aus dem Jugendmagazin «ready for red cross»

Velofahrkurs für Migrantinnen und Migranten

Fahrrad fahren ist günstig und gut für die Fitness. Nicht für alle in der Schweiz ist Fahrradfahren selbstverständlich. In einem Pilotprojekt des Jugendrotkreuz (JRK) Zürich lernen geflüchtete Jugendliche das Velo besser kennen.

von Mitja Mosimann

Grosses Bedürfnis
Das Fahrradprojekt entstand auf Anfrage der Asylorganisation Zürich (AOZ), die auch unbegleitete Minderjährige betreut. Zu Beginn des Projektes wurden die Jugendlichen nach ihren Wünschen zu Freizeitaktivitäten befragt. Ein vielfach genanntes Bedürfnis war Fahrrad fahren. Mobilität stellt für Menschen aus dem Asylbereich immer wieder eine Herausforderung dar. Das Unternehmen ‚ZüriRollt’ und der Verein ‚Pro Velo Zürich’ unterstützten das Pilotprojekt indem sie Fahrräder und Helme zur Verfügen stellten.

«Schon viel besser», keucht Jamilah*, tritt kräftig in die Pedale und kämpft sich den Hügel hoch. Zuvor hatte sie versucht im sechsten Gang die Steigung zu bewältigen. Dass ein Fahrrad normalerweise eine Gangschaltung besitzt und wozu diese da ist, wusste sie nicht. Zusammen mit der Unterstützung von Anouk, einer Freiwilligen des Zürcher Jugendrotkreuzes, lernte sie nun diese Funktion kennen. Jamilah ist eine von mehreren Jugendlichen, die an einem der Fahrradkurse des JRK Zürich teilnimmt. Die anderen Jugendlichen warten bereits einige Meter weiter vorne vor einem «Vorfahrt gewähren!»-Schild. Als alle aufgeholt haben, erklärt ein Freiwilliger, was es mit dem umgedrehten Dreieck auf sich hat: «Vor diesem Schild müsst ihr immer warten. Das Auto auf der anderen Strasse darf immer zuerst fahren.» Einige der Jugendliche nicken aufmerksam, andere kurbeln unruhig mit den Pedalen. «Das weiss ich schon.», sagt ein anderes Mädchen.

In die Gänge kommen

Die Fahrkenntnisse sind sehr unterschiedlich. Einige der teilnehmenden Jugendlichen fahren schon sicher, sie sind bereits in ihrer Heimat mit dem Fahrrad unterwegs gewesen. Hier müssen sie sich erst noch an die schweizerischen Verkehrsregeln gewöhnen. Ein Freiwilliger des JRK, erzählt: «Ein somalischer Freund von mir hatte einen Unfall, er wusste nicht, dass das Tram zuerst fahren darf. Jetzt benutzt er kein Fahrrad mehr, er traut sich nicht mehr.» In den Fahrradkursen sollen die Jugendlichen die Angst abzulegen und sicher im Verkehr unterwegs sein.

Andere Jugendliche müssen erst einmal lernen mit dem Rad zu fahren und das Gleichgewicht zu halten. Für einige ist es das allererste Mal, dass sie auf dem Sattel eines Fahrrades sitzen. Für die Kurse ist dies jeweils eine Herausforderung. Da die Vorkenntnisse so unterschiedlich sind, wird in zwei Gruppen unterteilt. Diejenigen, welche die sichere Bedingung des Rades erlernen müssen, üben auf einem Parkplatz. Dabei wird der Sattel ganz nach unten gestellt und mit den Beinen am Boden angetrieben. Die ersten Meter sind schwierig und brauchen viel Geduld, der Ehrgeiz der Jugendlichen ist gross und steckt an. Die Tipps und Ermutigungen der Freiwilligen motivieren die Jugendlichen. Die andere Gruppe übt zur gleichen Zeit das Fahren auf der Strasse und die Regeln des Verkehrs.

Unabhängige Mobilität

An diesem Samstag fährt die Gruppe über das Viadukt in Zürich. Es ist ein heisser Sommertag, die Zürcherinnen und Zürcher baden in der Limmat, sitzen im Café oder liegen auf der Josefwiese. «Diesen Park kannte ich noch nicht.», sagt Samir*, ein Jugendlicher aus Afghanistan, und schaut einer Gruppe von jungen Männern beim Fussball spielen zu. Auf dem Fahrrad kommt man eben nicht nur schnell und günstig von A nach B - bei einer Tour durch die Stadt kann man viele neue Orte kennenlernen an denen sich das öffentliche Leben abspielt. Neben der Sicherheit und der Stärkung des Selbstbewusstseins geht es in dem Projekt nämlich auch um Integration. Mobil zu sein bedeutet ein Stück Unabhängigkeit und die Möglichkeit am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Zurück im Büro des JRK, wo der Tag angefangen hat, machen sich die verschwitzen und durstigen Jugendlichen über die bereitstehenden Wasserflaschen her und verschnaufen erst mal. «Jetzt ist nicht mehr Ramadan, wir können wieder trinken.», sagt Jamilah und mit einem leisen Lächeln. «Beim letzten Kurs war es so heiss aber wir durften nichts trinken.» Noch einen Moment plaudern die Jugendlichen und die Freiwilligen ausgelassen. Der Kurs neigt sich dem Ende entgegen. Die Helme liegen wieder verstaut im Regal, die Fahrräder sind abgeschlossen vor dem Haus, bereit für den nächsten Kurs. Den Rückweg machen die Jugendlichen dieses Mal noch mit dem öffentlichen Verkehr. Vielleicht nicht mehr lange. «Ich hätte gerne ein eigenes Fahrrad, um damit zur Schule zu fahren.», sagt Jamilah, ihre Freundin nickt eifrig.