Integration eins zu eins

Mit Herz und gesundem Menschenverstand

Jeder Anfang ist schwer. Flüchtlinge in einem fremden Land brauchen Bezugspersonen, die ihnen helfen, den Alltag zu bewältigen. Beim Roten Kreuz Graubünden finden sie Menschen, welche die Integration persönlich und somit einfach machen. Freiwillige ergänzen wirkungsvoll die Dienstleistungen des Sozialdienstes.

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Beim zweiten Anlauf hat Azieb Gebrezghiabiher die Deutschprüfung bestanden. Sehr zur Freude von Esther Wartenweiler. Während sechs Monaten hat die Freiwillige des Roten Kreuz Graubünden wöchentlich mit der 36-jährigen Eritreerin gelernt: «Wir haben so viel geschrieben, Grammatik gepaukt, Konversation geübt. Azieb hat wirklich intensiv gelernt und den Erfolg verdient.» Seit fünf Jahren lebt Azieb Gebrezghiabiher mit ihrem Mann Rezene in der Schweiz. Die beiden Söhne – der vierjährige Nathanael und der zweieinhalbjährige Joseph – wurden hier geboren. Nach jahrelangem Militärdienst ohne Kontakt zu seiner Familie flüchtete Rezene Gebrezghiabiher. 

Integration stärker fördern

Azieb Gebrezghiabiher und Esther Wartenweiler haben durch eins zu eins zusammengefunden. Dieses Integrationsangebot ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Roten Kreuz Graubünden und dem kantonalen Sozialamt, unterstützt durch die Integrationsförderung des Kantons sowie den Integrationskredit des Bundes. Vor sechs Jahren hatte eine Mitarbeiterin des regionalen Sozialdienstes die Grundidee, dass es nicht für jedes Alltagsproblem einen Termin auf dem Sozialdienst braucht. Wirkungsvoller ist dagegen, wenn Einheimische den Flüchtlingen helfen. Die konkreten Aufträge an die Freiwilligen sind vielfältig: von der Begleitung einer Familie bei der Einschulung ihrer Kinder über die Anwendung der deutschen Sprache bis zur Unterstützung in administrativen Belangen. Das Rote Kreuz vermittelt je nach Aufgabe passende Freiwillige. Etwa ein Drittel von ihnen ist wie Esther Wartenweiler pensioniert. Die übrigen Freiwilligen sind zur Hälfte Frauen, die Familienarbeit leisten, oder berufstätige Personen, die sich in ihrer Freizeit sozial engagieren. Azieb Gebrezghiabihers Ziel war es, die Deutschkenntnisse zu verbessern. Mit der A2-Prüfung, welche Sprachkompetenz für den Alltag bestätigt, ist diese Aufgabe abgeschlossen.

Doch Familie Gebrezghiabiher und das Ehepaar Wartenweiler bleiben in Kontakt. Sie kennen sich seit über vier Jahren. Die beiden Ehemänner wurden zuvor bereits über das Rote Kreuz vermittelt. Als sie sich kennenlernten, arbeitete der junge Eritreer Nachtschicht und kannte fast keine Einheimischen. Richard Wartenweiler lernte auch mit ihm Deutsch und half ihm mit dem Bewerbungsdossier. «Richard war immer für  mich da», bestätigt Rezene Gebrezghiabiher. Seit einem halben Jahr arbeitet er nun in der Küche einer Gastronomie-Kette.

Offen für die Alltagssorgen

Wertvolle Kontakte
Auch Renata Baltic engagiert sich in ihrer Freizeit sozial. Die Projektleiterin betreut seit anfangs Jahr «eine fantastische Familie aus Syrien, die seit drei Jahren in Chur lebt.» Renata Baltic sagt: «Die Alltagsbewältigung ist für uns ein Kinderspiel, für die vorläufig aufgenommenen Flüchtlinge jedoch eine grosse Hürde.» Eine Hürde, die sie alleine oftmals nicht bewältigen können. «Mein berufliches Umfeld wie auch das soziale Beziehungsnetz ist eine wertvolle Ressource zu dieser Unterstützung. Bei eins zu eins entstehen wertvolle menschliche Kontakte – Kontakte, die das gegenseitige Verständnis füreinander fördern.»

Für alltägliche Probleme haben Wartenweilers immer ein offenes Ohr und helfen gerne. Sie hören zu, wenn Rezene und Azieb Gebrezghiabiher aus ihrem Leben erzählen, klären sie über ihre Rechte auf, freuen sich mit ihnen über Gelungenes. Esther und Richard Wartenweiler haben selber zwei Söhne, die im Ausland leben. Vor Azieb Gebrezghiabiher hat Esther Wartenweiler auch eine Tamilin, eine Tibeterin und andere Eritreerinnen beim Deutschlernen unterstützt. Auch wenn sie viel Zeit investiert, so geben ihr die Kontakte noch mehr zurück. «Mich interessiert die Mentalität dieser Menschen. Wie sie etwas anpacken, was sie erlebt haben.» Doch die Situation der Flüchtlinge macht sie nachdenklich. «Man kämpft  gegen Vorurteile.» Sie erzählt von einer Eritreerin, die frieren musste, weil die Heizung nicht funktionierte. «Immer wieder haben ich und die Sozialdienstmitarbeiterin bei der Verwaltung angerufen.» Nichts sei passiert, mit offensichtlichen Ausreden hätte man sie abgewimmelt. Es sei keine andere Lösung übrig geblieben, als eine neue Wohnung zu suchen.

«Zu Familie Gebrezghiabiher haben wir eine besonders enge Beziehung», erzählt Esther Wartenweiler weiter. «Als  Joseph auf die Welt kam, haben wir Nathi gehütet. Und wir haben auch schon zusammen Weihnachten gefeiert.» Es ist spürbar, dass dies Momente sind,  die beide Seiten nicht missen möchten. Azieb Gebrezghiabiher ist bewusst, was sie den Freiwilligen verdankt: «Jetzt kann ich ein Gespräch führen. Und seitdem unser ohn in der Spielgruppe ist, habe ich Kontakt zu anderen Müttern.»