Nachlassplanung

«Eine Pendenz des Lebens»

Wer sich mit seinem letzten Willen befasst, realisiert, dass es nicht einfach fällt, diesen zu formulieren. Marianne Dätwyler unterstützt seitens SRK Menschen, die ein Testament verfassen möchten. Ein Gespräch über ein Thema, das nicht ans Lebensende gehört.

Marianne Dätwyler, was ist Ihre Rolle als Verantwortliche für Nachlassplanungen beim SRK?

Ich bin die erste Anlaufstelle für alle Fragen in diesem Zusammenhang, insbesondere für Menschen, die einen Teil ihres Vermögens dem SRK vermachen wollen. In seiner über 150-jährigen Geschichte konnte das SRK auch dank Erbschaften und Legaten sein humanitäres Engagement auf- und ausbauen. Diese Zuwendungen sind sehr wichtig für das SRK. Ich möchte individuell und neutral den Ratsuchenden weiterhelfen. Das Wissen aus dem Lehrgang Erbrecht kommt mir dabei zugute. Komplexe Nachlassplanungen erfordern jedoch die Kompetenz einer Rechtsanwältin oder eines Rechtsanwalts, damit der letzte Wille unanfechtbar bleibt. Ich bin kein Ersatz für eine solche Fachperson. Aber zusammen mit dem Rechtsanwalt, dem SRK zur Seite steht, kann ich auf besonders heikle Punkte hinweisen, die es zu klären gilt. Alle Anfragen behandle ich vertraulich und ich beeinflusse nicht die Entscheidungsfindung.

Wie schätzen Sie den Informationsstand ein, was das Erbrecht betrifft?

Es ist Halbwissen vorhanden und man hat viele gute Absichten. Leider reicht beides nicht, um jeden Rechtsfall auszuschliessen. Aufgrund einer irrtümlichen Annahme oder falschen Entscheidung gibt es Fälle, in denen der letzte Wille nicht im Sinne der Erblassenden vollstreckt werden kann. Dennoch sollte man auf keinen Fall auf ein Testament verzichten, nur weil man sich sorgt, man könne etwas falsch machen. An unseren kostenlosen Veranstaltungen vermitteln wir Basiswissen zum Testament und sensibilisieren für dieses wichtige Thema. Statistiken deuten darauf hin, dass nur jede vierte erwachsene Person ein Testament verfasst.

In seiner über 150-jährigen Geschichte konnte das SRK auch dank Erbschaften und Legaten sein humanitäres Engagement aufbauen.

Was sind die häufigsten Fehler?

Der Pflichtteil der Nachkommen oder eventuell der Eltern geht vergessen oder wird verletzt. Wenn Sie nicht ganz sicher sind, welche Pflichtteile in Ihrer persönlichen Situation gelten, klären Sie dies zuerst ab. Informationen dazu finden Sie in unserem kostenlosen Testamentsratgeber oder im Internet. Aber der häufigste Irrtum ist wohl immer noch, dass man glaubt, es regle sich alles von selber. Übrigens wissen auch viele nicht, dass die Wohngemeinde erbt, wenn kein Testament und keine gesetzlichen Erben vorhanden sind.

Was raten Sie, wenn jemand ein ungutes Gefühl hat oder sich zu jung fühlt, um ein Testament zu schreiben?

Wechseln Sie die Perspektive. Es gehört zum Leben, darüber nachzudenken, wer und was einem wichtig ist. Wir haben die Freiheit, weitgehend selber bestimmen zu können. Dieses Privileg sollten wir nutzen. Für mich persönlich hat ein Testament mehr mit der Lebensmitte zu tun, als mit dem Lebensende. Es ist vergleichbar mit dem Frühlingsputz zuhause. Man bringt etwas in Ordnung, räumt auf im Leben. Denken Sie auch an eine Patientenverfügung und an einen eine Vorsorgeauftrag.

Wie offen erleben Sie die Menschen, mit denen Sie Kontakt haben?

Obschon es kaum ein persönlicheres Thema gibt, spüre ich grosses Vertrauen. Das mag auch an den 7 Rotkreuz-Grundsätzen liegen von denen in diesem Zusammenhang besonders UNPARTEILICHKEIT und NEUTRALITÄT wichtig sind.

Wenn sich in Ihrem Leben etwas verändert, können Sie ein Testament jederzeit neu verfassen.

Welche Gespräche bewegen Sie?

Kürzlich führte ich ein Telefonat mit einem Mann, der sehr sympathisch klang. Er ist nicht viel älter als ich und unheilbar erkrankt. Er möchte dem SRK sein ganzes Vermögen vermachen, weil er unverheiratet ist und keine Nachkommen hat. Ein Gespräch, das ich nie vergessen werde. Gefreut habe ich mich über den Kontakt mit einem 25-Jährigen, der auf Weltreise ist und im Falle seines Ablebens Freunde im Ausland sowie das SRK begünstigen möchte.

Ihr persönlicher Rat?

Besser, Sie erledigen diese Pendenz und schieben sie nicht auf die lange Bank. Wenn sich in Ihrem Leben etwas verändert, können Sie ein Testament jederzeit neu verfassen. Die vorgängige Version sollte immer vernichtet werden.