Einzelhilfe SRK

Gegen die Schuldenfalle

Auch in der Schweiz hilft das SRK Menschen in Not. Wer nur über ein bescheidenes Einkommen verfügt und wegen unvorhersehbaren Kosten eine Rechnung nicht bezahlen kann, wendet sich über einen Sozialdienst an die Abteilung Einzelhilfe SRK. Zwei Beispiele zeigen, in welchen Fällen ein Gesuch bewilligt wurde.

Unabhängigkeit und Selbstständigkeit sind Silvia und Martin Gilgen* wichtig. Sie leben ihren beiden Kindern vor, dass mit etwas Kreativität und Flexibilität vieles möglich ist im Leben. Die Familie lebt bescheiden und wohnt in einer einfachen Wohnung in Neuenburg. Da Martin Gilgen zurzeit ohne Arbeit ist, musste und konnte seine Frau ihr Arbeitspensum als Assistentin in einer Arztpraxis auf 80 % erhöhen. Der Familienvater amtet derzeit als Hausmann und betreut die achtjährige Chayenne* und den siebenjährigen Sean*.

«Ich überlege ständig, welche Anschaffungen notwendig sind und wo ich sparen kann.»

2 Fragen an Anna-Barbara Santschi, Sozialarbeitende in der Einzelhilfe SRK

Nach welchen Kriterien beurteilen Sie die Gesuche?
Zuerst prüfen wir, ob es tatsächlich keine andere Finanzierung gibt. Das heisst, ob keine andere Versicherung zahlen müsste. Jedes Gesuch wird von Grund auf geprüft. Es ist uns ein Anliegen, dass unsere Hilfe nachhaltig ist. Das Budget der Betroffenen sollte nach unserer einmaligen Unterstützung ausgeglichen sein, so dass diese ohne weitere Hilfe auskommen können. Der maximale Unterstützungsbeitrag ist auf 1000 Franken festgesetzt. Ein Sozialdienst kann für eine bereits einmal begünstigte Person frühestens nach zwei Jahren wieder einen Antrag stellen.

Welche Veränderungen stellen Sie fest?
Die Krankenkassenprämien sind sehr gestiegen und belegen einen grossen Teil des Einkommens. Mir fällt ausserdem auf, dass elektronische Kommunikationsmittel einen höheren Budgetposten ausmachen als früher. Dennoch sind sie für Familien mit Kindern wichtig, damit diese den Anschluss nicht verpassen.

Die junge Familie kommt ohne finanzielle Unterstützung aus, sie bezieht weder Arbeitslosen-taggeld noch Sozialhilfe. «Ich kalkuliere sehr genau und überlege jeweils zweimal, welche Anschaffungen notwendig sind und wo ich sparen kann», erzählt Silvia Gilgen. Die Krankenkassen-Franchise hat sie deshalb auf 1000 Franken erhöht, so fallen die Monatsprämien günstiger aus. Im Frühling musste sie unerwartet einen medizinischen Check machen lassen, dabei wurden ihre Werte im Labor untersucht. Die darauf folgenden drei Rechnungen von insgesamt 518 Franken sprengten die Haushaltskasse. Silvia Gilgen wandte sich an den Sozialdienst ihrer Wohngemeinde. Dieser reichte ein Gesuch für die Familie bei der Einzel-hilfe SRK ein mit der Bitte, ihr mit einem Kostenbeitrag unter die Arme zu greifen.

Nicht nur Familien

Auch *Samira Katulu geriet durch unerwartete und unverschuldete Gesundheitskosten in einen finanziellen Engpass. Vor sechs Jahren zwang der Bürgerkrieg im west-afrikanischen Heimatland die damals 19-Jährige zur Flucht. Samira Katulu kam in die Schweiz und wurde als Flüchtling anerkannt. Bald drauf gelang es auch ihrer Mutter und ihren jüngeren Schwestern zu flüchten. Doch Krieg und Flucht haben bei ihr und ihrer Familie Spuren hinterlassen. Die jüngere Schwester verlor auf der Flucht ihr Leben, die Mutter ist gesundheitlich stark angeschlagen. Sie verlor im Krieg ein Auge und leidet an Diabetes, Bluthochdruck und Krebs.

Kurz nachdem Samira Katulu die Aufenthaltsbewilligung bekommen hatte, fand sie eine un-bezahlte Praktikumsstelle als Pflegerin und wurde in dieser Zeit von der Sozialhilfe unterstützt. Sie lernte schnell Deutsch und arbeitete viel. Nach einem Jahr konnte sie von der Sozialhilfe abgelöst werden. Ihr Arbeitgeber war so zufrieden mit ihr, dass er Samira eine feste Stelle anbot. Seit über drei Jahren arbeitet sie zu 70 % in der Pflege und verdient monatlich 2680 Franken. Vor eineinhalb Jahren entschloss sie sich für die berufsbegleitende Ausbildung zur Fachangestellten Gesundheit. Ihr Arbeitgeber beteiligt sich mit 1000 Franken an den Schulkosten, 1400 Franken bezahlt die 25-Jährige selbst. Es bleibt ihr kaum Freizeit, da sie auch ihre Mutter unterstützt. Vor einem Jahr litt Samira Katulu plötzlich unter unerträglichen Zahnschmerzen. Der Zahnarzt entschied, den Weisheitszahn sofort zu entfernen. Eine Operation, die 1277 Franken kostete.

«Der Selbstbehalt hat alle meine finanziellen Reserven aufgebraucht.»

Wenige Wochen darauf erlitt sie einen schweren analphylaktischen Schock – eine maximale Reaktion des Immunsystems auf eine bestimmte Substanz, möglicherweise ausgelöst durch ein Medikament. Samira Katulu wurde in einem Einkaufszentrum bewusstlos und mit der Ambulanz ins Spital gefahren. Der Selbstbehalt für diesen Transport beträgt rund 400 Fran-ken. «Der Unfall und die unerwarteten Gesundheitskosten haben alle meine finanziellen Re-serven aufgebraucht», erklärt Samira Katulu. Über den Sozialdienst, der sie in administrativen Fragen teilweise noch unterstützt, wandte sie sich an das Schweizerische Rote Kreuz.

Der Schuldenfalle entronnen

Wenige Tage nach ihrem Gesuch erhielt Samira Katulu einen Telefonanruf der Sozialarbeiterin. «Ich war überglücklich, als sie mir sagte, dass mein Gesuch gutgeheissen wurde», erinnert sich die junge Frau. Kurz darauf waren die rund 400 Franken auf dem Konto des Sozial-dienstes, welcher die Rechnung beglich. Samira Katulu schickte dem SRK eine bunte Blumenkarte. «Ich danke dem SRK von Herzen für die Unterstützung», schrieb sie.
Auch Silvia Gilgen bekam über den Sozialdienst einen Brief vom SRK mit einer freudigen Botschaft und einem Rat: «Wir freuen uns, Ihnen mitzuteilen, dass das SRK Ihrem Gesuch entsprechen kann. Den Betrag von 518 Franken überweisen wir in den nächsten Tagen. Eventuell sind Sie gut beraten, die Franchise beim nächstmöglichen Termin wieder auf das Minimum herunterzusetzten.» Auch Martin Gilgen hat neuen Mut gefasst. Zwar geniesst er es, viel Zeit mit Chayenne und Sean verbringen zu können, trotzdem informiert er sich über Umschulungsmöglichkeiten. Die Familie ist motiviert, ihre finanzielle Situation eigenständig weiter zu verbessern.

* Alle Namen wurden aus Datenschutzgründen geändert. Die abgebildeten Personen stehen in keinem Zusammenhang mit dem Bericht.