Begleitung durch den Beratungsdienst

Alleinstehende traumatisierte Syrerin im Libanon

Dank der Unterstützung des Beratungsdienstes humanitäre Visa des SRK konnte eine alleinstehende traumatisierte Frau aus Syrien, die in den Libanon flüchtete, von dort im 2018 in die Schweiz zu ihrer Schwester einreisen.

Alia Mohamad (1) stammt ursprünglich aus Syrien und ist 38 Jahre alt. Ihre Schwester, Esma Mohamad, lebt mit ihrer Familie in der Schweiz. Alia Mohamad konnte im September 2018 aufgrund einer Vorabklärung beim Staatssekretariat für Migration (SEM) mit der Unterstützung des Beratungsdienstes humanitäre Visa des SRK in die Schweiz einreisen. In die Vorabklärung eingeschlossen waren auch ihr Bruder Adil Mohamad und seine Familie. Das SEM beurteilte die Visumschancen für ihn und seine Familie hingegen als aussichtslos.

Wegen des Syrienkonfliktes verlor die Schwester von Alia Mohamad in der Schweiz während rund 8 Jahren den Kontakt zu ihrer Familie. Im Jahr 2015 hat sie mit der Hilfe des Suchdienstes des SRK angefangen, nach ihrer Familie zu suchen. Im März 2018 erhielt Esma Mohamad endlich einen Anruf von ihrer Schwester.

Schwere Misshandlungen in Syrien
Alia Mohamad war zu diesem Zeitpunkt bereits im Libanon. Sie musste ihren Angehörigen in der Schweiz mitteilen, dass die Eltern und eine weitere Schwester im Krieg gestorben waren. Vor rund sechs Jahren wurde ihr Heimatort Deir ez-Zor von islamistischen Gruppen eingenommen und die Familie wurde angegriffen. Alia Mohamad und ihr Bruder wurden von einer solchen Gruppe verschleppt. Der Rest der Familie wurde aus dem Haus vertrieben und musste in einer Art Camp mit anderen Familien leben. Die Geschwister wurden bei Kamishli in der kurdischen Region in Nordsyrien festgehalten. Alia Mohamad wurde in Gefangenschaft mehrmals vergewaltigt und gezwungen, nach strengen islamischen Regeln zu leben. Nur durch Zufall konnte sie fliehen, als die islamistische Gruppe angegriffen wurde. Die alleinstehende Frau schlug sich danach an die Grenze zum Libanon durch. Im Libanon angelangt, meldete sie sich beim UNHCR. Das SRK versuchte herauszufinden, ob sie für ein Resettlement in Frage käme. Das Gesuch konnte jedoch nicht evaluiert werden, da im Libanon seit 2015 keine offiziellen Registrierungen für Resettlement mehr durchgeführt werden können. Laut internationalen Organisationen wie «Amnesty International», können syrische Flüchtlinge im Libanon nur schwer ihr Recht auf Asyl einfordern, da sie von den Behörden nicht offiziell als Flüchtlinge anerkannt werden. Libanon hat die UN Flüchtlingskonvention von 1951 nicht unterzeichnet.

Leben ohne Unterstützung und Schutz im Libanon
Alia Mohamad suchte im Libanon vergebens nach Unterstützung. Sie bat syrische Familien erfolglos um Hilfe und wurde dabei ständig von Männern bedrängt. Sie hatte auch immer wieder Kontakt zu ihrem Bruder Adil Mohamad, der immer noch mit seiner Familie im Libanon lebt, jedoch konnte er ihr keine Unterstützung oder Schutz bieten, da auch er obdachlos war und ums Überleben kämpfen musste. Alia Mohamad kämpfte mit gravierenden posttraumatischen Belastungsstörungen, Schlafstörungen, Knieproblemen und starken Rückenschmerzen. Es war ihr nicht möglich, medizinische Hilfe zu erhalten, da sie sich diese nicht leisten konnte.

Ein sicherer Weg in die Schweiz
Die Schwester Esma Mohamad bat den Beratungsdienst humanitäre Visa um Unterstützung. Dieser machte im Rahmen seines vertraulichen Dialogs mit dem SEM eine Vorabklärung bezüglich Chancen für ein humanitäres Visum. Die Vorabklärung wurde positiv beurteilt. Nach dem formellen Visumsgesuch bei der Botschaft in Beirut, konnte Alia Mohamad schliesslich in die Schweiz einreisen. In der Schweiz angekommen, hat sie nun regelmässig Kontakt zu ihrer Schwester und kann ihre physischen und psychischen Leiden behandeln lassen. Die beiden Schwestern haben eine neue Chance erhalten, in der Schweiz ein Leben als Familie zu führen. 

Abschliessend ist festzuhalten, dass Aila Mohamad eine traumatisierte allein stehende Frau ist, die im Libanon keinerlei Schutz oder Unterstützung von staatlicher oder nichtstaatlicher Seite erhielt. Sie war vollständig abhängig von einem informellen Beziehungsnetz und geschlechtsspezifischen Gefährdungen ausgesetzt.

Weisung des Staatssekretariats für Migration: Ein humanitäres Visum gemäss Art. 4 Abs. 2 VEV kann erteilt werden, wenn «[…] aufgrund des konkreten Einzelfalls offensichtlich davon ausgegangen werden muss, dass sie im Heimat- oder Herkunftsstaat unmittelbar, ernsthaft und konkret an Leib und Leben gefährdet ist. […] Es ist jeweils eine sorgfältige Prüfung des Einzelfalls erforderlich. Befindet sich die Person bereits in einem Drittstaat, ist in der Regel davon auszugehen, dass keine Gefährdung mehr besteht.» Wenn sich also eine Gesuchstellerin oder ein Gesuchsteller bereits in einem Drittstaat befindet, wird ihre/seine Situation in diesem Drittstaat nicht eingehend geprüft.

Das SRK ist in seiner mehrjährigen Beratungsarbeit zahlreichen ähnlichen Schicksalen wie jenem von Alia Mohamad begegnet, die aufgrund dieser Drittstaatenregelung meist nicht genügend überprüft wurden. Hilfreich war im vorliegenden Fall sicher, dass der Beratungsdienst vom Fall wusste und ihn im Sinne des vertraulichen Dialoges dem SEM weiterleiten konnte.
Im Fall von Syrien, wo keine Schweizer Vertretung existiert, müssen Gesuchstellerinnen oder Gesuchsteller zwangsläufig ein Gesuch in einem Drittland stellen. Dies gilt auch für andere Länder wie zum Beispiel Afghanistan, Eritrea, Irak oder Somalia.

(1) Das Fallbeispiel ist anonymisiert.