Freiwillige im Einsatz

Wenn die Erde bebt und Herzen bewegt

Julia und Luc waren mit ihrem Camper auf Reisen im Iran, als plötzlich die Erde bebte. Spontan entschieden sie, zu helfen. Beim Iranischen Roten Halbmond hatten sie nicht nur die Chance, sich nützlich zu machen, sondern auch eine unglaubliche Solidarität zu erleben.

Buntes Treiben im Bazar, abendländische Gerüche, Kamele an der Strasse und freundliche Gesichter, die uns mustern – das sind nur einige der vielen aufregenden Eindrücke, mit denen uns der Iran empfängt. Nicht nur unser 30-jähriges Büsli, mit dem wir bereits seit 7 Monate unterwegs sind, lässt uns herausstechen. Alle Einheimischen scheint von Weitem zu erkennen, dass wir Touristen sind. Die Konsequenz ist, dass uns diese unglaublich gastfreundlichen Leute ständig ansprechen, fragen, ob wir Hilfe brauchen und uns sogar zu sich nach Hause einladen.

Als wir das Beben spürten

So kommt es auch, dass wir an diesem Abend wieder zufrieden und entspannt in unserem Büsli auf einem Parkplatz mitten in einer kleinen Stadt die schönen Begegnungen des Tages Revue passieren lassen. Doch die Ruhe sollte dieses Mal nicht von Dauer sein. Entspannt lese ich gerade ein paar Seiten in einem Buch, als plötzlich unser Camper leicht zu schaukeln anfängt. Verärgert schaue ich zu meinem Freund Luc, da ich im ersten Moment ihn für den Übeltäter halte. Doch das Rütteln wird stärker und stärker und Gläser, Töpfe und andere Gegenstände in den Schränken fangen zu klirren an. Leichte Panik überfällt mich, schliesslich erlebe ich gerade mein erstes Erdbeben. Sirenen heulen auf und lassen mich noch mehr erschaudern.

«Einatmen, Ausatmen – alles wird gut», denke ich und versuche meinen Puls zu normalisieren.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, wahrscheinlich nur 30 Sekunden, ist der Spuk schon wieder vorbei. Erst am nächsten Tag wird uns bewusst, wie schwer das Beben war. Im Internet lesen wir, dass das Epizentrum nur 100 km von uns entfernt war und es eine Stärke von 8,3 auf der Richterskala hatte! Regelrecht berauscht, dass uns nichts passiert ist, aber gleichzeitig auch sehr traurig, dass viele Menschen in unserer Nähe nicht dieses Glück hatten, beschliessen wir zu helfen. Da ich Freiwillige beim Jugendrotkreuz Basel bin, kommt mir sofort die Idee, dass wir den Roten Halbmond in der nächsten Stadt aufsuchen könnten.

Begegnungen dank des Roten Halbmonds

Schon von weitem sehen wir die vielen freiwilligen Helferinnen und Helfer, unschwer zu erkennen an ihren offiziellen Westen. Wir haben Glück und es ist eine Dolmetscherin vor Ort, die uns auf Englisch einen Überblick über die Situation gibt.

Wir beschliessen, Konserven, Reis und Windeln zu kaufen, damit den fast 100 000 obdachlosen Personen schnellstmöglich geholfen werden kann.

Als wir von unserem Einkauf zurückkommen, erwartet uns schon ein Kamerateam, um unser Engagement zu filmen. Zwar sind wir etwas überrumpelt, da wir nichts anderes geleistet haben als tausend andere Iranis, doch freuen wir uns, dass die Medien die gesamte Bevölkerung motiviert, ebenfalls aktiv zu werden. Fast pausenlos fahren Autos, Pick-ups und Lastwagen vor, um weitere Spenden zu bringen. Wir packen kurzerhand mit an, um die Unmengen an Gütern in eine Turnhalle zu bringen. Dort werden sie koordiniert zusammengestellt und als vollständige Hilfspakete an betroffene Familien übergeben. Für uns sehr überraschend ist, dass sie zuerst unsere Hilfe nicht annehmen wollen. Im Iran ist man als Tourist Gast im Land, und Gäste werden verwöhnt und sollen keinen Finger rühren. Doch nachdem wir mehrmals gesagt haben, dass wir helfen wollen, Zeit haben und es uns Freude bereitet, akzeptieren sie uns als Teil ihres Teams. Gemeinsam mit ca. 100 anderen entladen wir Fahrzeuge, sortieren Güter und bepacken Lastwagen, die ins Krisengebiet fahren. Wir sind fasziniert von der grossen Anzahl an Freiwilligen, die von früh bis spät helfen. Aber genauso von den Tonnen an Gü­tern, die von Privatpersonen gespendet werden. Richtig bewe­gend ist es für uns zu erleben, wie viel Solidarität in diesem Land herrscht. Einerseits wäre bei uns die Unterstützung vom Staat wahrscheinlich schneller, doch man spürt im Iran, dass alle – ob Privatperson, oder öffentliche Person – das Beste geben und anpacken, wo sie nur können!

Teil der grossen Familie

Sprachlich ist es immer wieder eine grosse Herausforderung für uns, aber man glaubt gar nicht, wie viel man mit Händen und Füssen erklären kann. Wir lernen Rentnerinnen und Rentner, Studentinnen und Studenten, Schülerinnen und Schüler und momentane Arbeitslose kennen, die uns von ihrem Leben und ihrem Land erzählen. Es ist schön zu spüren, wie schnell wir Teil dieses grossen Familie werden. Denn einer der Freiwilligen lädt uns ein, bei sich und seiner Familie zu wohnen. Wir helfen ge­meinsam, essen bei ihnen zuhause und sie nehmen sich noch die Zeit, uns morgens oder abends stolz ihre Stadt zu zeigen. Daher fällt uns auch der Abschied nach fünf Tagen unglaublich schwer. So viele Menschen sind uns ans Herz gewachsen und fühlen sich wie gute Freunde, oder sogar Teil der Familie an. Dankbar für diese tolle Erfahrung und traurig, dass wir gehen müssen, werden wir noch viel umarmt, Tränen fliessen, doch das Herz ist erfüllt mit riesengrossem Glück.