Weil Lebenskosten keinen Lockdown haben

SRK-Soforthilfe für die Opfer der Coronakrise

Dank den Rotkreuz-Spendengeldern und der Sammlung der Glückskette kann das SRK Menschen helfen, die sich wegen der Coronakrise für lebensnotwendige Ausgaben verschulden müssten. In der Schweiz lebende Personen erhalten nach einer Prüfung des Antrags unbürokratisch finanzielle Soforthilfe. Drei Frauen schildern uns ihre Notlage.

Elisabeth Wyniger, 60, unverschuldet in der Probezeit entlassen

«Mein neuer Arbeitgeber hatte Angst, dass ich an Covid-19 erkrankt bin und kündete mir noch in der Probezeit», erzählt *Elisabeth Wyniger. Dabei hatte sie sich sehr auf die neue Stelle in der Bäckerei gefreut. Doch die Freude währte kurz: Bereits nach zwei Wochen bekam sie grippeähnliche Symptome. Die 60-Jährige rief beim Arzt an, der schrieb sie krank und schickte sie Anfang März für 10 Tage in Quarantäne. Testen lassen konnte sich Elisabeth Wyniger nicht, denn zu Beginn der Pandemie waren Corona-Tests Mangelware. Noch während Elisabeth Wyniger in der Isolation war, bekam sie von ihrem Chef die Kündigung. «Das hat mir buchstäblich den Boden unter den Füssen weggezogen. Ich verstand die Welt nicht mehr.» Dazu kamen die finanziellen Sorgen: Für den ganzen Monat März standen Elisabeth Wyniger nur 1500 Franken zur Verfügung. «Das reichte beim Weitem nicht. Ich konnte meine laufenden Rechnungen nicht mehr bezahlen und musste um einen Mietaufschub bitten.» Sie raffte sich auf und rief bei ihrer Gewerkschaft an. Dort gab man ihr die Nummer vom Roten Kreuz in Bern. Ein paar Tage später wurde ihr Gesuch bewilligt und das SRK beglich offene Rechnungen für rund 1000 Franken. «Ich war erleichtert und dankbar. Mit dieser Unterstützung blieb mir mein erspartes Geld für die ausstehende Wohnungsmiete.» Elisabeth Wyniger musste sich nicht verschulden. Nebst der finanziellen Unterstützung habe sie auch wieder etwas Hoffnung erhalten. → Website Soforthilfe

Céline Gay, 52, alleinerziehend und Einkommensausfall

52-Jährig, 4 Kinder, seit 3 Jahren getrennt. Wenn *Céline Gay über sich redet, spielen Zahlen eine wichtige Rolle. Wie auch in ihrem Alltag, seit sie ihren Mann verlassen hat: «Wir waren schon vorher nicht reich, aber mit der Trennung wurde es nicht gerade besser.» Die Unterhaltsbeiträge treffen nicht ein. Ihr Diplom als Kauffrau ist in all den Jahren, in denen sie sich um die Kinder gekümmert hat, vergilbt. Erst nach einem Jahr Sozialhilfebezug findet sie eine 40 %-Stelle in einem Warenhaus: «Einen höheren Beschäftigungsgrad konnten sie mir nicht anbieten. Wegen des Coronavirus haben sie das Budget gekürzt und mir wurde gekündigt.» Nebenbei führte die alleinerziehende Mutter ein kleines Nagelstudio, das sie auch schliessen musste. Bilanz: Es bleiben ihr 80 % einer 40 %-Stelle. Als ihr eine Freundin von der Soforthilfe erzählt, glaubt sie nicht wirklich daran. Dann erhält sie die Zusage vom Roten Kreuz. «Damit konnte ich die Zahnprophylaxe meiner Tochter und zwei Strommrechnungen bezahlen!», sagt sie scherzend, bevor sie in Tränen ausbricht Es verschaffe ihr etwas Luft: «Wir leben immer von der Hand in den Mund, da können 1000 Franken schon einen Unterschied machen. Sie können gar entscheidend sein.» → Website Soforthilfe

