chili – Mediensensibilisierung

Für Sicherheit im Netz

Ergänzend zum chili-Konfliktraining, bietet das SRK im Kanton Schwyz auch ein Mediensensibilisierungstraining an. Fachleute sind sich einig, dass Aufklärungsarbeit im Umgang mit digitalen Medien speziell für Jugendliche dringend notwendig ist, um sie beispielsweise für Cybermobbing zu sensibilisieren. Der Ansatz des SRK ist spielerisch und einprägsam.

«Alle anderen haben ein Smartphone, nur ich nicht!» Das beliebteste Argument eines Jugendlichen ist in diesem Fall keineswegs übertrieben. Der 13-jährige Jan* ist tatsächlich der Einzige seiner Klasse mit einem «alten» Handy. Die Verhandlungen mit den Eltern laufen. Jan ist optimistisch.

Als Beispiel einer Landregion ist die 7. Klasse vom Schulhaus Stumpenmatt in Muotathal nicht repräsentativ für die ganze Schweiz. Besonders in städtischen Gebieten sind Kinder, die ein Smartphone schneller bedienen und besser kennen als ihre Eltern, meist jünger als 13. Und dabei geht es weniger ums «cool sein», sondern mehr ums «dabei sein». Ein Jugendlicher ohne Smartphone wird kaum gehänselt, aber unabsichtlich ausgegrenzt.

Denn die klasseninterne Kommunikation läuft über Gruppenchats in WhatsApp oder über andere Social-Media-Plattformen wie Facebook oder Twitter. Gerne auch mit Fotos, die man sich zuschickt oder veröffentlicht.

Unkontrolliert in die Welt

Um die Jugendlichen für die Gefahren der schnellen, öffentlichen Kommunikation zu sensibilisieren, sind die 13- bis 14-Jährigen genau im richtigen Alter. Darüber sind sich alle einig, die das Mediensensibilisierungstraining chili vom SRK als notwendig und nützlich erachten: Die Kriminialprävention der Polizei, die Schulleitung, der Klassenlehrer und die Jugendlichen selber. Das SRK Kanton Schwyz leistet Pionierarbeit auf diesem Gebiet. Vreni Kamber, die Geschäftsleiterin des Kantonalverbands steht voller Überzeugung hinter der neuen Dienstleistung: «Wir vom SRK wollen für Menschen jeden Alters da sein. In diesem Bereich können wir uns wirksam einbringen und die Jugendlichen schützen.» Auch Bernhard Reichmuth von der Kantonspolizei Schwyz sieht das so. Er ist Leiter der Kriminialprävention für «Digitale Medien» und lobt die Zusammenarbeit mit dem SRK im Kanton Schwyz. Bereits wenn die Kinder in der Unterstufe sind, klärt er seitens Polizei die Eltern darüber auf, welche Fallen im Internet lauern. «Häufig macht man sich im Bereich der digitalen Medien aus Unwissenheit strafbar. Weder die Eltern noch die Schüler kennen die Grenzen gut genug.»

Das SRK sei glaubwürdig und ergänze die Präventionsarbeit der Polizei optimal, die sich auch an potenzielle Opfer richtet. Denn wer Opfer von Cybermobbing (oder Cyberbullying) oder Erpressung wird, muss wissen, dass die Polizei auf seiner Seite steht. Aus Scham würden sich viele nicht melden und psychisch enorm leiden, das wolle er unbedingt verhindern, betont Bernhard Reichmuth. «Um klar zu machen, wie ernst es mir ist, gebe ich den Jugendlichen meine Handynummer. Sie dürfen mich jederzeit anrufen, nur nicht anonym.» Er klopft auf die Brusttasche der Uniform, wo sein Smartphone steckt. Auch Stefan Probst, Schulleiter der Stumpenmatt, würde den Mediensensibilisierungstag chili gerne jedes Jahr in der 7. Klasse durchführen. Auch weil er schon eine negative Erfahrung machen musste, mit einem Vorfall an der Schule, der bis nach Winterthur reichte. «Viele Eltern dieser Generation wissen gar nicht, was es alles gibt im Social-Media-Bereich», meint er.

