aus dem Jugendmagazin «ready for red cross»

Frauen unter sich

Was wünschen sich Frauen im Asylverfahren? Dieser Frage geht das neue Projekt des JRK Zürich nach. Jeden zweiten Samstag organisieren junge Freiwillige zusammen mit geflüchteten Frauen in Oerlikon einen gemeinsamen Nachmittag. Obwohl das Angebot von Aktivitäten für geflüchtete Menschen immer vielfältiger wird, kommen die Bedürfnisse von Frauen oft eher zu kurz. Deshalb bieten das Projekt woman4woman bewusst einen Raum, wo Frauen unter sich sein können.

von Anna Wolf

woman4woman ist ein junges Projekt, das 2018 gegründet wurde. Zuerst hat das JRK eine Bedarfsanalyse durchgeführt. Die JRK-Freiwillige Zaynab hat sich von Anfang an für die Frauennachmittage engagiert. Sie betont: «Das Projekt will gezielt auf die Bedürfnisse von Frauen eingehen und diesen einen Platz geben.» Deshalb gibt es auch kein fixes Programm. Die Frauen können ihre eigenen Ideen einbringen, und diese zusammen mit den Freiwilligen alle zwei Wochen an einem Samstagnachmittag umsetzen. So entsteht ein Mosaik aus abwechslungsreichen Aktivitäten. Zwei Wochen zuvor hat eine Frau einen Nachmittag lang den anderen Bellydance beigebracht. Kurzerhand organisierte das JRK einen Raum im Gemeinschaftszentrum Oerlikon und eine Musikanlage. Ein Nachmittag voller orientalischer Klänge und Bewegung ermöglichte den Frauen eine Abwechslung in ihrem Alltag. Die Stärke dieses Projekts liegt in seiner Flexibilität, die von den beteiligten Freiwilligen motiviert mitgetragen wird. Die Situation ist herausfordernd: Die geflüchteten Frauen sind erst seit Kurzem in der Schweiz, nur übergangsmässig in Oerlikon untergebracht und sprechen kaum Deutsch. Zaynab spricht unter anderem auch Arabisch, was sehr wertvoll ist für die Kommunikation mit den Frauen.

Wir warten auf Saida*. Die junge Frau aus Syrien hat mit Zaynab eine Einkaufsliste erstellt. Zusammen mit anderen Frauen will sie heute ein Gericht kochen. Die Freiwilligen gehen durch die Unterkunft und sprechen Frauen an, ob sie Lust hätten, mitzumachen. Eine Frau schaut neugierig aus ihrem Zimmer heraus. Ihr kleiner Sohn spielt am Boden. Sie stimmt begeistert zu. Eine andere Frau zuckt bedauernd mit den Schultern. Ihr Baby macht gerade einen Mittagsschlaf. Viele der geflüchteten Frauen haben Kinder und sind dadurch stark beansprucht. Zeit für sich selbst haben sie fast nie. Eine Freiwillige erklärt, dass es sich manchmal einrichten lässt, dass jemand anderes am Samstagnachmittag für einige Stunden auf die Kinder schaut. Sonst dürfen die Frauen ihre Kinder mit an den Frauennachmittag bringen

Kochen steht bei den Frauen hoch im Kurs. Da sie in ihrer Unterkunft keine Möglichkeit haben, eigenes Essen zuzubereiten, schätzen sie das offene Angebot des JRK besonders. Obwohl im Voraus bereits abgemacht wurde, was gekocht wird, kommen immer mehr Menüvorschläge. Eine kurdische Frau möchte ein Linsengericht zubereiten. Zwei junge Frauen suchen begeistert nach einem Rezept für einen Schokoladenkuchen. Nach einigem Hin und Her stellt sich heraus, dass Saida doch nicht kommen kann. Dafür sind ihre Mutter und ihre Schwestern voller Motivation dabei. Sieben Frauen kommen mit. Junge, alte, aus der Türkei, Syrien und Kosovo. Zusammen tragen wir die Einkäufe ins Gemeinschaftszentrum Oerlikon. Alle freuen sich aufs Kochen, und irgendwie versteht man sich.

Kochen verbindet

Spätestens als die Frauen beginnen Karotten zu schneiden, Hühnchen zu waschen und Kartoffeln zu schälen wird klar, dass Kochen mehr ist als das Zubereiten von Essen. Jede hat ihre eigene Art, die Auberginenscheiben zu frittieren, das Gemüse zu kochen und den Salat anzurichten. Es ist ein lautes aber fröhliches Durcheinander. Jede erklärt auf ihre eigene Sprache, wie der nächste Schritt aussieht. Man versteht sich mit Händen und Füssen, es wird gelacht und mit den vorhandenen Küchenutensilien improvisiert. Zwei kleine Jungen rasen mit Plastikautos am Boden entlang, zwischen den Beinen der Erwachsenen durch. Die zwei jungen Frauen schmelzen die Schokolade für ihren Kuchen.

In all diesem Trubel steht Saidas Mutter seelenruhig am Waschbecken und zerteilt die Hühnchen unter dem fliessenden Wasser. Ihre Hände arbeiten schnell und geschickt. Während der Reis in der Pfanne dampft, ziehen die zwei Schwestern den fertiggebackenen Blechkuchen aus dem Ofen und lassen ihn draussen abkühlen. Bald erfüllt ein appetitlicher Geruch den ganzen Raum.

Das Kochen dauert mehrere Stunden. Sieben Frauen aus drei verschiedenen Ländern bringen zusammen ein unglaubliches Essen zustande. Es gibt Salat mit verschiedenem Gemüse, Maqluba - ein Reisgericht mit Gemüse und Poulet aus dem Mittleren Osten - und zum Dessert einen getränkten Schokoladenkuchen. Die Freiwilligen rücken die Tische zu einer langen Tafel und alle lassen die unbeschwerten Stunden gemeinsam ausklingen. Bereits während des Essens kommen den Frauen neue Vorschläge in den Sinn. Für den nächsten Frauennachmittag mit dem JRK.

Wie koche ich Maqlube? Das ist arabisch und heißt «umgedreht». Die Zutaten wie Fleisch, Kartoffel, Karotten und Reis werden in einem einzigen Topf gekocht und danach umgedreht.

*Name anonymisiert