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Zwei Minderjährige zwischen Hoffnung und Verzweiflung

In Afghanistan herrscht seit Jahren ein bewaffneter Konflikt. Mitte 2015 beschloss deshalb eine Mutter mit ihren vier minderjährigen Kingern, das Land zu verlassen, in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Europa.

Nach einer strapaziösen Reise durch Afghanistan und Iran erreichte die Familie schliesslich die Region von Izmir in der Türkei. Zusammen mit anderen Migrantinnen und Migranten hofften sie, über das Mittelmeer nach Griechenland zu gelangen.

Obwohl der Wellengang hoch war, beschlossen die Schlepper eines Abends, die Überfahrt zu wagen. Zwei behelfsmässige Boote stiessen in Richtung Lesbos, der nächstgelegenen griechischen Insel, in See. Im dritten Boot war nur noch ein Platz frei. Ein Schlepper drängte den 15-jährigen A., den ältesten Sohn der Familie, an Bord zu steigen. Er versprach ihm, seine Mutter, sein kleiner Bruder und seine beiden Schwestern würden im nächsten Boot nachkommen. Angesichts der Drohungen der Schlepper bliebt A. keine andere Wahl, als ohne seine Familie an Bord zu gehen. Die Überfahrt verlief chaotisch. Aufgrund des schlechten Wetters begann Wasser in das überfüllte Boot einzudringen. Dann streikte auch noch der Motor. Unter den Passagieren brach Panik aus. Als sie die Insel schliesslich doch noch erreichten, wartete A. entgegen den Versprechungen der Schlepper vergeblich auf ein weiteres Boot. Er war auf Lesbos völlig auf sich allein gestellt, ohne Möglichkeit, mit seiner Mutter Kontakt aufzunehmen, die in der Türkei zurückgeblieben war.

Trotz dieser schmerzhaften Trennung setzte A. seine Reise fort, indem er sich anderen Migrantinnen und Migranten anschloss. Eher zufällig gelangte er im November 2015 in die Schweiz. Hier wurde er als unbegleiteter Minderjähriger registriert.

Suche von der Schweiz aus

Mit Hilfe seiner Beiständin wandte er sich an den Suchdienst SRK. Dieser sandte im Januar 2017 einen Suchauftrag an ihre Partnerorganisationen in der Türkei und in Griechenland, um die anderen Familienmitglieder ausfindig zu machen. Ausserdem wurde das Foto des Jugendlichen auf der Website www.tracetheface.org publiziert. In den beiden Ländern, in denen Tausende von Migrantinnen und Migranten durchgereist oder gestrandet sind, lief unterdessen die Suche an. Im Juli 2017 informierte uns das Griechische Rote Kreuz, ein auf der Insel Samos registrierter unbegleiteter Minderjähriger habe ebenfalls einen Suchantrag gestellt. Der knapp zehnjährige M. scheine der Bruder von A. zu sein. Nach den üblichen Abklärungen stand fest: Die beiden sind wirklich Geschwister!

M. erzählt, dass in Izmir plötzlich die Polizei aufgetaucht sei. Schliesslich fand er sich ohne Mutter und Schwestern im Fahrzeug von Schleppern wieder, die ihn nach Istanbul brachten. Erst viel später gelangte er über das Meer nach Samos.

Der erste telefonische Kontakt zwischen den beiden Brüdern war sehr aufwühlend: Sie waren hin- und hergerissen zwischen dem Glück, die Stimme des anderen zu hören, und der Angst über das ungewisse Schicksal ihrer Angehörigen. Die Suche nach der Mutter und den Schwestern wird über die Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung fortgesetzt. In Zusammenarbeit mit der gesetzlichen Vertreterin von M. in Griechenland hat die Beiständin von A. ein Gesuch um Familiennachzug gestellt, das gutgeheissen wurde. Seit März 2018 sind die beiden Brüder nun endlich in der Schweiz vereint.