aus dem Jugendmagazin «ready for red cross»

Die Begegnungsküche: Ein köstlicher Austausch

Gemeinsam kochen verbindet: Das Jugendrotkreuz Kanton St. Gallen organisiert zusammen mit Migrantinnen und Migranten öffentliche Kochabende. Das Projekt gewann den Credit Suisse Red Cross Youth Award 2020.

Von Von Maria Papantuono

Der Kochkurs – Safran mal anders

Sechs Personen stehen mit Schutzmasken in der Küche des Solidaritätshauses in St. Gallen und schnippeln begeistert Karotten, Zwiebeln und Knoblauch. Im Hintergrund ertönt amerikanische Popmusik, übertönt von einem lauten Ton: Azimi hackt mit einem riesigen Messer intensiv richende Chili klein. Kurz darauf erklärt er einer Kursteilnehmerin, wie sie den Knoblauch zubereiten soll. «Mit dem Messer zerquetschen und dann die Schale entfernen.» Azimi, aus Afghanistan, kocht seit über zwanzig Jahren und möchte in dieser Begegnungsküche den Teilnehmenden seine Kultur näherbringen. Gekocht wird eine Jaw Suppe, Qabuli Reiseintopf mit Ashak mit Dogh, eine Art Teigtaschen, und zum Dessert Jilibi, das unter anderem aus Wasser, Zucker und Safran besteht und so süss ist, dass der Chai Tee ein essentieller Begleiter dieses Nachtisches ist. Doch es werden nicht nur zusammen Köstlichkeiten und Spezialitäten gegessen und Traditionen ausgetauscht, die Kursteilnehmenden der Begegnungsküche wollen auch etwas lernen.

Die Begegnungsküche – Ein lehrreicher Aben

«Die Kursteilnehmenden lernen neue Kochmethoden und Rezepte kennen und oftmals ist es gar nicht so einfach und sicherlich eine Herausforderung, Spezialitäten wie Ashak mit Dough zum ersten Mal herzustellen», fügt Bianca Ammann, Leiterin des Jugendrotkreuzes Kanton St. Gallen, an. Am meisten schätzt Bianca an der Begegnungsküche, dass Menschen aus der ganzen Welt in St. Gallen die Möglichkeit haben, Interessierten einen Ein - blick in ihre Kultur, Essgewohnheiten und Traditionen zu geben. «Oftmals lesen wir nur etwas über ein Land oder gehen in ein spezifisches Restaurant. Wir geben dem Land ein Gesicht.» Die Idee für die Kochabende ist aus dem Kochbuch «Gerüchteküche» entstanden, welches das Jugendrotkreuz Kanton St. Gallen 2015 herausgegeben hat. Das Kochbuch war ein grosser Erfolg: über 800 verkaufte Exemplare ohne Werbebudget und im selbstständigen Vertrieb. Die «Begegnungsküche» hat zum Ziel, Vorurteile gegenüber Personen mit Migrationshintergrund abzubauen, deren Integration zu fördern und einen Austausch zu ermöglichen.

Der Kulturbericht – Ein Land mit einem Wunsch nach Frieden

Bei einem solchen Austausch werden eigene Vorstellungen, Ideen und durchaus auch Vorurteile über ein Land personifiziert, denn es ist kein Artikel über Afghanistan in der Zeitung, keine Dokumentation über die Traditionen der Afghaninnen und Afghanen und auch kein Hollywood Film über das Kriegsgeschehen. Hier steht Morteza, ein junger Mann, der aus seiner Heimat geflüchtet ist, gehüllt in einen traditionellen afghanischen «perahan tunban» und stellt in einer PowerPoint-Präsentation sein geliebtes Heimatland vor. «In der Schweiz darf jeder so sein, wie er oder sie will», sagt Morteza, als er beim Kulturbericht zwischen Hauptspeise und Dessert über die Unterschiede von Afghanistan zu der Schweiz berichtet. Am meisten vermisst er die wunderschöne Natur, die gastfreundlichen Menschen und seine Familie und Freunde, die er in Afghanistan hinterliess, als er sich auf den Weg in ein neues Leben machen musste. «Afghaninnen und Afghanen trinken viel und gerne Tee, schätzen die Familie und Freundschaften sehr und essen gerne auf dem Boden», berichtet Morteza und hebt hervor, dass sich diese Menschen mehr als alles andere Frieden wünschen. Der junge Mann erinnert sich, wie sein Vater wieder - holt und in Sorge zu ihm sagte, er solle mit seinen politischen Aktivitäten vorsichtig sein. Er könne Afghanistan nicht alleine ändern. Darauf gab es für Morteza nur eine Antwort, an welcher er bis heute festhält: «Wenn wir das alle sagen, wer macht es dann?»

Im Frühjahr 2021 ist die nächste Begegnungsküche geplant, sofern es die Coronasituation erlaubt.