Rückgang von Anfragen

Humanitäre Visa in Zeiten von Corona

Der Beratungsdienst Humanitäre Visa hat festgestellt, dass sich die Massnahmen zur Bekämpfung der Pandemie auf den Zugang zu internationalem Schutz auswirken. Die nachstehenden Geschichten zeigen, wie schwierig es für Schutzsuchende ist, zu ihren Familien in der Schweiz zu gelangen.

Ab März wurden Grenzen, Botschaften und Flughäfen geschlossen und die Bewegungsfreiheit durch die Ausgangsbeschränkungen limitiert. Diese staatlichen Massnahmen haben den Zugang zu internationalem Schutz erheblich beeinträchtigt. Familien blieben getrennt, während sich die Gesundheits- und Sicherheitslage mit der zunehmenden Zahl der Infektionsfälle verschlechterte.

Von März bis Juni 2020 stellte der Beratungsdienst des Schweizerischen Roten Kreuzes einen Rückgang der Anträge und Anfragen für humanitäre Visa fest. Personen mit laufendem Visumsantrag oder bereits genehmigtem Visum standen vor unüberwindbaren Hindernissen.

Drei exemplarische Geschichten

Im Norden Syriens warten die sechsjährige Sarah* und ihre Mutter seit März auf ihre Visa. Sarah wurde im Oktober 2018 beim Spielen in einem Park von einer verirrten Kugel getroffen. Seither ist sie traumatisiert. Das Projektil in ihrem Gehirn verursacht zahlreiche Beschwerden und drückt auf den Sehnerv. Wird es nicht möglichst rasch entfernt, könnte Sarah ihr Augenlicht verlieren. Auch weitere, potenziell tödliche Komplikationen drohen. Nach einem positiven Vorbescheid des Staatssekretariats für Migration (SEM) beantragte Sarahs Mutter Anfang März in der Schweizer Botschaft in Beirut offiziell Visa für eine medizinische Behandlung. Doch dann verhängte der Libanon Ausgangsbeschränkungen. Die Schweizer Botschaft und die Grenze zu Syrien gingen zu. Mutter und Tochter mussten bis zur Öffnung der Grenzen warten, um ihre Visa zu erhalten und in die Schweiz reisen zu können. Hier wird das Mädchen Zugang zur Operation haben, von der sein Leben abhängt. Das Warten zog sich bis in den Oktober hin. Erst dann konnten die beiden die Botschaft aufsuchen, um das Verfahren fortzusetzen. Ende Oktober konnten sie endlich in die Schweiz einreisen, zwei Jahre nach dem tragischen Vorfall. Vorläufig muss Sarah jedoch noch auf ihre Operation warten, weil die Krankenhäuser wegen der zahlreichen Corona-Fälle überlastet sind.

Auch in Aleppo wartete ein schwerkrankes älteres Paar, bis es in den Libanon einreisen konnte, um die Visa für die Reise zu seinen Kindern und Grosskindern in der Schweiz zu erhalten. Mitte März hatten die beiden einen positiven Vorbescheid erhalten. Doch dann ging die Grenze vor ihren Augen zu und sie konnten nicht auf der Botschaft in Beirut vorsprechen. In Syrien liegt das Gesundheitswesen nach 10 Jahren Krieg am Boden, während sich gleichzeitig die Pandemie ausbreitet. Aufgrund der Verletzlichkeit ihrer betagten Eltern waren die Kinder in grosser Sorge um sie. Doch sie konnten nichts tun, als sich zu gedulden. Nach langen Monaten des Wartens und Bangens gelangte das ältere Paar zum Glück doch noch in den Libanon, wo ihnen die Botschaft die Visa ausstellte. Mitte Oktober kamen sie endlich in der Schweiz an.

In Afghanistan warteten eine verzweifelte Mutter und ihre beiden Kinder seit März darauf, zu ihrer Familie in der Schweiz reisen zu können. Den Vater hatten die Taliban mit dem Tod bedroht. 2015 floh er deshalb mit zwei Söhnen in die Schweiz. Als anerkannter Flüchtling stellte er ein Gesuch um Familiennachzug, das im Januar 2020 vom SEM genehmigt wurde. Doch Frau und Kinder waren in Afghanistan blockiert: Die Grenze zu Pakistan und die Schweizer Botschaft in Islamabad waren geschlossen und alle Flüge wurden annulliert. Im Oktober konnte die Familie endlich nach Islamabad gelangen, wo die Botschaft ihnen Visa ausstellte. Anfang November konnten sie in die Schweiz reisen und sind jetzt, nach fünf langen schwierigen Jahren der Trennung mit ihrer Familie vereint.

Erschwerter Zugang zu Schutz

Am 15. Juni 2020 gingen die Grenzen zwischen der Schweiz und den Ländern der Europäischen Union wieder auf. Mehrere Länder lockerten an diesem Datum ihre Massnahmen und öffneten Grenzen und Flughäfen. Danach gingen beim Beratungsdienst des SRK neue Auskunftsanfragen zum Thema humanitäre Visa ein. Seit Mitte Juni hat sich die Zahl der Kontaktnahmen deutlich erhöht.

Doch das Reisen und der Zugang zu internationalem Schutz sind noch immer stark erschwert. Je nach Land sind die Grenzen nur teilweise offen und die Schweizer Vertretungen nur eingeschränkt zugänglich. Die meisten Anfragen erhalten wir aus Syrien, Afghanistan, Eritrea, Äthiopien, Libanon, der Türkei und dem Iran. In diesen Ländern hat sich die Gesundheits- und Sicherheitslage deutlich verschlechtert. Verletzliche Menschen, die schon zuvor in einer schwierigen Lage waren, trifft die Corona-Pandemie besonders hart.

Tag für Tag ist der Beratungsdienst mit der enormem Belastung und dem Leid konfrontiert, die den Betroffenen den Alltag und die Integration in der Schweiz erschweren. Zu diesem Thema hat das Australische Rote Kreuz kürzlich eine Studie publiziert. In der momentanen Pandemiesituation ist Solidarität besonders wichtig: Menschen, die darauf angewiesen sind, müssen trotz Reisebeschränkungen Zugang zu internationalem Schutz erhalten. Deshalb engagiert sich das Schweizerische Rote Kreuz weiterhin für die Zusammenführung von Familien und für die Erteilung von humanitären Visa an Menschen, die an Leib und Leben gefährdet sind.