Endlich zusammen

Suche nach Kinder und Ehemann

Josephine Niyikiza hat auf der Flucht ihren Mann und ihre beiden älteren Söhne aus den Augen verloren. Der Suchdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes hat die Vermissten ausfindig gemacht – heute geniesst die Familie jeden gemeinsamen Tag. «Ich habe etwas vom Schlimmsten erlebt, das eine Mutter erleben kann», sagt Josephine Niyikiza.

Ich habe etwas vom Schlimmsten erlebt, das eine Mutter erleben kann

Sie konnte gerade noch ihr Baby packen und losrennen

Die 35-Jährige sitzt auf dem Sofa in ihrer Wohnung in Jona. Während sie spricht, spielt die eine Hand mit der Halskette, an der ein Anhänger in Form von Afrika baumelt. In der anderen Hand hält sie ein Taschentuch, mit dem sie die Tränen abwischt, die ihr beim Erzählen ihrer Lebensgeschichte immer wieder über das Gesicht laufen. 2004 ist es geschehen, das Schlimmste, das einer Mutter geschehen kann: Die damals 23-Jährige ist bereits seit über zehn Jahren auf der Flucht vor dem Völkermord in ihrem Heimatland Ruanda.

Sie zieht von einem Flüchtlingslager in das nächste, verliebt sich während dieser Irrfahrt durch Afrika, heiratet unterwegs und bekommt drei Söhne. Dann, an einem Abend in ihrem Unterschlupf in Kamerun – ihr jüngster Sohn Espoir war gerade mal fünf Monate alt – stürmen einmal mehr Bewaffnete ihren Unterschlupf. Sie packt das Baby und rennt los. Im Chaos verliert sie ihren Mann und ihre beiden anderen Söhne, damals fünf und sieben Jahre alt, aus den Augen. Es sollte für lange Zeit das letzte Mal gewesen sein, dass die Familie komplett beisammen ist.

Allein mit Espoir

Die junge, nun völlig auf sich allein gestellte Frau weiss nicht mehr weiter. Helfer nehmen sich ihrer und dem Kind an, setzen die beiden in Douala kurzerhand in ein Flugzeug nach Zürich, um sie in Sicherheit zu bringen. «Ich wusste nicht, wie mir geschah, ich war wie in einer Schockstarre», sagt Josephine Niyikiza rückblickend. «Es ist unglaublich, aber ich habe nach der Ankunft nicht einmal wahrgenommen, wie wunderschön die Schweiz ist», fügt sie an und schüttelt den Kopf.

Ich wusste nicht, wie mir geschah, ich war wie in einer Schockstarre

Erst mehrere Tage und unzählige ausgefüllte Registrierungsformulare später realisiert sie, dass die Familie endgültig auseinandergerissen ist, und weil sie so weit entfernt ohnmächtig ist, etwas dagegen zu tun. Ihr Mann und die zwei grösseren Buben, Patrick, damals sieben, und Joyeux, fünf Jahre, sind sind irgendwo in Kamerun zurückgeblieben. Die Verzweiflung raubt ihr fast den Verstand. Sie schläft kaum noch, weint viel und verfällt in grosse Trauer. Eine Traumatherapie soll helfen. Die hilft zwar bei der Verarbeitung der Erlebnisse, füllt aber nicht die schmerzhafte Lücke, die die fehlenden Familienmitglieder hinterlassen. «Ich konnte kaum noch an etwas anderes denken, als an meine vermissten Kinder. Sie allein, vielleicht sogar getrennt von ihrem Vater, irgendwo in Afrika zu wissen, war unerträglich», sagt Josephine Niyikiza und macht eine Erzählpause, um die Tränen zurückhalten zu können.

Als die SRK-Mitarbeiterin am Telefon sagt, die Kinder seien gefunden, kann sie es zuerst nicht glauben.

Also bündelt sie damals ihre ganze Energie, um mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln ihre Familie wieder zusammenzuführen. Sie deponiert ihr Anliegen bei allen Anlaufstellen, zu denen sie Kontakt hat und bekommt schliesslich den Hinweis, sich beim Suchdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) zu melden. Das macht sie umgehend und spürt schon beim ersten Kontakt mit dem Suchdienst, dass sie hier ernst genommen wird. «Wenn es eine Möglichkeit gibt, zwei Kinder und einen Mann in Afrika zu finden, dann hier», sagt sie sich. Das ist der Beginn einer engen, intensiven Zusammenarbeit. Der Suchdienst platziert die Anfrage mit so vielen Informationen wie möglich im Rotkreuz-Netzwerk und setzt damit die Suche in Gang.

Wenn es eine Möglichkeit gibt, zwei Kinder und einen Mann in Afrika zu finden, dann hier

Dann, im Januar 2006, kommt ein Anruf von einer Nummer, die Josephine Niyikiza unbekannt ist. «Ich stand gerade in einem Geschäft mit Kinderkleidern und malte mir aus, welche Kleider meinen grösseren Buben jetzt passen würden, als mein Handy klingelte», erzählt sie. Als die SRK-Mitarbeiterin am Telefon ihr sagt, ihre Kinder seien gefunden, kann sie es nicht glauben. Zuerst glaubt sie an einen schlechten Scherz und geht nach Hause. Erst als ein zweiter Anruf vom Suchdienst kommt, der nochmals bestätigt, dass die Suche positiv war, begreift sie den Inhalt der Nachricht. «Mir fehlen die Worte um zu beschreiben, wie glücklich mich diese Nachricht machte», sagt die Mutter. Jetzt kullern die Freudentränen. Ein einziger Punkt trübt die Vorfreude: Der Vater der Kinder ist nicht bei ihnen. Er hat die beiden auf der Suche nach Arbeit bei Bekannten gelassen und niemand weiss, wo er jetzt ist.

Jahrelang vermisst: Joyeux, Patrick und Désiré

Patrick und Joyeux kommen im Mai 2006 in die Schweiz. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten finden sich die Buben dank Sport, Schule und Unterstützung durch Nachbarn und Umfeld bald gut im neuen Alltag zurecht. Die Suche nach dem Ehemann und Papa läuft unterdessen beim Suchdienst weiter. «Ich hatte mich damit abgefunden, mit den Kindern allein zu sein. Die Hoffnung hatte ich aber nie aufgegeben», sagt Josephine Niyikiza.

Im Jahr 2010 geht beim SRK unverhofft ein Suchantrag aus Kamerun ein: Désiré, der Ehemann, sucht über das Rote Kreuz ebenfalls nach seiner Familie. Als er 2013 endlich in die Schweiz zu seiner Familie nach Jona kommen kann, ist das Glück perfekt. 2014 geben sich Josephine und Désiré ein zweites Mal das Ja-Wort und feiern mit ihren Freunden ein grosses Fest. «Mit diesem symbolischen Akt wollten wir die Vergangenheit abschliessen und den gemeinsamen Neubeginn hier feiern», erklären die beiden.

Zur Feier waren auch die Mitarbeitenden des Suchdiensts eingeladen. «Ihnen haben wir sehr viel zu verdanken, sie gehören zu unserer Lebensgeschichte und darum zu unserer Familie», sagt das Ehepaar. Sie habe zwar das Schlimmste erlebt, das eine Mutter erleben könne, fügt Josephine Niyikiza an, aber: «Ich bin dafür so dankbar für alles, für jeden Tag mit meiner Familie.» Auf dem Tisch liegt die Einladungskarte zur zweiten Hochzeit mit einem Foto der ganzen Familie: «Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen», steht unter dem Bild geschrieben.