Ana García, 40, im Stich gelassen von Arbeitgebern

*Ana García lebt mit ihrem 11-jährigen Sohn und ihrer 61-jährigen krebskranken Mutter seit 2009 ohne Papiere in Genf: «Meine Mutter wurde in Spanien operiert, aber sie braucht weiterhin Behandlung und muss Medikamente nehmen.» Mit der Arbeit als «Nanny» bei einer Familie in Versoix und als Nachtwache bei einer älteren Person schaffte sie es, die laufenden Rechnungen zu bezahlen. Am 19. März teilten ihr die beiden Arbeitgeber mit, die nun aufgrund des Lockdown zu Hause waren, dass sie ihre Dienste vorläufig nicht mehr benötigen würden. Sie hat keinen Arbeitsvertrag. «Einer meiner Löhne fiel vollständig weg und der zweite von rund 1000 Franken wurde auf 600 bis 700 Franken gekürzt.» Eine Bekannte macht sie auf das Genfer Rote Kreuz aufmerksam. «Sie hörten mir zu und innert kurzer Zeit wurde meine Wohnungsmiete vom Mai bezahlt, die ich noch schuldete.» Ana García kann die Wohnung behalten. Sie erhielt auch Lebensmittelgutscheine in der Höhe von 100 Franken: «Das hat mir sehr geholfen, denn das Essen ist teuer!» Ganz zu schweigen von den Medikamenten für ihre Mutter. Und für sie. «Ich habe Rücken- und Knieprobleme. Ich sollte operiert werden, aber ich warte, bis ich meine Aufenthaltsbewilligung erhalte. Wer wird sonst die Miete bezahlen? Ich bin die einzige in dieser Familie, die arbeitet.» Die finanzielle Soforthilfe dürfte diese Belastung etwas verringert haben. → Website Soforthilfe

*Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden alle Namen geändert und Symbolfotos verwendet.

Kurz befragt

Marylène Moix
Die Geschäftsleiterin des Roten Kreuzes Wallis ist ausgebildete Sozialarbeiterin und kümmert sich persönlich um die Anträge für Soforthilfe in ihrem Kanton.

Wie erfahren Sie, dass eine Person Hilfe braucht?
Die Kantonalverbände des SRK haben auf ihrer Website eine Meldung aufgeschaltet. Zuerst haben sich eher wenige Personen spontan gemeldet. Dann haben wir das Angebot über die nationale und regionale Presse bekannt gemacht, aber die Mund-zu-Mund-Propaganda funktioniert immer noch am besten.

Wie kann das SRK eine gerechte Verteilung sicherstellen?
Das System ist unbürokratisch, was ein rasches Handeln ermöglicht. Dies ist ein grosser Vorteil. Der Prozess dauert insgesamt rund zwei Wochen. Die Kantonalverbände des Roten Kreuzes, bei denen die Anträge eingehen, stellen am Telefon genaue Fragen und verlangen einige Nachweise. Sobald die Prüfung beendet ist, schicken sie das Dossier an die Geschäftsstelle des SRK, die den Antrag gemäss schweizweit geltenden Kriterien kontrolliert. Anschliessend wird das Geld rasch überwiesen. Wir erhalten auch Anträge von Verbänden, die in Kontakt zu armutsbetroffenen Menschen stehen, weil sie beispielsweise Essen verteilen. Dies erleichtert die Prüfung.

Was wird finanziert?
Die finanzielle Soforthilfe wird Menschen in prekären Situationen gewährt, die wegen der Coronapandemie durch die Maschen des sozialen Netzes fallen. Mehrheitlich werden mit dieser Hilfe Mieten, Krankenkassenrechnungen und Einkäufe bezahlt. Wir geben auch Coop-Einkaufsgutscheine ab. Die Soforthilfe kann Personen entlasten, die sich unter normalen Umständen nicht trauen würden, Hilfe zu beantragen, in dieser besonderen Situation aber diesen Schritt wagen. Zum einen, weil sie Hilfe benötigen, zum anderen aber auch, weil die Stigmatisierung kleiner ist, da alle in irgendeiner Weise von diesem Virus betroffen sind.

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