Humanitäre Visa 2020

Drastischer Rückgang

Im Jahr 2020 erschwerte die Pandemie stark auf den Zugang zu internationalem Schutz. Dies zeigen die Zahlen des Beratungsdienstes Humanitäre Visa.

Das Jahr 2020 war von der Covid-19-Pandemie geprägt: Lockdown, Verunsicherung, Isolation und Todesfälle. Social Distancing und weitere Präventionsmassnahmen haben uns von unseren Angehörigen ferngehalten. Wir haben gespürt, wie schwer diese Trennungen und wie wichtig soziale Kontakte sind. Für Migrantinnen und Migranten, die wegen geschlossener Grenzen und restriktiver Gesetze von ihren Angehörigen getrennt sind, ist dies jedoch Alltag.

Rückgang bei den Anfragen für humanitäre Visa

Die Auswirkungen der Pandemie auf Migrantinnen und Migranten waren in der Arbeit des Beratungsdienstes Humanitäre Visa des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK) deutlich zu spüren. Im Februar 2020 erreichte das Coronavirus die Schweiz. Daraufhin wurden staatliche Massnahmen inklusive Grenzschliessungen ergriffen. In vielen Ländern mussten die Schweizer Botschaften schliessen, und die Flugzeuge blieben am Boden. Entsprechend gingen die Anfragen beim Beratungsdienst Humanitäre Visa des SRK in den Monaten März, April und Mai 2020 drastisch zurück. Viele Menschen standen vor geschlossenen Grenzen und konnten nicht zu ihren Angehörigen reisen.

Im vergangenen Jahr erhielt der Beratungsdienst Humanitäre Visa des SRK 1693 Anfragen, was im Vergleich zu den 2221 Anfragen im Vorjahr einem drastischen Rückgang um 528 Anfragen (mehr als 23 Prozent) entspricht. In den Jahren zuvor war die Anzahl Anfragen zu humanitären Visa stets gestiegen.

Visaerhalt schwieriger geworden

2019 erteilte das Staatssekretariat für Migration (SEM) 172 Visa. 2020 waren es mit 66 weniger als die Hälfte. Von diesen 66 Visa wurden 26 Anträge (rund 39 Prozent) vom Beratungsdienst Humanitäre Visa des SRK unterstützt.

Auch wenn wir 2020 weniger Anfragen erhalten haben, steht der Rückgang der Anzahl erteilter Visa in keinem Verhältnis dazu: Während die Kontakte mit dem Beratungsdienst um ein Viertel abnahmen, wurden weniger als halb so viele humanitäre Visa erteilt. Parallel dazu ist die Anzahl Asylgesuche im 2020 weiter auf 11 041 gesunken. Die Schweizer Behörden hatten sich verpflichtet, über die Resettlement-Programme des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge (UNHCR) 1 600 besonders verletzliche Menschen aufzunehmen, aber letztlich durften nur 330 Personen einreisen. Diese rückläufigen Entwicklungen sind beunruhigend, weil sie zeigen, dass der Zugang zu internationalem Schutz immer schwieriger wird. Gleichzeitig wurden die Menschen, die sich ohnehin schon in einer prekären Situation befanden, besonders schwer von der Pandemie getroffen.

Unveränderte Situation bei den Herkunftsländern

Die Herkunfts- und Aufenthaltsländer, aus denen die Anfragen stammten, waren ähnlich wie in den Vorjahren und entsprachen den Herkunftsländern der Personen, die in der Schweiz Asyl suchten: Syrien (720), Afghanistan (120) und Eritrea (118). 70 der 118 Personen aus Eritrea kontaktierten uns aus Äthiopien. Sie wurden direkt von dem im November 2020 ausgebrochenen Krieg in der Region Tigray getroffen. Dieser Artikel erklärt, wie sich ihre prekäre Lage auch im Beratungsdienst Humanitäre Visa bemerkbar machte.

Vielseitige Unterstützung

Der Beratungsdienst Humanitäre Visa hat verschiedene Möglichkeiten, bei der Einreichung von Anträgen zu helfen. In erster Linie informiert er über das Gesuchsverfahren für ein humanitäres Visum oder das Einspracheverfahren im Fall einer Ablehnung. Zudem bietet er persönliche Unterstützung an, insbesondere beim Korrigieren von Anträgen oder Einsprachen, beim Herstellen von Kontakten zu Organisationen vor Ort oder bei der Übermittlung von Vorabklärungen direkt an das SEM.

Dies betraf Personen, die keinen Zugang zu einer Botschaft hatten, weil sie sich in einem Land ohne Schweizer Vertretung (Syrien, Irak, Somalia) aufhielten oder weil es sich um Minderjährige handelte. Durch die Übermittlung einer Vorabklärung an das SEM hat das SRK diesen besonders verletzlichen Menschen einen besseren Zugang zu einem humanitären Visum verschafft.

Der Beratungsdienst Humanitäre Visa arbeitet auch hinter den Kulissen im Rahmen eines vertraulichen Dialogs mit dem SEM oder über politische Stellungnahmen zugunsten von Migrantinnen und Migranten sowie Geflüchteten. Er hat sich während des ganzen Jahres bemüht, Lösungen zu finden, damit getrennte Familien zusammengeführt werden konnten. Manchmal war dies die letzte Etappe eines sehr langen Marathons.

Das SRK stellt fest, dass der Zugang zu internationalem Schutz aufgrund der Pandemie auch 2021 weiter eingeschränkt ist: Lockdowns, Schliessung von Schweizer Vertretungen und Grenzen, Reisebeschränkungen etc. Deshalb setzen wir uns noch stärker dafür ein, dass verletzliche Menschen Zugang zu internationalem Schutz erhalten.