Humanitäre Visa

Sicherer Weg in die Schweiz

Mit dem Humanitären Visum erhalten besonders gefährdete Menschen Zugang zu internationalem Schutz. Das Schweizerische Rote Kreuz bietet Hilfesuchenden mit einem speziell dafür eingerichteten Beratungsdienst seit 2014 Unterstützung an. Die Familie von Nasrin H. konnte mit der Unterstützung des Beratungsdienstes mit humanitären Visa von Syrien legal in die Schweiz einreisen.

Es ist Sommer 2014. Nasrin H. sitzt im Therapiezimmer des Ambulatoriums für Folter- und Kriegsopfer. Es sei kein guter Tag, erzählt sie ihrer Therapeutin. Die Sorge um ihren Vater, der immer noch in Syrien lebt, lähmt sie heute besonders. Ihr Alltag ist geprägt von der Angst um das Leben ihres Vaters.

Alltag in Syrien

Vor Jahren flüchtete Nasrin H. mit ihrem Mann und ihren gemeinsamen Kindern. Doch ihr Vater - mit dem sie immer wieder telefoniert - lebt nach wie vor in Syrien mit seiner Ehefrau und seinen zwei kleinen Töchtern. Das Leben der kurdischen Familie ist nicht einfach, es wird immer schwieriger genügend Essen aufzutreiben. Zudem leben sie unter ständiger Angst vor den Bedrohungen der Extremisten, die an ihrem Wohnort die Macht übernommen haben. Das Schicksal meinte es nicht gut mit der Familie. Seit Kindheit gelähmt, sitzt der Vater im Rollstuhl. Die Ehefrau ist psychisch stark beeinträchtigt und längerfristig mit der Betreuung der Kinder überfordert. Einzig ein Bruder des Vaters unterstützt die vier. Er versorgt die Familie mit einem Minimum an Essen. Doch seit einem Monat hat Nasrin H. nichts mehr von ihren Angehörigen in Syrien gehört. Nasrin H. macht sich grosse Sorgen, zumal der Islamische Staat bei seinem letzten Anschlag das halbe Dorf zerstört hat.

Gespräche, die Mut geben

Bei ihrer Therapeutin fühlt sich Nasrin H. sicher genug, um über ihre schlimmen Erlebnisse und die täglichen Ängste zu sprechen: «Jedes Mal, wenn ich vom Ambulatorium heimfahre, weiss ich, ich habe jemanden, dem ich vertrauen und auf den ich zählen kann». In ihren Gesprächen kommt vermehrt die Angst um ihren Vater zur Sprache. Während den therapeutischen Sitzungen nimmt das Thema immer mehr Raum ein. Ihre Therapeutin spricht sie deshalb auf die Möglichkeit eines Humanitären Visums an.

Humanitäre Visa
Ein humanitäres Visum kann erteilt werden, wenn eine Person im Heimat- oder Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist. Der Beratungsdienst humanitäre Visa stellt Informationen für das Beantragen eines humanitären Visums zur Verfügung und berät beim Antragsprozess. In besonders gefährdeten Fällen macht der Beratungsdienst beim Staatssekretariat für Migration eine Vorabklärung. Der Erhalt eines humanitären Visums ermöglicht eine legale und sichere Einreise in die Schweiz.
Bei knapp der Hälfte der vom Staatssekretariat für Migration erteilten humanitären Visa berät und begleitet der Beratungsdienst die antragsstellenden Personen.

Vorabklärung beim Staatssekretariat für Migration

Im Herbst 2014 erstellen eine Sozialarbeiterin des Ambulatoriums und der Beratungsdienst humanitäre Visa gemeinsam mit Nasrin H. eine Vorabklärung bezüglich der Chancen auf ein humanitäres Visum für ihren Vater und seine Familie. Dass Nasrin H. in die administrativen Aufgaben mit einbezogen wird, hat einen positiven Nebeneffekt: Sie lernt dabei die Kommunikation mit Schweizer Behörden kennen und selbst anwenden. Beim Ambulatorium wird so oft als möglich das Prinzip «Learning by doing» eingesetzt. Aufgaben, Techniken und Massnahmen werden nicht ausschliesslich für, sondern auch mit den Patienten und Patientinnen ausgearbeitet.

Die schriftliche Vorabklärung schickte der Beratungsdienst humanitäre Visa an das Staatssekretariat für Migration, das über die Ausstellung von humanitären Visa entscheidet.

Die zentrale Bedeutung dieser Vorabklärung wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, welches Risiko diese Reise birgt. Der Vater von Nasrin H. und seine Familie können unmöglich zu Fuss starten, geschweige denn, sich schnell oder frei bewegen. Die Gefahren der Flucht wären zu gross, zudem wüssten sie nicht, ob sie letztlich ein Visum erhalten würden. Dieses Wagnis einzugehen, ohne Sicherheit auf ein humanitäres Visum, ist für die Flüchtenden grundsätzlich unzumutbar. Ein positiver Entscheid und eine Anschlussunterstützung müssten gewährt sein.

«Für besonders vulnerable Personen, die an ihrem Aufenthaltsort in Gefahr sind, aber nicht die Möglichkeit haben, auf gut Glück die gefährliche und häufig weite Reise zu einer Schweizer Botschaft zu machen, ist eine schriftliche Vorabklärung an das SEM häufig die einzige Möglichkeit Schutz zu erhalten».

Carolin Krauss, Leiterin Fachbereich Migration des SRK

Auf gut Glück

Im Winter 2014 kommt die Rückmeldung des Staatssekretariats für Migration. Eine Standardantwort: Der Vater solle auf eine Schweizer Botschaft gehen und dort um ein humanitäres Visum bitten. Die nächsten Botschaften der Schweiz befinden sich jedoch im Libanon oder der Türkei, die Schweizer Botschaft in Damaskus wurde 2012 aus Sicherheitsgründen geschlossen. Die Reise in den Libanon oder die Türkei führt durch Kriegsgebiete und der Grenzübertritt ist legal schier unmöglich. Für den Vater und seine Familie ist es ausgeschlossen, dort auf gut Glück vorbeizugehen.

Nachdem die Situation sich im Frühling 2015 aufgrund der Machtübernahme durch den Islamischen Staat in der Region weiter verschärft hatte und der Beratungsdienst dem Staatssekretariat für Migration die Situation erneut und ausführlich schilderte, wurde die Anfrage doch noch positiv beurteilt. Im Sommer 2015 kommt der Entscheid: Die Familie erhält ein humanitäres Visum.

Mit der Gewissheit in einem anderen Land neu anfangen zu können, wagen sie die Reise, die vom Schweizerischen Roten Kreuz und der Internationalen Organisation für Migration organisiert wurde. Heute leben Vater und Tochter mit ihren Familien in der Schweiz.

Weil Nasrin H. ihren Vater jetzt in Sicherheit weiss, kann sie sich nun auf sich selbst konzentrieren und ihre eigenen traumarelevanten Themen therapeutisch angehen. Mit Erfolg. Ende dieses Jahres wird Nasrin H. ihre Therapie beenden. Sie freut sich darauf ein selbstständiges Leben zu beginnen. Hier in der Schweiz.