Es gibt kein Zurück

SRK-Kursleiterin Irena Zweifel weiss es. Oder glaubt es zu wissen, wie sie mit einem Schmunzeln gesteht. Die 47-Jährige ist Mutter von Jugendlichen im Teenageralter und nutzt mehr oder weniger sämtliche Funktionen auf ihrem Smartphone, auch Facebook. Ihr ist bewusst, wie schnell die Entwicklung in diesem Bereich ist. Täglich eine neue Funktion, die sich virusartig verbreitet, wieder eine andere App, die angesagt ist. «Deshalb sind die Grundregeln wichtig, die für alle Handlungen gelten, egal mit welchem Programm. Eine totale Kontrolle der Eltern ist ab dem Teenageralter sowieso unrealistisch», meint die Konflikttrainerin des SRK. Als solche hat sie das Mediensensibilisierungstraining des SRK mitkonzipiert, so wie sie es jetzt mit der 7. Klasse in Muotathal durchführt. Sie legt den Jugendlichen Vermeidungsstrategien ans Herz. Oder besser gesagt, lässt sie spielerisch erfahren, wie es ist wenn solche nicht angewendet werden. Das Kurskonzept funktioniert mit wenig Theorie, dafür mit Humor, Verständnis, spielerischen Elementen und aktivem Mitdenken. Mit dem abwechslungsreichen Programm und ihrer gewinnenden Art holt Irena Zweifel die eher Schüchternen aus der Reserve und fesselt die temperamentvollen Schüler.

Erleben und erkennen

Teamarbeiten, wie der Fröbelturm (Bild), veranschaulichen den Netzwerkgedanken. Im Farbenspiel erfahren die Schülerinnen und Schüler wie die Gerüchteküche überbrodeln kann, wie Einwegkommunikation in die Sackgasse führt und wie es ist, wenn eine Falschinformation unwiderruflich abgeschickt wurde. Trotz allem Gelächter und Spass - die Lektion sitzt. Das hat auch eine Evaluation der Fachhochschule Nordwestschweiz gezeigt: «Die Wirksamkeit der chili-Tainings wurde nachgewiesen», bestätigt Daniela Forni, die Projektleiterin für chili im Kanton Schwyz.

Ein Aspekt stimmt die 7.-Klässler indes besonders nachdenklich: «Mitgegangen, mitgehangen, mitgefangen», erklärt Irena Zweifel und macht den Jugendlichen bewusst, dass sie zu Täter werden, wenn sie nicht helfen. Das gilt auch für die passive Teilnahme in einer Social-Media-Gruppe. Zum Beispiel, wer einen Chat mitverfolgt, in dem Personen gemobbt oder verleumdet werden. Auch wer keinen bösartigen Kommentar abgibt, macht sich des Cyberbullying mitschuldig. Das ist auch dann nicht harmlos, wenn es sich wie bei WhatsApp um eine nicht öffentliche Gruppe handelt. Alle Teilnehmenden einer Gruppe machen sich mitschuldig bei Fehlverhalten von einzelnen.

Irena Zweifel lernt heute ebenso dazu. Als der Begriff Snapchat fällt, fragt sie sofort nach. «Eine App, mit der man Fotos schicken kann, die auf dem Empfängerhandy nur wenige Sekunden angezeigt werden und sich nicht abspeichern lasse», erklärt ein Schüler, während die übrigen allesamt sachkundig nicken. Sehr verbreitet sei das neuerdings. Instant-Kommunikation ohne Worte, mit der trügerischen Sicherheit, dass alles nur für den Moment ist. Schnell wie noch nie, mit neuen Möglichkeiten und Gefahren für experimentierfreudige Kinder. Denn es soll längst ein Programm geben, mit dem sich die Sekunden-Bilder für immer speichern lassen.

*Name geändert