Begleitdienst für Menschen mit Behinderung

Ziemlich beste Freunde

Jelissa Peter und Dominik Schweizer treffen sich regelmässig für einen Spaziergang oder ein gemeinsames Essen. Eigentlich nichts Aussergewöhnliches – oder doch?

Endlich zeigt sich die Frühlingssonne und ein ungewöhnliches Paar macht das, was an diesem Tag alle Baslerinnen und Basler tun: Spazieren und Sonne tanken am Rheinufer. «Dominik, lös’ die Bremse, das Tram kommt», bittet die junge Frau und hievt den Rollstuhl ins Tram. Die beiden fallen auf, auch in der Menschenmenge der Stadt. Dominik Schweizer, 43 Jahre alt, auf den Rollstuhl angewiesen. Jelissa Peter, 21 Jahre jung und gut zu Fuss. Das Duo hat sich im Einzeleinsatz mit Menschen mit Behinderung vom Jugendrotkreuz Basel kennengelernt. Seit mehr als zwei Jahren verbringen die beiden regelmässig Zeit miteinander.

Spontan und frei sein

«Wenn ich mitten in den Prüfungen stecke, treffen wir uns weniger häufig, aber mindestens zweimal im Monat. Dafür in der vorlesungsfreien Zeit bis zu zweimal in der Woche», erzählt Jelissa Peter. «Eigentlich stehen wir dauernd in Kontakt. Wir schreiben uns regelmässig Nachrichten», ergänzt Dominik Schweizer. Er geniesst die Zeit mit Jelissa Peter. Sie gibt ihm Freiheit und lässt ihn Neues entdecken. Dominik Schweizer wurde mit einem offenen Rücken (Spina bifida) geboren und ist seit seinem 13. Lebensjahr stark sehbehindert. Deshalb bewegt er sich nur in vertrauter Umgebung alleine. Was die beiden an ihren Treffen unternehmen, entscheiden sie spontan. Ob shoppen, spazieren gehen, nach Genf reisen oder eine neue Beiz testen – die Ideen gehen ihnen nicht aus.

Hemmungen abbauen

Das «Wirtschaftsstudium», wie sie es im Witz nennen, führt sie heute ins Restaurant. Im Lokal testen sie die vegetarische Speisekarte und probieren den hausgemachten Eistee. Als das Essen auf dem Tisch steht, zerschneidet Jelissa Peter auch den Salat und die Tofubällchen von Dominik Schweizer und fragt ihn, ob sie sein das Glas halten soll. Die junge Frau kündet jede Bewegung an, damit Schweizer nicht überrascht wird. Die Medizinstudentin hat sich bewusst für diesen Freiwilligeneinsatz entschieden, weil sie Hemmungen zu Menschen mit Beeinträchtigungen abbauen will. «Der Zwillingsbruder meines Vaters ist ebenfalls auf den Rollstuhl angewiesen. Irgendwie habe ich den Zugang zu ihm nicht gefunden. Seit ich mich mit Dominik treffe, gehe ich viel offener auf Menschen mit einer Behinderung zu. Auch auf meinen Onkel.» Ebenfalls suchte sie eine sinnvolle Tätigkeit in ihrer Freizeit, nachdem sie ihr intensives Fussballtraining an den Nagel gehängt hatte. «Mein Einsatz bereitet nicht nur Dominik Freude, sondern auch mir.» Vor allem ist daraus eine tiefe Freundschaft entstanden. «Dominik ist sehr wichtig für mich. Ich kann mit ihm über alles sprechen und ich vertraue ihm gänzlich. Es kommt vor, dass ich ihm schreibe ‹Dom, ich brauche dich. Komm, wir treffen uns!›», betont Jelissa Peter.

Leben geniessen und tanzen

Als Abschluss des heutigen gemeinsamen Tages gehen sie in die Disco für Menschen mit  und ohne Behinderung, die das Rote Kreuz und Cerebral Basel mehrmals im Jahr organisieren. DJ Sunflower legt alte und neue Hits auf, Freiwillige vom Jugendrotkreuz mixen Cocktails an der Bar. Die Stimmung ist ausgelassen und – wovon viele Nachtclubs nur träumen – das Publikum tanzt kurz nach Türöffnung, als gäbe es kein Morgen. Plötzlich schlägt DJ Sunflower leisere Töne an. «Hey Jelissa, unser Lied», bemerkt Dominik Schweizer sarkastisch, als «Ewigi Liäbi» von Mash erklingt. Es ist ihr «gemeinsamer Hass-Song». Schon stürmen sie die Tanzfläche und vergessen um sich die Welt und alle Vorurteile. Einen grossen Traum wollen die beiden bald verwirklichen: einen gemeinsamen Fallschirmsprung. Sie werden sich mit Bestimmtheit getrauen. Denn es ist nicht das erste Mal, dass sie etwas Neues wagen.