es kein besonders komplizierter Fall ist, dann reicht häufig schon ein einstündiges Beratungsgespräch. Eine Beratung lohnt sich auch deshalb, weil selber formulierte Testamente oft zu viel Interpretationsspielraum lassen. Das führt zu Streitigkeiten, weil nicht klar ist, was der Erblasser genau gemeint hat. Sie können einer Fachperson auch ein selbst gefertiges Testament nur zur Überprüfung vorlegen.

Welche Fragen werden in einer Beratung am häufigsten gestellt?

Fragen zur Form und zu den Pflichtteilen oder zur Begünstigung des Ehegatten. Auch Enterbung ist ab und zu ein Thema.

Werden Sie auch gefragt, wie ein Nachlass für etwas Sinnvolles eingesetzt werden kann?

Ja, manchmal werde ich um einen Rat gebeten. Konkrete Vorschläge gebe ich nicht, weil es ein sehr persönlicher Entscheid ist. Ich schlage jeweils vor zu ergründen, wo die Interessen liegen, welche Wertvorstellungen wichtig sind oder in welchem Bereich bereits eine Verbundenheit besteht. Zum Beispiel wo die Klientin oder der Klient am meisten Handlungsbedarf sieht, wenn sie eine Organisation begünstigen möchte.

Was gibt es in dem Fall zu beachten?

Geben Sie präzis an, welche Organisation Sie meinen. Schreiben Sie den korrekten Namen und die ganze Adresse auf. Verteilen Sie Ihren Nachlass – besonders bei einem kleineren Vermögen – nicht auf zu viele Organisationen. Sie tun damit nicht mehr Gutes – im Gegenteil, es verursacht mehr administrativen Aufwand. Sie können mehr bewirken, wenn Sie grössere Beträge einigen wenigen Institutionen vermachen.

Kann ich mittels Testament bestimmen, wie eine begünstigte Organisation mein Legat einsetzen soll?

Ja, aber dies ist eher heikel. Sie stellen unter Umständen ungünstige Bedingungen, die nicht erfüllt werden können. Sie sollten sich vorher unbedingt mit der entsprechenden Organisation absprechen. Ansonsten rate ich davon ab eine Zweckbestimmung vorzuschreiben. Denn vielleicht sind für den vorgesehenen Zweck in Zukunft gar keine finanziellen Mittel mehr nötig, während ein anderes Engagement der begünstigten Organisation dringend eine Finanzierung bräuchte.

Wie lautet Ihr wichtigster, persönlicher Rat als Fachperson?

Verfassen Sie jetzt ein Testament oder lassen von der Notarin bzw. vom Notaren einen Erbvertrag beurkunden. Es ist nie zu früh, aber oft zu spät. Schieben Sie es nicht vor sich her, nur weil Sie sich nicht entscheiden können. Zögern sie nicht, abändern können Sie Ihr Testament jederzeit, zum Beispiel wenn sich die Lebenssituation oder die Vermögensverhältnisse ändern. Es kommt leider immer wieder vor, dass ein Nachlass nicht im Sinne einer verstorbenen Person verteilt wird, weil sie nicht rechtzeitig Anordnungen getroffen hat. Alles unglückliche Fälle, die so nicht hätten eintreten müssen, wenn auf einem Stück Papier die richtigen Worte gestanden hätten.

Verfassen Sie jetzt ein Testament oder lassen von der Notarin bzw. vom Notaren einen Erbvertrag beurkunden. Es ist nie zu früh, aber oft zu spät.

Birgit Biedermann, Fachanwältin für Erbrecht

Birgit Biedermann
Die Rechtsanwältin und Notarin ist Fachanwältin SAV Erbrecht und Partnerin der Kanzlei LWP Luginbühl Wernli + Partner in Bern. Sie hat 20 Jahre Berufserfahrung.

Maja Burger., 63-jährig aus dem Bernbiet ist Alleinstehend und schätzt das SRK und seine Dienste, wie es auch bereits ihre Eltern taten.

«Ich habe seit Jahren eine Patenschaft beim SRK und bin mit der Organisation eng verbunden weil mich ihr Engagement überzeugt. Es ist für mich klar, dass im Testament steht, dass ein Teil meines Vermögens an das SRK geht. Ich finde das SRK leistet wertvolle Dienste für Menschen in Not. Und damit kann ich mit meinem Nachlass auch einen Beitrag dazu leisten.»