Jugendarbeit in El Salvador

Alternativen zur schiefen Bahn

Die Hauptstadt von El Salvador ist einer der gefährlichsten Orte der Welt. Bewaffnete Banden beherrschen die Quartiere, treiben Schutzgelder ein und terrorisieren die Bevölkerung. Kinder und Jugendliche sind besonders gefährdet, in deren Fänge zu geraten. Mit Bildungs- und Freizeitprojekten stärkt das Schweizerische Rote Kreuz junge Menschen in diesem schwierigen Umfeld. Daniel José López Huezo hat das Angebot genutzt. Er will ein Leben jenseits von Gewalt und Kriminalität.

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Rapper Nemo in El Salvador Musik verbindet – diese Binsenwahrheit hat sich für den jungen Schweizer Musiker Nemo Mettler (19) in El Salvador auf eindrückliche Art bestätigt. Zusammen mit dem SRK besuchte der aufstrebende Jung-Star, der in der Schweiz schon zahlreiche Musikpreise gewonnen hat, die Jugendprojekte in der Hauptstadt. Dabei lernte er auch Daniel José López Huezo (21) kennen. Gegenseitig trugen sie einander ihre Rap-Songs vor, jeder mit eigenen Texten, die durch die jeweilige Lebenswelt geprägt sind. An einem für den Gast aus der Schweiz inszenierten Fest kam es sogar zum gemeinsamen Auftritt – Nemo am Piano, Daniel am Schlagzeug (Bild). Die Instrumente waren vom Roten Kreuz angeschafft worden, um Jugendlichen eine sinnvolle Freizweitbeschäftigung zu ermöglichen. Nemo zeigte sich demütig angesichts der positiven Art, wie Daniel, unterstützt vom Roten Kreuz, sein Schicksal meistert: «Ich werde die Begegnung mit ihm nie vergessen, ich habe unglaublich viel von den Jugendlichen in El Salvador gelernt.»

Das Quartier San Fernando in Delgado, einem Vorort von San Salvador, wirkt an diesem Nachmittag ruhig, fast ausgestorben. Im steilen Gelände neben einer grossen Durchgangsstrasse erstreckt es sich bis hinunter zum Fluss. Hier sollte man eigentlich nicht wohnen. Es ist viel zu gefährlich. Zur Regenzeit ist alles überschwemmt und die Hänge geraten ins Rutschen. Doch noch viel grössere Gefahr droht von den kriminellen Banden, den Maras, die hier das Sagen haben und die Menschen terrorisieren. Ihnen zu entkommen, nicht selber in deren Fänge zu geraten, ist die grösste Herausforderung für junge Menschen, die gezwungen sind, hier gross zu werden.

Mit zwölf Jahren auf der Strasse

Daniel José López Huezo ist einer von ihnen. Zusammen mit seiner 86-jährigen Grossmutter und acht weiteren Verwandten lebt er in einfachsten Verhältnissen: Ein Ein-Zimmer-Haus, daneben eine Wellblech-Hütte mit leckem Dach, eine offene Kochstelle. Als wir ihn besuchen, hängt er gerade die Wäsche auf, die seine Grossmutter von Hand gewaschen hat. Man hilft sich gegenseitig. Eine wortkarge, respektvolle Schicksalsgemeinschaft.

Daniels Mutter ist gestorben als er noch klein war. Der Vater war arbeitslos, «kein Vorbild», wie Daniel sagt. Oft gab es Streit. Als er 12-jährig war brach Daniel die Schule ab – wie so viele andere hier auch. «In meiner Familie war es allen egal was ich machte, niemand interessierte sich für mich», erinnert sich der heute 21-Jährige. Von da an war er meistens auf der Strasse, wo Gewalt und Drogen allgegenwärtig sind. Daniel spricht nicht gerne über diese Zeit, Details behält er für sich. Doch als er uns einen selbst komponierten Rap spielt, erahnen wir, welche Abgründe er schon kennengelernt hat: «Der Song ist drei Freunden gewidmet, die alle gestorben sind: einer an Drogen, einer bei einem Unfall und der dritte wurde erschossen.»

Die Bande als Ersatzfamilie

Kinder und Jugendliche, die auf der Strasse herumlungern, sind eine leichte Beute für kriminelle Banden. Anfangs ist die Bande eine Art Ersatzfamilie. Doch schon bald werden die jungen Menschen für Aufgaben eingesetzt – zum Beispiel als Späher, die die unsichtbaren Grenzen zwischen den Machtgebieten der Maras überwachen. Oder als harmlos aussehende Drogenkuriere. Wenn sie grösser sind, müssen die Jugendlichen auch Schutzgelder eintreiben – die wichtigste Einnahmequelle der Maras. Diese sind unerbittlich. Um richtig aufgenommen zu werden, müssen angehende Mitglieder als letzte Prüfung einen Menschen erschiessen.

