aus dem Jugendmagazin «ready for red cross»

Suchdienst: So führt das Rote Kreuz Familien zusammen

Jedes Jahr werden die Suchdienste des Roten Kreuzes von hunderten Familien kontaktiert, die sich auf ihrer Flucht verloren haben. Julia besuchte eine Stelle des weltweiten Restoring Family Links Netzwerkes des Roten Kreuzes in Barcelona.

von Julia Dümpelmann

Nicht weit vom Plaza España, mitten in Barcelona, stehe ich vor einem unauffälligen Büro. Doch schon beim Eintreten ist offensichtlich, dass Menschen aus allerlei Ländern und Kulturen hier täglich einund ausgehen. Vor mir, an der Anmeldung, informiert sich gerade eine Mutter mit ihren zwei Kindern über Unterstützung, da die drei erst vor Kurzem alleine aus Venezuela angekommen sind. Dieser erste Eindruck gibt mir bereits das Gefühl, das hier, im Suchdienst des Roten Kreuzes in Barcelona, unzählige berührende Schicksale nicht nur ein offenes Ohr, sondern auch Hilfe erfahren. Und gleich habe ich die Chance, mehr über die Tätigkeiten dieser Suchdienst-Stelle zu erfahren. Paula Rosas Martínez ist bereits seit neun Jahren Teil des Teams und kann mir daher ausführlich Einblick in die Arbeit und ihre persönlichen Erfahrungen geben.

Seit beinahe 150 Jahren wird gesucht & zusammengeführt

Bereits 1870 wurde der Suchdienst des Roten Kreuzes gegründet. Schon damals mit dem Ziel, in Kriegssituationen den Kontakt zwischen Verletzten und ihren Familien wiederherzustellen. Auch heutzutage ist das noch ein wichtiger Teil der Arbeit. Das Aufgabenfeld hat sich jedoch erweitert und gilt für jegliche Situationen, die zum Kontaktverlust zwischen Familien geführt haben. Es kann sich um eine Familientrennung während der Flucht aus Kriegsgebieten, Konflikten im Heimatland oder nach Naturkatastrophen handeln. So wurde zum Beispiel diesen Sommer nach dem schweren Erdbeben in Lombok, Indonesien, ein Aufruf gestartet, um getrennte Familien wieder zusammenzuführen. Paula erzählt mir, dass in Spanien der Grossteil der Flüchtlinge, die bereits einen langen, beschwerlichen Weg hinter sich haben, im Süden des Landes ankommen. Daher fahren regelmässig Autobusse von Andalusien zu ihnen nach Barcelona mit 30–40 Geflüchteten, um bestmögliche und schnelle Hilfe leisten zu können.

Trace the Face

Wer seine Familie auf der Flucht verloren hat, hat dank der Web-Plattform des Suchdienstes des Roten Kreuzes bessere Chancen, sie wiederzufinden. Auf dieser Website (www.tracetheface.org) sind Personen mit Foto eingetragen, die bereits Kontakt zu einer Stelle des Suchdienstes des Roten Kreuzes hatten und jemanden vermissen. So können Suchende einerseits die Fotos durchsehen, ob ihre Verwandten bereits eingetragen sind, und andererseits sich selber eintragen lassen. In Form von Plakaten mit vielen kleinen Porträtfotos ist mir diese Kampagne auch gleich in dem Büro in Barcelona aufgefallen. So ist jedem Neuankömmling, trotz eventueller Sprachbarrieren, schnell bewusst, wie der Suchdienst Hilfe leisten kann.

Schicksale positiv verändern

Doch das ist natürlich nicht alles. Im Büro in Barcelona finden Geflüchtete auch Unterstützung in vielen anderen Belangen. Unbegleitete Minderjährige können nicht nur nach ihren Familien suchen, sondern erfahren Hilfe für ihr neues Leben in der fremden Umgebung. An ein Schicksal kann sich Paula besonders gut erinnern. Ein Jugendlicher aus Nordafrika kam alleine zu ihnen und es war offensichtlich, dass er einen Rucksack voller Probleme mit sich herumschleppte. Nicht nur hatte er die Diagnose HIV, sondern auch ernsthafte Drogenprobleme. Seine bisherigen Erfahrungen machten es ihm zuerst unmöglich, sich anzupassen beziehungsweise Hilfe anzunehmen. Doch Stück für Stück, dank Stabilität durch den Suchdienst, konnte er Vertrauen aufbauen und seine Probleme hinter sich lassen. Mittlerweile steht er auf eigenen Beinen und lebt sogar alleine. «Das sind die Momente, die meine Arbeit so besonders machen», sagt Paula. Denn natürlich ist dieser Job nicht immer einfach. Doch Paula schätzt die Abwechslung, die Internationalität und die Offenheit, mit der sie in ihrer Tätigkeit täglich konfrontiert wird. Aber vor allem die Geschichten und Schicksale, die sie hört und die sie und das Team immer wieder positiv beeinflussen können, sind das Besondere für sie.

Trace the Face – Online-Suche für Verschwundene auf dem Weg nach Europa

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