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Elsi Aellig: Ein ganzes Leben im Dienst des SRK

Nur wenige Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges begann die damals 18-jährige Elsi Aellig ihre Arbeit beim Schweizerischen Roten Kreuz (SRK). Die 89-Jährige arbeitete insgesamt 42 Jahre beim SRK in verschiedenen Funktionen.

von Melanie Senn, Jugendrotkreuz Aargau

«Reise ins Schokoladenland»

Am 1. Mai 1947 begann ich meine Arbeit bei der Kinderhilfe des SRK. Bei meiner ersten Tätigkeit organisierten wir dreimonatige Erholungsaufenthalte für kriegsbetroffene Kinder aus Deutschland, Österreich, Polen und Ungarn bei Schweizer Familien. Eine heilsame Pause von den Wunden des Krieges. Unsere Aufgabe bestand darin, über die Rotkreuzsektion die Kinder zur Ausreise aufzubieten, die Reisezeit des Sonderzuges und die Ausstiegsorte festzulegen. Wir waren dafür zuständig, dass jedes Kind an den richtigen Ort kam. Jeden Montag verliess ein Zug mit 500 Kindern die Schweiz und am Ende der Woche traf wieder ein Zug mit 500 Kindern ein. Ich erinnere mich noch gut an die mageren und ausgehungerten Kinder, die aus den kriegsbetroffenen Ländern kamen. Zurück gingen pausbäckige Kinder mit viel Gepäck. Die Schweizer Familien waren grosszügig. Viele ganz unterschiedliche Menschen waren bereit, Kinder aufzunehmen. Und auch nach dem Aufenthalt schickten ehemalige Gasteltern den Kindern und ihren Familien in Deutschland Pakete zu.

Viel Abwechslung beim SRK

Nach einer einjährigen Pause in England geriet ich durch einen Zufall wieder an eine Arbeit beim Roten Kreuz. Eine kurze Zeit noch einmal beim Kinderzug, dann beim Projekt «Jedem Schweizer Kind sein eigenes Bett». Wir bearbeiteten Gesuche von Sozialarbeiterinnen, Säuglingsschwestern und Pfarrämtern, welche die armutsbetroffenen Familien kannten und wussten, wer noch ein eigenes Bett benötigt. Später weiteten wir das Angebot auch auf Kommoden, Schränke, Beiträge an Zahnarzt- und Arztrechnungen aus.

Neben den Gesuchen übernahm ich dann noch die Koordination des Freiwilligendienstes: Dazu gehörten der Besuchsdienst, der Autodienst, der Bibliotheksdienst in den Spitälern und dann 1956 noch die Betreuung der Flüchtlinge aus Ungarn. Es war immer etwas los und es gab immer etwas Zusätzliches zu tun. Jedes Mal war es wieder wie eine neue Stelle, deshalb bin ich auch so lange geblieben.

Erfahrungen in Griechenland

1960 kam mein Chef, der Abteilungsleiter, ins Büro und fragte mich: «Möchten Sie nach Griechenland gehen?» So begann der nächste grosse Abschnitt meines Lebens: die Hilfsaktion in Griechenland. Mit nur acht Stunden Unterricht in Griechisch ging ich in das von Krieg und anschliessendem Bürgerkrieg geprägte Land. Wir halfen bei der Instandsetzung von Wohnstätten oder mit Beiträgen an Neubauten. Auch verteilten wir Patenschaftspakete mit Wolldecken, Wolle, Stoff und Schuhen für Kinder sowie gebrauchte und revidierte Tretnähmaschinen für junge Mädchen, die eine Schneiderlehre abgeschlossen hatten und so zum Unterhalt der Familie beitragen konnten.

Ich reiste immer wieder nach Griechenland, um alles vor Ort zu koordinieren und eine Auswahl an Menschen zu treffen, die unsere Hilfe am nötigsten hatten. Der Anfang war hart, aber die Betroffenen zeigten mir, der fremden Schweizerin, grosse Dankbarkeit. So kam einmal eine ältere Frau vor mein Hotel und wollte mir ein junges Lamm als Dank schenken. Ich könne es schlachten, einfrieren und ins Restaurant zum Kochen mitnehmen.

Die Arbeit in Griechenland hat mir auch persönlich gutgetan. Mein Chef hat mir einmal gesagt: «Seit Sie nach Griechenland gehen, haben Sie sich total verändert.» Ich hatte gelernt, mich durchzusetzen und auch einmal Nein zu sagen.

Die letzten Jahre beim SRK

Meine Karriere beim Roten Kreuz endete als Leiterin des Sektors Sozialdienste. Ich hätte mich nie in einer solchen Position gesehen, aber ich kannte alle Sacharbeiten in- und auswendig. So fiel es mir schlussendlich nicht schwer, alles zu koordinieren.

Damals waren Arbeit und Freizeit noch nicht klar getrennt. Es gab auch noch weniger Freizeitangebote als heute. Man arbeitete einfach, bis man fertig war, und nahm die Überstunden in Kauf. In den ersten Jahren meiner Tätigkeit bestand die Materialzentrale des SRK nur aus zwei Holzbaracken. Wenn es nach einem Aufruf zur Hilfe bei Katastrophen (Erdbeben, Überschwemmungen etc.) viele Kleiderspenden zu sortieren gab, traf man sich am Abend dafür. Es war kein Muss, aber eine Beschäftigung und ein Plausch. Nachdem der heutige Bau fertiggestellt und das nötige Personal eingestellt war, hatte unsere freiwillige Abendarbeit ein Ende.

Die «ehemaligen Schweizerkinder»

Heute, fast 30 Jahre nach meiner Pensionierung, beeindruckt mich, wie nachhaltig unsere Arbeit von damals war. In Österreich hat sich zum Beispiel eine Gruppe von Menschen zusammengeschlossen, die für einen Erholungsaufenthalt bei uns in der Schweiz waren. Sie nennen sich «ehemalige Schweizerkinder» und geben mehrmals im Jahr ihre Zeitung «Grüezi» heraus. Noch heute kommen Anfragen ans Rote Kreuz von ehemaligen Erholungskindern, vor allem aus Deutschland und Österreich, die ihre Gasteltern und Gastgeschwister kontaktieren möchten. Für die «Schweizer Kinder» bleibt die Reise in die Schweiz eine prägende Erinnerung. Ich hätte mir damals als junge Frau nie erträumt, dass meine Aufgabe so lange noch nachwirken würde: Man hat halt einfach seine Arbeit gemacht.