Fallbeispiel Beratungsdienst Humanitäre Visa

Seit Monaten in Malaysia gestrandet

Das Schweizerische Rote Kreuz erhält regelmässig Anfragen für humanitäre Visa von Menschen, die irgendwo auf der Welt feststecken. Oft sind diese Menschen in grosser Not und wissen nicht, an wen sie sich sonst wenden sollen. Wie Salima Mohammad*, die aus dem Jemen stammt. Mit ihrem Ehemann und den zwei minderjährigen Kindern ist sie vor politischer Verfolgung und dem Bürgerkrieg in ihrem Heimatland geflüchtet und schliesslich in Malaysia gelandet.

E-Mail aus Malaysia

Im November 2019 erhält der Beratungsdienst Humanitäre Visa des Schweizerischen Roten Kreuzes eine E-Mail von Salima Mohammad mit dem Betreff: Please help us, we are in danger (Bitte helfen Sie uns, wir sind in Gefahr). Im Namen ihrer Familie bittet sie um Unterstützung bei der Beschaffung eines humanitären Visums für die Schweiz. Die malaysischen Behörden haben ihr mitgeteilt, ihr Einreisevisum werde nicht verlängert und sie und ihre Familie müssten das Land in drei Wochen verlassen. Nach einigen weiteren Mails stellt sich heraus, dass der Ehemann von Salima Mohammad ein bekannter Geschäftsmann ist und dass einige Mitglieder seiner Familie der gestürzten jemenitischen Regierung angehörten. Milizen der neuen Regierung hielten ihn deshalb tagelang fest, schlugen ihn – auch vor den Augen seiner Kinder, die seither traumatisiert sind. Er selbst war politisch nicht aktiv.

Von Jemen nach Malaysia: Flucht oder Tod

An Leib und Leben gefährdet, beschliesst die Familie, mithilfe von hochrangigen Bekannten den Jemen zu verlassen. Ausgestattet mit einem einmonatigen Transitvisum gelangen sie per Flugzeug über den Oman nach Malaysia. Nach ihrer Ankunft in der Hauptstadt verkauft Salima Mohammad ihren Schmuck, um eine kleine Wohnung zu mieten und ein neues Leben zu beginnen.

Keinen Zugang zu Schutz 

Im örtlichen Büro des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) teilt man Salima Mohammad mit, dass eine Registrierung infolge Überlastung erst in einem Jahr möglich sei. Sie versteht die Welt nicht mehr. Doch Salima Mohammad gibt nicht auf. Sie kontaktiert das Schweizerische Rote Kreuz und findet heraus, dass sich die Vertretung, die für die Prüfung ihres Gesuchs zuständig ist, im rund 1700 Kilometer entfernten Thailand befindet. Der Beratungsdienst Humanitäre Visa reicht in der Schweiz einen Antrag auf Vorabklärung ein, um ein Visum für die Familie zu prüfen. Im Januar 2020 wird dieser Antrag vom Staatssekretariat für Migration abgelehnt, unter anderem mit der Begründung, dass sich die Familie bereits in einem Drittstaat befinde und nicht nachgewiesen sei, dass die Gefahr einer Ausschaffung in den Jemen bestehe.

Engagement für Schutzsuchende

Zurzeit lebt Familie Mohammad auf dem Land, auf eigene Kosten und weit weg von der grundlegenden Infrastruktur, die sie unter Umständen benötigt. Die Reisepapiere sind abgelaufen, der Weg in die Illegalität zeichnet sich ab. Nach allem, was die Familie im Jemen durchgemacht hat, ist an eine Rückkehr dorthin nicht zu denken. «Lieber sterbe ich hier, als zurückzugehen», erklärt Salima Mohammad, die sich wünschen würde, dass die Öffentlichkeit vermehrt auch Konflikte wahrnimmt, die in den Medien weniger präsent sind.

Das Schweizerische Rote Kreuz ist sich bewusst, dass nicht alle, deren Leben in Gefahr ist, ein humanitäres Visum erhalten können. Für schutzsuchende Menschen ist dies allerdings oft der letzte Ausweg. Denn es bestehen viel zu wenige Möglichkeiten für einen sicheren und legalen Zugang zu internationalem Schutz. Ein weiterer Zugangsweg neben den humanitären Visa ist das Resettlement-Programm des UNHCR, das jedoch ebenfalls viel zu wenige Plätze bietet. Nach Angaben des UNHCR konnten 2019 nur etwa fünf Prozent der besonders schutzbedürftigen Menschen, die dringend auf eine Umsiedlung angewiesen wären, von diesem Programm Gebrauch machen.

Das Schweizerische Rote Kreuz setzt sich mit seinem Beratungsdienst Humanitäre Visa sowie mit Interessenvertretung und Netzwerkarbeit in der Schweiz und weltweit dafür ein, dass langfristige Lösungen gefunden werden, um den Zugang zu Schutz zu gewährleisten. 

*Name geändert