Aus dem Jugendmagazin ready for red cross

Rollenspiel Raid Cross: Krieg hautnah

Das Rollenspiel «Raid Cross» versetzt Jugendliche mitten in den Krieg zwischen den fiktiven Ländern Haddar und Deldar. Als Soldatinnen und Soldaten, Kriegsgefangene oder humanitäres Hilfspersonal müssen sie in einem Postenlauf praktische Aufgaben lösen und das eigene Verhalten hinterfragen. Zu Besuch an der International School Basel.

Für einen Nachmittag verwandelt sich die International School Basel für 24 Schülerinnen und Schüler in ein fiktives Kriegsgebiet. Von SRK-Animatorinnen und Animatoren werden sie als Angehörige der haddarischen Armee begrüsst und durch einen Postenlauf geschickt. Dass sich nur wenige Meter hinter ihnen weitere SRK-Freiwillige, als Soldaten des gegnerischen Nachbarlandes Deldar verkleidet, versteckt halten, ahnen die 15-Jährigen nicht. Das Signal zum Angriff ertönt, und die überrumpelten Schülerinnen und Schüler werden von den deldarischen Soldaten gefangen genommen. Als Kriegsgefangene erleben die Jugendlichen – zumindest in Ansätzen – was für Gefühle entwürdigendes Verhalten auslösen kann. Im Kreis rennen, Liegestützen machen, vor dem Rest der Klasse singen... anfangs ist da und dort noch Gekicher zu hören, doch bald scheint vielen ein «hoffentlich werde ich nicht ausgewählt» ins Gesicht geschrieben. «Wie habt ihr euch behandelt gefühlt?», fragt der SRK-Animator bei der Nachbesprechung. Die Antwort lautet: «Willkürlich, erniedrigt, ohne Respekt.» Die Schlerinnen und Schüler sehen ein, dass es zum Schutz der Menschenwürde gerade auch im Krieg Regeln braucht. Das ist das Ziel des Humanitären Völkerrechts. Es schreibt vor, dass Kriegsgefangene beispielsweise nicht misshandelt werden dürfen oder sie das Recht haben, ihre Religion zu praktizieren und Briefe an ihre Angehörigen zu schreiben.

In Sekundenschnelle folgenschwere Entscheidungen treffen

Doch nicht immer sind die Schülerinnen und Schüler gleicher Meinung. Diskussionen kommen beim nächsten Posten auf. «Bin ich wirklich verpflichtet, dem gegnerischen Soldaten zu helfen, auch wenn er vorher meine Schwester erschossen hat? Ehrlich, ich weiss nicht, ob ich das tun würde!» Die 15-Jährige wirft einen fragenden Blick Richtung SRK-Animator. Kurz zuvor ist sie mit ihren Mitschülerinnen und Mitschülern, allesamt in der Rolle von Soldaten, auf verletzte Angehörige der eigenen und der gegnerischen Armee gestossen, mit der Anweisung, Hilfe zu leisten. In wenigen Minuten müssen schwierige Entscheidungen getroffen werden: Wem zuerst helfen? Dem eher leicht verletzten Kollegen, der mich laut um Hilfe anfleht? Oder doch dem schwerverletzten Feind? Was sagt mein Gefühl? Und was meint das Humanitäre Völkerrecht dazu? Und schon geht der Postenlauf weiter. Die Jugendlichen schlüpfen in die Rolle von Artillerie-Soldaten und betreten einen Raum mit zahlreichen Fotos von militärischen und zivilen Objekten. Sie werden angewiesen, mit unterschiedlich grossen Bällen – sinnbildlich für unterschiedliche Geschosse – möglichst viele militärische Ziele zu treffen. Schon bald kommen Fragen auf: Gilt das Kind mit dem Gewehr auch als militärisches Ziel? Soll ich auf den Panzer schiessen, obwohl ich die Kirche dahinter dann auch zerstöre? Langsam scheinen die Schülerinnen und Schüler zu begreifen, dass in Wirklichkeit unzählige Dilemmas den Krieg um einiges komplizierter machen, als er im Fernsehen oder in Videospielen oft erscheint.Beim letzten Posten wartet ein Parcours aus Stühlen, Tischen und symbolischen Landminen auf die 15-Jährigen. Als humanitäres Hilfspersonal haben sie die Aufgabe, eine Kartonschachtel mit Medikamenten zum Grenzposten auf der anderen Seite des Zimmers zu bringen, ohne auf eine Mine zu stehen. Doch beim Grenzposten angekommen, ist die Herausforderung nur scheinbar bewältigt. Der Grenzwächter ist skeptisch, will die humanitäre Hilfe nicht passieren lassen. Woher solle er denn wissen, dass das Rotkreuz-Symbol auf der Schachtel nicht eine Täuschung sei? Bald gehen den Jugendlichen die Argumente aus, sie wirken unschlüssig. Wissen nicht recht, ob sie seinen Forderungen nach Schmiergeld nachkommen sollen, um so die Medikamente schneller oder überhaupt an den Zielort zu bringen. «Ausgeliefert» hätten sie sich gefühlt, erzählen sie bei der anschliessenden Diskussion, und «eine ständige Angst, dass die Zeit davonrennt». Gefühle, die wahrscheinlich viele humanitäre Helfer kennen.

Zurück im Alltag

Natürlich wird bei «Raid Cross» auch ab und zu gelacht, oder der eine oder andere Witz gemacht – und doch tauchen in den Diskussionen, die den kurzen gespielten Sequenzen folgen, immer wieder auch nachdenkliche Fragen auf. Am Ende des Nachmittags wirken die Schülerinnen und Schüler müde, und auch irgendwie froh, raus aus dem kriegerischen Konflikt zwischen Haddar und Deldar und wieder mitten im schweizerischen Schulalltag zu sein. Was von «Raid Cross» wohl in den jugendlichen Köpfen übrig bleibt? Sicherlich noch viele ungeklärte Fragen. Hoffentlich bleibt ihre Bereitschaft, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen, und aus dessen Perspektive die eigenen Überzeugungen kritisch zu hinterfragen. Und die Erkenntnis, dass die Würde seines Gegenübers zu respektieren manchmal eben auch bedeutet, gegen die eigenen Gefühle zu handeln.

Promotionsvideo für das Rollenspiel zum humanitären Völkerrecht «Raid Cross», gedreht an der Berufsvorbereitungsschule Langnau am 1. März 2012 mit 130 Schülerinnen und Schülern.