Migration und Gesundheitsversorgung

Die Gesundheit der Migrationsbevölkerung angesichts von COVID-19

Die Pandemie trifft nicht alle gleich. In der Schweiz lebende Migrantinnen und Migranten sind zum Teil stärker vom Virus betroffen. Dies kann mit ihrem Aufenthaltsstatus zusammenhängen, mit ihrer Lebenssituation und ihren Erfahrungen oder mit der Angst, ihre Aufenthaltsbewilligung zu verlieren, wenn sie sich behandeln lassen. Diese Umstände sind nicht vereinbar mit dem Grundsatz der Unparteilichkeit, für den das Schweizerische Rote Kreuz eintritt.

Die Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus oder einer Überlastung des Gesundheitssystems hält zurzeit viele Menschen davon ab, ein Spital oder eine Arztpraxis aufzusuchen. Diese Situation beunruhigt das Gesundheitspersonal, das bereitsteht, um die Bevölkerung auch bei anderen Erkrankungen als COVID-19 zu behandeln. Für einen Teil der Migrantinnen und Migranten ist diese Zurückhaltung medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen jedoch keine freiwillige Entscheidung. Dies betrifft auch die Ansteckung mit dem Coronavirus, der viele sogar besonders ausgesetzt sind.

Gefährdung durch das Asylverfahren

Die Pandemie bringt insbesondere Asylsuchende in eine prekäre Lage. Sie sind mit Hunderten von anderen Menschen in Bundesasylzentren untergebracht, in denen die Schlafsäle und Gemeinschaftsräume, aber auch zahlreiche Behördenkontakte im Zusammenhang mit dem Verfahren das Ansteckungsrisiko um ein Vielfaches erhöhen. Dazu kommt, dass während des Asylverfahrens nur ein beschränkter Zugang zu medizinischer Versorgung besteht. Die Hygienevorschriften müssen auch unter diesen Umständen unbedingt eingehalten werden können. Für Asylsuchende, die eine Privatunterkunft gefunden haben, sollte die Anwesenheitspflicht in den Bundesasylzentren bis zur Normalisierung der Lage aufgehoben werden. Im Fall von Ausschaffungen, die im Moment nicht durchgeführt werden können, gilt es, Personen aus der Administrativhaft zu entlassen. Zudem ist dafür zu sorgen, dass sie eine menschenwürdige Unterkunft und Zugang zu medizinischer Versorgung erhalten.

Materielle und psychische Not

Im Rahmen seiner Gesundheitsversorgung für Sans-Papiers in Bern-Wabern stellt das SRK fest, dass das Coronavirus Menschen ohne geregelten Aufenthalt in grosse Bedrängnis bringt. Die wirtschaftlichen Folgen der Krise treffen sie mit besonderer Härte. Aufgrund der oft sehr prekären Wohnverhältnisse sind die Ausgangsbeschränkungen schwer zu ertragen. Für diese Menschen ist der Zugang zu verlässlichen Informationen eine besondere Herausforderung. Sich bei Krankheitssymptomen in einem Spital zu melden, ist mit zusätzlichen Ängsten verbunden wegen ihres Aufenthaltsstatus in der Schweiz. Zudem stellt das SRK bei seinen Beratungen im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer fest, dass die Pandemie bei Migrantinnen und Migranten ein Trauma reaktivieren kann. Unter der Ungewissheit und Isolation, die an eine Inhaftierung erinnern, leiden sie umso mehr, zumal sprachliche Hürden verhindern, dass sie sich angemessen informieren können.

Angesichts der Coronakrise und in Übereinstimmung mit den UNO-Nachhaltigkeitszielen erinnert das SRK daran, dass der Zugang zur Gesundheitsversorgung für alle unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus gewährleistet sein muss. Dabei geht es nicht zuletzt um die öffentliche Gesundheit.