Familienzusammenführung

Ein langer Hindernislauf

Nach sechs Jahren Kampf und Trennung kann eine Mutter dank eines humanitären Visums ihre Kinder in der Schweiz wieder in die Arme schliessen.

Frau Ali lebt seit 2015 im Kanton Bern. Sie spricht sehr gut Deutsch und hat eine Ausbildung zur Pflegehelferin SRK erfolgreich abgeschlossen. Über ihre Freundin Frau Monney erhielt sie einen Praktikumsplatz in einem Spital. Trotzdem lastete ein enormer psychischer Druck auf ihr: die Trennung von ihren vier minderjährigen Kindern. Die Hindernisse, die sich ihr in den Weg stellten, überwand sie mit aussergewöhnlicher Entschlossenheit und Widerstandskraft.

Erste Trennung

Im Jahr 2004 muss Frau Ali wegen Drohungen ihres Mannes und dessen Familie allein aus Somalia fliehen und verliert den Kontakt zu ihren drei Kindern. 2010 befindet sie sich in Kenia und erfährt, dass die Schwiegermutter, die sich um die Kinder kümmert, gestorben ist. Deshalb unternimmt sie alles, um ihre Töchter zu sich zu holen. Sie lebt in einem Flüchtlingslager, hat wieder geheiratet und einen kleinen Jungen zur Welt gebracht.

Sechs Jahre nach der erzwungenen Trennung war die Familie endlich wieder vereint. Bis 2014 konnten sie zusammen in Kenia leben. Dann begann leider die Verfolgung von Frau Ali von Neuem: Nachdem ihr zweiter Mann und die somalische Gemeinde im Flüchtlingslager die Gründe ihrer Flucht erfahren haben, üben sie Druck auf sie aus, beleidigen und verfolgen sie. Dieses feindselige Umfeld hat einen so starken Einfluss auf die Kinder, dass ihre älteste Tochter mehrmals von Selbstmord spricht. Sie muss deshalb handeln.

Flucht in die Schweiz und Ablehnung des Familiennachzugs

Frau Ali beschliesst, weiter nach Europa zu flüchten. Sie hofft, dort endlich in Würde leben und ihren Kindern eine Zukunft bieten zu können. Sie lässt ihre vier Kinder in der Obhut ihrer Schwester, reist durch den Sudan und Libyen, überquert das Mittelmeer und erlebt auf ihrem Weg viel  sexuelle Gewalt. Im März 2015 erreicht sie die Schweiz, wo sie Asyl beantragt und als Flüchtling anerkannt wird.

Sie hofft, ihre Kinder schnell nachkommen lassen zu können, aber ihr Familienasylantrag und der Rekurs beim Bundesverwaltungsgericht werden abgelehnt. Laut den Behörden war die Familie auf der Flucht nicht ungewollt getrennt worden, und beim jüngsten Kind habe es vor der Flucht kein gemeinsames Familienleben gegeben. Entsprechend stellte sich die Frage nach einem Gesuch für einen Familiennachzug auf der Grundlage des Ausländer- und Integrationsgesetzes, aber Frau Ali erfüllte die strengen behördlichen Anforderungen nicht: vollständige finanzielle Selbstständigkeit und eine ausreichend grosse Wohnung.

Unbegleitete Minderjährige und sexuelle Gewalt

In der Zwischenzeit hat sich die Lage der Kinder ernsthaft verschlechtert. Frau Alis Schwester kann sich nicht mehr um sie kümmern. Die vier Kinder im Alter von 16, 14, 13 und 9 Jahren versuchen ihr Glück in Uganda, wo sie sich selber überlassen sind. Ihre Mutter macht sich grosse Sorgen und ruft sie regelmässig an, um sie so gut wie möglich zu unterstützen.

Das Leben in Kampala war alles andere als einfach. Seit 2018 lebten sie in einem kleinen, 4 mal 2,5 Meter grossen Raum im Erdgeschoss in einer Wohnung mit 16 Personen in einem Stadtviertel mit hoher Kriminalität. Jeden Abend schlossen sich die Kinder um 18 Uhr im Zimmer ein und stellten Geschirr vor die Tür, um sich zu schützen. Sie lebten von den unregelmässigen Geldüberweisungen ihrer Mutter und mussten manchmal auch hungern. Sie mussten allein mit einer Lebensmittelvergiftung und einer Verbrennungsverletzung fertig werden. Sie wurden von der somalischen Gemeinde unter Druck gesetzt und durften insbesondere nicht zur Schule gehen. Die drei Schwestern wurden oft Opfer von Belästigung und sexuellen Übergriffen, die im Februar 2020 in einer Vergewaltigung gipfelten.

