Interview mit SRK-Direktor Markus Mader

«Die Ungewissheit frisst die Angehörigen auf»

Markus Mader, Direktor des Schweizerischen Roten Kreuzes, hat am Anfang seines Berufslebens im Auftrag des IKRK Kriegsgefangene besucht. Heute zählt die Suche nach vermissten Personen für ihn zu den Kernaufgaben der Rotkreuzbewegung.

Herr Mader, Sie waren nach Ihrer Studienzeit einige Jahre Delegierter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und haben Kriegsgefangene besucht. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Ein unvergessliches Erlebnis hatte ich in Sri Lanka: Ich fuhr jeweils am Mittwoch die gleiche Route in das Gebiet der Tamil Tigers, um mich mit ihren Vertretern zu treffen und diese insbesondere für den Schutz der Zivilbevölkerung zu sensibilisieren. Und immer stand die gleiche Frau am Strassenrand. Sie fragte mich jedes Mal, ob ich ihren Sohn gefunden hätte. Sie muss oft zwei, drei oder vier Stunden gewartet haben, da wir ja nicht immer zur gleichen Zeit mit dem Auto vorbeikamen. Aber sie stand jedes Mal dort – vermutlich auch an den Mittwochnachmittagen, an denen ich nicht in das Gebiet gefahren bin. Diese Frau repräsentiert für mich alle Angehörigen von Verschwundenen, die tagein, tagaus an nichts anderes denken können als an den Verbleib ihrer Liebsten. Die Ungewissheit frisst sie regelrecht auf.

Wie reagieren die Angehörigen, wenn sie erfahren, dass ein Familienmitglied im Gefängnis ist?

Das waren immer sehr bewegende Momente. Oft hatten die Gefangenen Monate oder gar Jahre nichts von ihren Familien gehört und diese wussten wiederum nicht, ob der Betroffene überhaupt noch lebt. Durch uns konnten sie Rotkreuznachrichten austauschen – das sind kurze, persönliche Briefe, die das IKRK überbringt.

Warum widmet sich das Rote Kreuz dem Thema der Familien-Zusammenführung?

Jeder kennt das Rote Kreuz und dank seiner Neutralität kann ihm jeder vertrauen – egal auf welcher Seite die Person vor, während oder nach dem Krieg stand. Die Zusammenführung von Familien hat für die Betroffenen eine riesige Bedeutung: Nichts ist existenzieller für den Menschen, als seine Familie, seine Liebsten. Wenn diese durch Kriege, Naturkatastrophen oder Migration getrennt werden, ist das Leid unvorstellbar.

Der Suchdienst ist also ein zentrales Element in der Arbeit des Roten Kreuzes.

Auf jeden Fall. Der Suchdienst hat eine grosse strategische Bedeutung für das Schweizerische Rote Kreuz – die Suche nach vermissten Personen ist eine der Kernaufgaben der gesamten Rotkreuzbewegung: Nur das Rote Kreuz hat eine weltweite Abdeckung und zeichnet sich durch Neutralität aus – was unsere Arbeit erst ermöglicht.

Warum besucht das IKRK Kriegsgefangene?

Um sie vor dem Verschwindenlassen und menschenunwürdiger Behandlung zu schützen. Bei unseren Besuchen von Gefangenen ging es in erster Linie darum festzustellen, ob eine Person noch lebt, und diese zu registrieren, damit sie nicht verschwinden kann. Und in einem zweiten Schritt haben wir die Haftbedingungen überprüft und Themen wie Folter angesprochen.

Markus Mader
Der Direktor des Schweizerischen Roten Kreuzes hat am Anfang seines Berufslebens im Auftrag des Roten Kreuzes Kriegsgefangene besucht. Heute zählt die Suche nach vermissten Personen für ihn zu den Kernaufgaben der Rotkreuzbewegung.

Wie gingen Sie mit solchen Geschichten um?

Wenn man zu viel über Folter hört, baut man automatisch eine innere Wand auf. Man muss sich schützen. Die Methoden, die in den Gefängnissen angewendet werden, sind oft menschenverachtend. Wir können uns hier gar nicht vorstellen, was Krieg bedeutet. Wir sehen Filme, in denen Leute erschossen und Autos oder Gebäude gesprengt werden. Aber wir können uns nicht vorstellen, was der Krieg in der Seele einer Person anrichtet, und wie solche Traumatisierungen über der gesamten Familie hängen bleiben, sie zerstören können, und zwar nicht nur bei den Opfern, sondern oft auch bei den Tätern.

Wer nimmt in der Schweiz, wo wir ja glücklicherweise keine Kriegswirren haben, den Suchdienst in Anspruch?

Mit der zunehmenden weltweiten Migration gibt es auch in der Schweiz immer mehr Anfragen von Migrantinnen und Migranten, die ihre Familie während der Flucht verloren haben. Oder zum Beispiel vorletztes Jahr, als der bewaffnete Konflikt in Sri Lanka sich dramatisch zuspitzte, kontaktierten viele hier lebende Sri Lanker das SRK, um Informationen über ihre Familienangehörige zu erhalten. Wir haben eng mit unseren Kolleginnen vom IKRK und Kollegen vor Ort zusammengearbeitet, um an Informationen zu gelangen und die Listen der registrierten Gefangenen zu erhalten.

Interview: Christina Williamson, SRK