«Mein Leben veränderte sich radikal. Heute weiss ich, dass ich etwas erreichen kann. Ich habe Ziele, auf die ich hinarbeite.»

Für den klugen und sensiblen Daniel José López Huezo sind solche Perspektiven ein Horror. Als das Rote Kreuz vor gut drei Jahren in seinem Quartier ein Programm zur Stärkung junger Menschen startete, erkannte er darin rasch seine Chance. Erstmals kam er mit Menschen in Kontakt, die sich für ihn interessierten und ihm positive Perspektiven aufzeigten. «Mein Leben veränderte sich radikal. Heute weiss ich, dass ich etwas erreichen kann, ich habe Ziele, auf die ich hinarbeite», sagt er. Mit Unterstützung des SRK hat er den Anschluss in der Schule wieder gefunden. Er absolviert eine Gesundheits-Mittelschule, die ihm Halt gibt und seine beruflichen Perspektiven verbessert. Zudem hat er beim Bau eines Spielplatzes im Quartier mitgewirkt und engagiert sich nun selber bei Freizeitaktivitäten für Kinder und Jugendliche. Seit Kurzem hat er noch eine zusätzliche Motivation, die Schule erfolgreich abzuschliessen und anschliessend einen Job zu finden: Er ist Vater geworden. Der drei Monate alte Benjamin lebt mit seiner Mutter Janida (22) noch bei deren Eltern – denn das Geld für einen eigenen Haushalt fehlt. «Mein grosses Ziel ist es, für meine Familie sorgen zu können. Ich will meinem Sohn ein positives Beispiel sein», betont der junge Vater.

Bildung eröffnet Perspektiven

In acht gewaltbetroffenen Quartieren von San Salvador unterstützt das Salvadorianische Rote Kreuz zusammen mit dem SRK und drei weiteren Rotkreuz-Organisationen Projekte zur Stärkung des Zusammenlebens und zur Verbesserung der individuellen Lebensperspektiven. Die Quartiergemeinschaften definieren selber, in welchen Bereichen sie Hilfe brauchen, etwa bei der Gesundheitsförderung, der Schaffung von Gemeinschaftszentren oder mit Freizeitaktivitäten. Zudem können Jugendliche Bildungsangebote nutzen, um ihre Aussicht auf ein Erwerbseinkommen zu verbessern. Ein Viertel aller Jugendlichen in El Salvador geht weder zur Schule noch haben sie einen Job. Von den Rotkreuz-Projekten in der Hauptstadt profitieren insgesamt 3400 Jugendliche.

Einer von ihnen ist auch Jairo Antonio Franco Ayala. Seine Perspektiven waren alles andere als rosig, bevor er vor einigen Jahren mit dem Roten Kreuz in Kontakt kam. Wie Daniel war er ein Schulabbrecher, auf dem besten Weg, auf die schiefe Bahn zu geraten. Doch dann konnte er im Rahmen des Rotkreuz-Programmes einen Grundkurs in Automechanik absolvieren. «Technik und Autos haben mich schon immer interessiert», sagt er. Heute arbeitet der 19-Jährige, der mit seiner Mutter und der Schwester allein aufwuchs, in einer kleinen Auto-Werkstatt. «Mein Ziel ist es, dereinst mein eigenes Geschäft zu haben», sagt er. Vorläufig sei er aber glücklich, in dem Kleinbetrieb gebraucht zu werden und jeden Tag etwas dazuzulernen.

Massnahmen mit grosser Wirkung

«Die einzelnen Unterstützungsmassnahmen mögen auf den ersten Blick klein erscheinen. Für die betroffenen Menschen machen sie einen riesigen Unterschied und können ihr ganzes Leben verändern», sagt Laura Martinez, die Länderkoordinatorin des SRK in El Salvador. In den betroffenen Quartieren ist das soziale Leben durch die anhaltende Unsicherheit praktisch gelähmt. Viele Menschen ziehen sich zurück, es herrscht ein Klima der Angst. Beeindruckend ist, dass in diesem Kontext die Arbeit des Roten Kreuzes überhaupt möglich ist. «Alle Aktivitäten sind mit den Verantwortlichen in den Quartieren abgesprochen und werden von ihnen ausdrücklich akzeptiert und geschätzt», betont Laura Martinez. «Die Projekte bringen für alle einen Mehrwert. Selbst Bandenmitglieder wünschen sich wohl insgeheim, dass ihre Kinder eine bessere Zukunft haben.»