Hausaufgabenhilfe

Die grosse «Schweizer Schwester»

Die 25-jährige Marylin ist Freiwillige im Jugendrotkreuz Freiburg. Einmal in der Woche besucht sie im Rahmen ihres Engagements eine Migrantenfamilie aus Mazedonien. Sie hilft den zwei Buben der Familie bei den Hausaufgaben und berät deren Mutter bei Fragen im Alltag.

Kaum hat Marylin auf die Klingel gedrückt, reisst der 8-jährige Fisnik auch schon die Tür auf. «Hoi Marylin, schön, dich wiederzusehen!», strahlt er sie mit einem grossen Lächeln an und führt sie ungeduldig ins Wohnzimmer. Ein Korb voller Bleistifte steht auf dem Tischchen, Fisniks Hausaufgaben liegen fein säuberlich daneben. «Du bist ja schon bereit, na dann, fangen wir an, was musst du denn heute machen, Französisch?» Fisnik bejaht und zupft seinen Lieblingsbleistift aus dem Korb. Er muss französische Sätze umschreiben. «Schreib nicht wie ein kleines Schweinchen! Ich weiss, dass du es besser kannst. Hässlich schreiben darfst du erst, wenn du in der Oberstufe bist», ermahnt Marylin ihren jungen Zögling scherzhaft.

Wie eine grosse Schwester

Nun trifft auch der ältere Bub, der 12-jährige Suad, zu Hause ein. Der ehrgeizige Schüler ist etwas bedrückt, weil er vor Kurzem eine Note geschrieben hat, die unter seinen Erwartungen war. Suad will nämlich im nächsten Jahr ins Progymnasium eintreten, und dazu braucht er gute Noten. «Komm, Suad, das ist doch nicht so schlimm. Du musst jetzt nach vorne schauen. Ich bin sicher, die nächste Prüfung wird besser!», muntert Marylin ihn wie eine grosse Schwester auf. Suad lenkt etwas ein und macht sich nun auch an seine Hausaufgaben. Seit Marylin die Familie wöchentlich besucht und den Buben bei den Hausaufgaben hilft, haben Fisnik und Suad grosse schulische Fortschritte gemacht.

Coach für die Mutter

Marylin hilft aber nicht nur den Kindern bei den Hausaufgaben, sondern berät auch deren Mutter Nedime bei Fragen im Alltag und spricht mit ihr Französisch. Nedimes Sprachtalent beeindruckt Marylin, die an der Universität Mehrsprachigkeitsforschung studiert. «Nedime spricht fünf Sprachen fliessend und hat selbstständig Französisch gelernt.» Trotz ihrer guten Französischkenntnisse fühlt sich Nedime im Schweizer Behördendschungel etwas unsicher. Marylin unterstützt Nedime deshalb ab und zu, Briefe an die Behörden zu verfassen, oder übernimmt ein Telefongespräch. Zwischen Marylin und Nedime hat sich ein herzlich-vertrautes Verhältnis entwickelt, auch wenn sie sich siezen. «Das tun wir aus Respekt. Manchmal fallen wir aber ins Du», schmunzelt Marylin. «Oft bleibe ich nach den Hausaufgaben noch etwas bei der Familie und esse mit ihnen zu Abend. So können wir auch mal andere, weniger seriöse Dinge besprechen.» Marylin fühlt sich bereits fast wie ein Familienmitglied. «Ich wurde schon Tanten, Onkeln und sogar einer Urgrossmutter vorgestellt», lacht die junge Freiwillige. Bei diesem Projektgespann hat die beidseitige Integration stattgefunden.