Mentoring

My Swiss best friend

Junge Freiwillige des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) treffen in der Freizeit frisch eingewanderte Kinder und Jugendliche, um sie bei der Integration zu unterstützen. So auch Vanessa, die Lidya aus Eritrea begleitet. Für «Ready for Red Cross» erzählen sie von ihren gemeinsamen Erlebnissen.

«Schau, ich trage sie immer noch!», Vanessa zeigt auf die blauen und orangen feinen Armbänder, die um ihr Handgelenk gewickelt sind. Lidya hat es ihr bei ihrem ersten Treffen geknüpft und geschenkt. Das war vor einem Jahr. Das Jugendrotkreuz Zürich organisierte in einer Integrationsklasse einen Auftaktevent für das Mentoring-Jahr. Jedes Klassenmitglied bekam eine Mentorin oder einen Mentor zugeteilt. Während eines Schuljahrs sollen sich die Duos regelmässig treffen. Die jungen Freiwilligen aus dem Jugendrotkreuz unterstützen die Teenager mit Migrationshintergrund beim Einleben an ihrem neuen Wohnort.

Hausaufgaben oder Kaffee trinken?

Die 16-jährige Lidya aus Eritrea bekam die 23-jährige Vanessa als Mentorin zu- gesprochen. An ihren ersten Kontakt erinnern sie sich noch lebhaft. «Wir haben alle eine Zeichnung von unserem Partner erhalten. Ich habe dich sofort erkannt, Vanessa, du warst so schön wie auf der Zeichnung!», schmeichelt Lidya ihrer Mentorin. «Du bist so lieb! Auch ich habe dich erkannt, deine Zeichnung war sehr ausdrucksstark. Da hattest du aber noch nicht die hübschen Zöpfchen», kontert Vanessa. Die beiden haben ein herzliches Verhältnis. Die Chemie zwischen den jungen Frauen hat sofort gepasst. Seit über einem Jahr treffen sie sich in der Regel einmal die Woche. Startpunkt ist jeweils das Schulhaus. «Dann bestimmen wir gemeinsam, was wir machen. Ich frage Lidya, ob sie Hausaufgaben hat und ob ich ihr dabei helfen kann», beschreibt Vanessa ihre Treffen. «Oder wir gehen spazieren and have a chat», fügt Lidya an. Obwohl Lidya sehr gut Deutsch spricht, fällt sie manchmal ins Englische zurück. Ein Ziel des Mentoring-Projekts ist es, mit den Mentees Deutsch zu lernen. Die Sprache wird aber nicht formell und langweilig gepaukt, sondern mit lockeren Gesprächen und Freizeitaktivitäten geübt. Vanessa und Lidya sind schon gemeinsam ins Kino gegangen, in den Zoo oder verbrachten einen Lady-Nachmittag mit einem anderen Mentoring-Duo. «Das war so lustig! Wir haben Gesichtsmasken aufgetragen, uns gegenseitig frisiert, die Fingernägel lackiert und uns geschminkt », erzählt Vanessa. «Das war lustig! Ich hab‘ danach ausgesehen wie ein Clown», fügt Lidya lachend an. «Nein, das stimmt doch gar nicht. Du warst so hübsch!», schwächt Vanessa ab. Ein weiteres Ziel ist es auch, den zugezogenen Teenagern die Umgebung bekannter zu machen. «Lidya kannte sich in Zürich bereits gut aus. Sie hat einen super Orientierungssinn. Trotzdem konnte ich ihr einen  speziellen Ort zeigen – mein Lieblingsruheplätzchen am See», fügt Vanessa an.

 Eritreischer Kaffee trifft auf italienischen Espresso

Im Gegenzug erhalten die Mentorinnen und Mentoren einen Einblick ins Herkunftsland ihrer «Schützlinge». Lidya lud Vanessa zu sich nach Hause ein, wo sie mit der Familie ein traditionelles eritreisches Essen und eine Kaffeezeremonie geniessen durfte. «Huch, war das Essenscharf!», lacht Vanessa. «Stimmt doch gar nicht», neckt Lidya. Im Gegenzug revanchierte sich Vanessa mit einem typischen italienischen Mahl, denn Vanessa hat sizilianische Wurzeln. Lidya schwärmt noch heute von der Pasta. Obwohl der Mentoring-Zyklus für Lidya und Vanessa eigentlich abgeschlossen ist, treffen sie sich weiterhin. Lidya hat in der Schule rasch Fortschritte gemacht, so dass sie auf eine andere Schule wechseln darf. Vanessa wird sie bei diesem wichtigen Schritt ebenfalls unterstützen und begleiten. Denn Vanessa ist für Lidya mittlerweile mehr als «nur» eine Mentorin. «Vanessa ist toll. Ich kann mit ihr über alles reden und sie gibt mir gute Ratschläge, like good friends do. Vanessa ist meine beste Schweizer Freundin!», strahlt Lidya. Eine Freundschaft, die bestimmt noch lange halten wird.

Damit der Start gelingt
Im Mentoring-Projekt des Jugendrotkreuzes lernen eingewanderte junge Menschen ihre neue Umgebung besser kennen, damit der neue Wohnort auch die neue Heimat wird. Junge Freiwillige übernehmen die Rolle als Mentor/Mentorin. Sie unterstützen ihre Mentees beim Deutschlernen und entdecken mit ihnen gemeinsam das Gastland. Im Gegenzug erhalten die jungen Freiwilligen einen Einblick in die Kultur ihres Mentees. Mentoring-Projekte gibt es neben dem Jugendrotkreuz Zürich auch in den Jugendrotkreuz- Gruppen Aargau, Basel, Fribourg. Dabei gibt es regionale Unterschiede.