Humanitäres Visa dank Hilfe von verschiedenen Seiten

Frau Ali und Frau Monney suchen nach Lösungen und nehmen Verbindung mit dem Internationalen Sozialdienst auf. Dieser stellt den Kontakt zur lokalen Organisation Dwelling Places her, die die drei Mädchen und den Jungen in ihren Heimen aufnahm und ihnen half, Anzeige zu erstatten. Der Täter wurde von der Polizei gefasst, aber der Druck der Gemeinschaft war so extrem, dass die Kinder nicht an ihren Wohnort zurückkehren konnten. Zum Glück konnten sie bis zur Abreise in die Schweiz in den Heimen von Dwelling Places bleiben.

Dank der Hilfe dieser Organisation meldeten sich die Kinder von Frau Ali im März 2020 beim Hochkommissariat für Flüchtlinge der Vereinten Nationen (UNHCR). Für die vier unbegleiteten Minderjährigen war dieser Schritt bis dahin unvorstellbar gewesen. Die internationale Organisation half ihnen über ihre lokale Kinderschutzpartnerorganisation Care and Assistance for Forced Migrants (CAFOMI).

Der Weg zur Familienzusammenführung war jedoch versperrt, und die Lage der Kinder verschlechterte sich seit 2015. Ihre körperliche Unversehrtheit wurde verletzt, und die Drohungen gingen weiter. Das humanitäre Visum war die einzige Möglichkeit für die Kinder, legal und sicher zu ihrer Mutter in die Schweiz zu gelangen. Eine Sozialhelferin von CAFOMI begleitete sie und unterstützte sie bei der Einreichung eines Antrags für ein humanitäres Visum.

Die Einreichung des Antrags für ein humanitäres Visum war sowohl für Frau Ali und ihre Freundin Frau Monney als auch den Beratungsdienst Humanitäre Visa des SRK und das UNHCR sehr aufwändig. Die Behörden verlangten für ein amtliches Gesuch die persönliche Anwesenheit der antragstellenden Personen auf der nächstgelegenen Schweizer Botschaft. Diese befand sich in diesem Fall in der kenianischen Hauptstadt Nairobi. Für die minderjährigen Kinder, die keine gültigen Ausweispapiere besassen, war es schwierig nach Kenia zu reisen.

Deshalb schaltete sich das SRK ein, um das Gesuch ausnahmsweise beim Honorarkonsulat in Kampala einreichen zu können. Aufgrund der Widerstände übermittelte das SRK direkt eine Vorabklärung an das Staatssekretariat für Migration (SEM), und die Antwort fiel positiv aus. Trotzdem waren noch zahlreiche E-Mails und Telefongespräche zwischen dem SRK, dem UNHCR, dem SEM, der Botschaft und der Konsulatsleitung nötig, und die Sozialhelferin der Kinder musste sich vor Ort ebenfalls einsetzen, damit der Antrag schliesslich registriert und das Visum erteilt wurde.

Nach Erteilung des Visums organisiert der Beratungsdienst Humanitäre Visa die Reise der Kinder mithilfe der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die Sozialhelferin des UNHCR bringt die Kinder zum Flughafen, wo sie von der IOM übernommen werden. Der Flug verläuft ohne Probleme und die Kinder kommen wohlbehalten in der Schweiz an, wo sie von der Mutter am Flughafen mit grossen Emotionen in Empfang genommen werden. Ihre Ankunft bedeutete für Frau Ali das Ende eines langen Kampfes. Die Familienzusammenführung wurde von den vielen Organisationen, die sie unterstützt hatten, gefeiert.

Endlich wieder vereint

Nach der Ankunft 2020 lebt die Familie zuerst einen Monat lang bei Frau Monney, zu der eine wahre Freundschaft entstanden ist. Bis dahin hatte Frau Ali allein in einem Studio gelebt, das jedoch zu klein für alle war. Nach kurzer, aber intensiver Suche zieht die Familie in eine ausreichend geräumige Wohnung um.

Nach sechsjähriger Trennung war allerdings nicht alles einfach: Jeder musste seinen Platz finden. Die Verantwortung der Mutter ist auch hier in der Schweiz gross. Viele Termine müssen eingehalten werden, sie muss für fünf Personen kochen und die Wohnung in Ordnung halten, und daneben arbeitet sie mit hohem Pensum in der Pflege.

Die jungen Frauen haben in ihrem neuen Quartier bereits Freundinnen gefunden. Der jüngste Spross der Familie spielt mit gleichaltrigen Kindern Fussball und besucht die Tagesschule. Seit Januar absolvieren die Töchter Integrationskurse und haben schon grosse Fortschritte in Deutsch gemacht. Sie können bereits Gespräche führen und die Lehrkräfte sind voll des Lobes über ihren Willen, ihre Pünktlichkeit und ihre Freundlichkeit. Bei den Schulprüfungen erhalten alle schon sehr gute Noten. Die Kinder müssen noch viel über das Leben in der Schweiz lernen, machen sich aber sehr offen und mit viel Neugier und Freude an diese Aufgabe.