Inside SRK - Jobs beim SRK

Manuela Ernst, Leiterin Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer

Seit Juni 2017 leitet Manuela Ernst das Ambulatorium SRK. Zuvor war sie am Puls des Geschehens in verschiedenen Krisengebieten tätig. Sie erzählt, vom Glücksgefühl des Helfens, und davon, wie an ihrem neuen Arbeitsort die Welt zusammenkommt.

Aufgezeichnet von Anna Wolf, 24 Jahre, JRK Aargau

Wie es dazu kam

Schon während meines Studiums der Politikwissenschaft in Bern zog es mich mehrmals ins Ausland, wo ich im Rahmen von Austauschsemestern, Praktika und meiner Masterarbeit spannende Erfahrungen sammeln konnte. Nach meinem Studium begann ich für das Staatssekretariat für Migration SEM zu arbeiten und führte dort als Fachspezialistin zwei Jahre lang Asylanhörungen und verfasste Asylentscheide.

Daraufhin nahm ich unbezahlten Urlaub und begann den Master of Advanced Studies in Entwicklung und Zusammenarbeit NADEL an der ETH Zürich.

Das gab mir die Möglichkeit, ein Jahr lang in Südserbien im Rahmen eines Migrationsprojekts des UNDP (United Nations Development Programme) zu arbeiten. Zurück im Staatssekretariat für Migration konnte ich 2013 die Leitung der Asylverfahrenssektion übernehmen, die für die Asylpraxis der Nahost-Länder zuständig war. Das war für mich eine sehr spannende Zeit, zumal es vor dem Hintergrund der verschiedenen Krisenherde im Nahen Osten laufend neu zu definieren galt, wie die Schweiz mit Asylvorbringen von Menschen aus diesen Ländern umgehen soll.

Humanitäre Einsätze

Dennoch dachte ich mir irgendwann: Jetzt oder nie. Schweren Herzens verliess ich meine Stelle beim SEM und ging 2015 als Mitglied des Schweizerischen Korps für Humanitäre Hilfe der DEZA für ein Jahr nach Kenia. Dort arbeitete ich im Ostafrika-Regionalbüro des UN-World Food Programmes als Protection Advisor. Meine Aufgabe war es, die Mitarbeitenden in den verschiedenen Länderbüros in Ostafrika dabei zu unterstützen, bei den Essensverteilungen und Ernährungsprojekten einen sicheren, gerechten und würdigen Zugang der Betroffenen sicherzustellen. Ich hatte in dieser Funktion die Gelegenheit, in verschiedene Länder der Region zu reisen, was die Arbeit sehr spannend machte.

Aber nach einem Jahr hatte ich das Gefühl, nicht wirklich nahe genug bei den betroffenen Menschen gewesen zu sein.

Deshalb entschied ich mich für einen zweiten Einsatz und reiste im April 2016 in den Irak, wo ich in den umstrittenen Gebieten zwischen Nord- und Zentralirak die Leitung eines Lokalbüros des UNO-Hochkommissariats für Flüchtlinge UNHCR übernehmen konnte. Die Region, für die wir zuständig waren, war zu jener Zeit kurdisch kontrolliert, und es gab tausende intern Vertriebene, welche vor dem Islamischen Staat IS dorthin flüchteten. Mein Team bestand zuletzt aus zehn Mitarbeitenden, zuständig für ungefähr 65'000 Vertriebene. Die Ressourcen des Teams waren sehr beschränkt, und der Job war für mich insgesamt eine grosse Herausforderung. Nebst der Grundversorgung der Geflüchteten und der Koordination von vier Lagern bestand ein wesentlicher Teil meiner Arbeit darin, mit Behörden und Milizen zum Schutz der intern Vertriebenen und Rückkehrenden zu verhandeln, was teilweise einen sehr langen Atem brauchte. Aber wenn wir damit – wie beispielsweise in einem konkreten Fall – die Zwangsabschiebung von tausenden Geflüchteten verhindern konnten, gab mir das sehr starke Glücksgefühle. Aber es war Arbeiten am Limit: Es gab praktisch keine Trennung mehr zwischen privatem und beruflichem Leben – nicht zuletzt auch, da ich aus Sicherheitsgründen unter der Woche im Büro wohnte und mich teils nur mit massiven Sicherheitsvorkehrungen fortbewegen durfte. Aufgrund der enormen Arbeitslast und der Dringlichkeit vieler Anliegen drehte sich für mich Tag und Nacht alles darum, möglichst viel erreichen zu können, um diese Menschen zu schützen.

Dort lernte ich auch meine eigenen Grenzen kennen.

Das intensive Jahr im Irak hat mich stark verändert. Ich habe viel aus dieser Erfahrung gelernt. Menschen, die weniger Glück hatten als ich, unterstützen zu können, erfüllt mich mit grosser Zufriedenheit. Dazu kommt, dass ich mich gerne selbst herausfordere, indem ich mich in fremde Welten katapultiere.

Ein frischer Wind

Meine Stelle hier am Ambulatorium SRK ist gewissermassen auch ein wenig wie eine «neue Welt» für mich und damit eine neue Herausforderung. Das SRK ist eine sehr interessante Organisation und ein spannender Arbeitgeber, und mein neuer Job erlaubt mir einen anderen Blickwinkel auf eine vertraute Thematik: Die Menschen, die heute bei uns im Wartezimmer sitzen, sind eigentlich die gleichen, denen ich in den Asylanhörungen im Staatssekretariat für Migration oder in den Lagern im Irak begegnete, nur dass es jetzt um Traumabewältigung und Integration in der Schweiz geht. Anstatt mich selbst an die Front des Geschehens zu begeben, kommt die Welt nun gewissermassen hier zu uns.

Das Ambulatorium SRK ermöglicht Geflüchteten mit Folter- oder Kriegstraumata psychotherapeutische Unterstützung und parallel dazu individuelle Sozialberatung.

Da es für traumatisierte Menschen oft besonders schwierig ist, sich zu integrieren, ist im Ambulatorium SRK ein interdisziplinäres Team von PsychiaterInnen, PsychologInnen und SozialarbeiterInnen tätig, welches die Betroffenen auf verschiedenen Ebenen unterstützt. Weil die Nachfrage nach Therapieplätzen sehr gross ist, versuchen wir, in Zukunft vermehrt neue Angebote wie beispielsweise zusätzliche Gruppentherapien anzubieten. Im Moment führen wir zum Beispiel als Pilotprojekt ein Gruppenangebot für Kinder und Jugendliche direkt in ihren Unterkünften durch. Unter dem Dach des Ambulatoriums SRK befindet sich zudem auch die Gesundheitsversorgung für Sans-Papiers, eine niederschwellige Anlaufstelle, in welcher Menschen ohne geregelten Aufenthalt medizinische Grundversorgung erhalten. In diesem Bereich arbeiten wir seit einiger Zeit vermehrt mit freiwilligen ÄrztInnen zusammen, und auch sonst versuchen wir zunehmend, Freiwillige miteinzubeziehen, beispielsweise in der Kinderbetreuung während der Therapien. Ich denke, was ich durch meine Erfahrungen im Irak gelernt habe, ist eine Art Gelassenheit und Improvisationsbereitschaft, um neue Dinge auszuprobieren.

Diesen frischen Wind versuche ich auch in meine Arbeit im Ambulatorium einfliessen zu lassen, und freue mich auf alles, was noch kommt!