aus dem Jugendmagazin «ready for red cross»

Dank Freiwilligenarbeit fürs Leben lernen

In der Schweiz leisten etwa 26% der 15- bis 24-Jährigen irgendeine Form von Freiwilligenarbeit. Im Jahr 2016 untersuchten Forscherinnen und Forscher des Eidgenössischen Hochschulinstituts für Berufsbildung, welche Skills junge Freiwillige bei ihrem Einsatz erworben haben. Um mehr über das Thema zu erfahren, haben wir mit Sandrine Cortessis, einer Mitautorin der Studie, gesprochen.

Von Sophie Gorgé

Wer sind die jungen Leute, die Sie für diese Untersuchung befragt haben?

Wir befragten 40 Freiwillige im Alter zwischen 16 und 25 Jahren, die sich in der Ausbildung befinden oder zu Beginn ihrer beruflichen Tätigkeit stehen. Wir wollten die Auswirkungen der Freiwilligentätigkeit in Bezug auf das Lernen ermitteln, unabhängig vom Bildungs- oder beruflichen Hintergrund der jungen Menschen. Generell gilt: Je höher die Ausbildung, umso mehr sind junge Menschen freiwillig tätig. Der Grund dafür ist die Eintrittsschwelle für Freiwilligenarbeit. Oft müssen Jugendliche ein Motivationsschreiben und/oder einen Lebenslauf erstellen oder sie werden zu einem Gespräch eingeladen. Dies kann weniger gut ausgebildete junge Menschen verunsichern und entmutigen, sich in einem Verein zu engagieren.

Warum engagieren sich junge Menschen freiwillig?

Es gibt viele Gründe, warum sich junge Menschen freiwillig engagieren. Die meisten von ihnen treten einer Vereinigung bei, weil sie schon jemanden kennen, der bereits Mitglied ist oder auch interessiert ist.

Die älteren Schwestern meines besten Freundes waren schon in der Landjugend.

(Joël, 19 Jahre alt, Landjugend)

Andere engagieren sich aus Überzeugung.

«Ich war erstaunt, als mir gesagt wurde, dass ich hier nicht bezahlt werden würde. Danach dachte ich: Nun, das ist okay, denn ich habe hier eine tolle Zeit. Und ehrlich gesagt, wenn ich Radio mache, habe ich nicht das Gefühl, dass ich arbeite! Es ist wirklich ein Hobby, es ist eine Leidenschaft.»

(Vincent, 20 Jahre alt, Webradio)

Und einige sind entschlossen, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden. Im Kultursektor beispielsweise stellen junge Menschen ihre Zeit ehrenamtlich zur Verfügung und erhalten im Gegenzug Eintrittskarten für Veranstaltungen. Aber oft besteht die Hauptmotivation junger Freiwilliger darin, gemeinsam mit anderen Menschen etwas zu erschaffen, was ihnen am Herzen liegt, und Zeit miteinander zu verbringen.

Was bringt die Freiwilligentätigkeit jungen Menschen?

Aus den Gesprächen ging hervor, dass die Erfahrung der Freiwilligen vor allem ein soziales Abenteuer ist, das es ihnen ermöglicht, fürs Leben zu lernen. So überwinden sie beispielsweise ihre Schüchternheit, lernen, eine eigene Meinung zu verteidigen, gemeinschaftlich zu handeln, gewinnen Selbstvertrauen und steigern ihr Selbstwertgefühl. Sehr schnell dürfen sie Verantwortung übernehmen und werden mit ansprechenden Aufgaben belohnt.

Die Mehrheit der befragten Freiwilligen beschreibt, sie sei dank ihres Freiwilligenengagements gewachsen. Fast so, als sei es ein Übergang von der Jugend ins Erwachsenenalter. Die Freiwilligenarbeit ermöglicht es diesen jungen Menschen, Erfahrungen aus­serhalb des unmittelbaren familiären und sozialen Umfelds zu machen.

Es hat mich sehr verändert, denn es hat mich erwachsen werden lassen! [...] Dadurch fühlte ich mich wichtig. Ich bin mir der Dinge sehr bewusst geworden, endlich sehen wir das Leben anders, und es stimmt, dass es mir sehr geholfen hat! Ja, es stimmt, dass ich mich sehr verändert habe.

(Tiziana, 20 Jahre alt, Jugendparlament)

Dank der Freiwilligenarbeit können junge Menschen transversale Skills erwerben, aber auch spezifische Skills wie beispielsweise die wichtigsten Handgriffe der Feuerwehr oder wie man eine Radiosendung macht.

Ebenso können Freiwillige dank ihres Einsatzes ein professionelles Netzwerk aufbauen. Sie treffen auf Menschen, denen sie ausserhalb ihrer Aktivität wohl nicht begegnet wären.

Und schliesslich: Sind sich junge Menschen der Skills bewusst, die sie dank ihrer Freiwilligenarbeit erwerben?

Einige Freiwillige, insbesondere Studierende der Sozialwissenschaften, wollen viele Erfahrungen sammeln, um ihren Lebenslauf aufzuwerten. Viele junge Freiwillige sind sich jedoch nicht genügend bewusst, welche wichtige Skills sie in ihrer freiwilligen Tätigkeit entwickelt haben und wie sie diese für den Berufseinstieg nutzen können. Sie vergessen es beispielsweise in den Bewerbungsgesprächen zu erwähnen. Es ist deshalb sehr wichtig, dass sie ihren Kompetenzerwerb irgendwo festhalten. Eine Möglichkeit dafür ist das Dossier freiwillig.engagiert.