aus dem SRK-Jugendmagazin «ready for red cross»

Gespendetes Glück

Jenny Kienast (27) engagiert sich für die Bekanntmachung der Blutstammzellspende. Sie erzählt völlig sachlich von ihrer eigenen Erkrankung an Leukämie, ihren Erfahrungen dabei und ihrem Glück, dass ein passender Spender gefunden wurde. Für sie ist klar: Jeder sollte sich mit dem Thema der Blutstammzellspende auseinandersetzen.

Geschrieben von Melanie Senn, 20 Jahre, JRK Aargau

2017 wurde der «Tag der Tat» zum vierten Mal erfolgreich durchgeführt. In der ganzen Schweiz machten freiwillige Gruppen auf die lebensrettende Blutstammzellspende aufmerksam. Auch Jenny Kienast war an diesem Tag mit dabei. Gemeinsam mit ihrer Schwester und zwei Kolleginnen (siehe Bild) verteilten sie Flyer und informierten Passantinnen und Passanten auf der Strasse. Bei einer WhatsApp-Aktion klärte sie ihren Bekanntenkreis über die Möglichkeit einer Blutstammzellspende auf. «In meinem Kollegenkreis herrschte oft ein veraltetes Bild einer Knochenmark-Spende und daher auch eine gewisse Angst», erklärt Jenny. Heute gleicht eine Blutstammzellspende jedoch eher einer grossen Blut­abnahme. Für Jenny ist bei dieser Öffentlichkeitsarbeit wichtig, dass sich möglichst jeder mit dem Thema ausein­andersetzt. Alle sollen sich Gedanken machen, ob er oder sie für eine Blutstammzellspende bereit wäre. Zudem kann diese Öffentlichkeitsarbeit auch da­zu führen, dass Symptome von Leukämie schneller erkannt werden.

Die Erkrankung

Auch bei Jenny war lange nicht klar, woher ihre Schmerzen in der Lunge kamen. Die Ärzte vermuteten eine Entzündung. Nachdem sie zweimal zusammengebrochen war, wurde eine Computertomographie gemacht. Darauf folgte die Diagnose Leukämie mit einem Gendefekt. Die ersten drei Tage danach verliefen für Jenny wie in einem Film. Sie stand unter Beruhigungsmittel. Für sie war die Diagnose nicht unerwartet. Sie wusste, etwas stimmt nicht. Schwieriger war für sie, ihrer Familie zuzusehen. Wie ihre Angehörigen mit der Verarbeitung der Nachricht kämpften und trotzdem noch ihren Alltag meistern mussten. Dann begann die Suche nach einer passenden Blutstammzellspende. Als Erstes werden immer die Geschwister geprüft, da bei ihnen die Chance für eine Übereinstimmung am grössten ist. Bei Jennys Schwester wurde eine Übereinstimmung von 50% festgestellt. Da dies eher wenig ist, ging die Suche nach einem passenderen Spender/einer passenderen Spenderin weiter. Grosse Hoffnung machte sich Jenny bei der Suche im Register jedoch nicht. So bereiteten sie über drei Monate alles für die Transplantation der Spende ihrer Schwester vor. Dann kam die grossartige Nachricht, dass zum Glück doch jemand gefunden wurde. Für Jenny eine Erleichterung und eine Stärkung zum Weiterkämpfen.

Der Verlauf der Transplantation

Zuerst begann die Chemotherapie. Die ersten Chemos verliefen nur mit leichten Nebenwirkungen, einem Kribbeln in den Fingern. Der vierte, letzte Chemoblock und die Bestrahlung eine Woche vor der Transplantation verursachten dann unangenehmere Nebenwirkungen wie starke Übelkeit. Die Transplantation der Blutstammzellen selbst verlief wie bei einer Bluttransfusion. Danach begann das lange Warten, ob die Zellen auch zu wachsen beginnen. Damit ihr Immunsystem die fremden Blutstammzellen nicht abstösst, musste Jenny Immunsuppressiva einnehmen. Diese schwächen das Immunsystem. Das heisst, ihr Körper kann sich auch nicht mehr gegen Krankheitserreger wehren. Daher musste sie in einem Zimmer statio­när isoliert werden. In dieser Zeit waren für Jenny ihre Angehörige extrem wichtig. Vier Wochen isoliert in einem Zimmer, zu müde um zu lesen oder Fernseh zu schauen. Die Unterstützung und der Besuch von ihren Angehörigen waren eine grosse Hilfe, diese Wochen durchzustehen. Während der Chemotherapie half ihr auch der Austausch mit anderen Betroffenen. Denn nur wer selber in dieser Situa­tion ist, versteht auch wirklich, was das bedeutet. Dabei kam sie mit ihrer Zimmerbewohnerin überein, dass sie sich Mitleid nie erwünscht haben: «Eigentlich ist Mitleid nicht die Reaktion, die man möchte. Man möchte positiv bleiben. Wenn Menschen Mitleid haben, gibt es einem das Gefühl: Oh Gott, ich bin so krank. Aber man fühlt sich nie richtig krank. Natürlich weiss man, etwas stimmt nicht. Aber man fühlt sich so gesund, als könnte man jeden Moment nach Hause gehen.»

Der Verlauf der Transplantation

Die Transplantation liegt schon einige Monate zurück. Jenny muss immer noch Immunsuppressiva einnehmen. Denn ohne sie reagiert ihr Körper mit Abstossungen. Daher wird die Dosis nun in langsamen Schritten reduziert. Eigentlich geschieht nun alles in kleinen Schritten: Vor ihrer Erkrankung hat Jenny viel Sport getrieben. Für fast zwei Jahre war dies nicht mehr möglich. Mit einem Fitnessprogramm möchte sie nun wieder aufbauen. Sie arbeitet wieder 20% und erhofft sich, dieses Pensum stetig erhöhen zu können. Eigentlich ist es Jenny noch nicht erlaubt, baden zu gehen, da ihr Immunsystem immer noch geschwächt ist. Aber durch lange Planung war es ihr in der letzten Woche möglich, mit ihrem Freund in ein privates Bad zu gehen. Die Vorfreude darauf war riesengross. Früher eine Selbstverständlichkeit, die sie heute richtig zu schätzen weiss und die sie glücklich macht. Durch ihre Erkrankung hat sie gelernt, die schönen Kleinigkeiten des Lebens richtig zu geniessen. Eines ist für Jenny schon heute klar: Wenn die Frist von zwei Jahren abgelaufen ist, möchte sie ihrem Spender einen anonymen Brief schreiben. Ein persönliches Treffen ist nicht erlaubt, aber ein Dankesbrief kann übermittelt werden. Sie verdankt ihrem Spender/ihrer Spenderin das Leben, und das ist ein unbeschreibli­ches Gefühl.