Elternkurs im Ambulatorium SRK

Feinfühlig Halt geben

Im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des SRK finden traumatisierte Menschen Hilfe. Weil ein Trauma oft die ganze Familie belastet, hat das Ambulatorium SRK einen Elternkurs gegründet. Der Spezialkurs gibt Betroffenen in den ersten Monaten als Eltern Sicherheit, denn schwere Traumatisierungen können sich auf die Entwicklung der Kinder auswirken.

Wenn Hacer Tasarsu sich über ihre Zwillinge beugt, um mit ihnen zu sprechen, erhellt sich ihr Gesicht. Ihre überdeutliche Mimik spricht dann die universelle Sprache einer fürsorglichen und glücklichen Mutter. Man glaubt zu verstehen was sie sagt, auch wenn sich aus ihrem Kurdischen kein Wort in eine mir bekannte Sprache ableiten lässt. Doch die Mutter der viermonatigen Zwillinge Agir und Arîn wäre heute nicht hier, wenn sie ohne Sorgen wäre. Zusammen mit ihrem Ehemann Bahattin Altuntas besucht sie keinen normalen Säuglingskurs, sondern den Elternkurs im Ambulatorium für Folter- und Kriegsopfer des SRK.

Beide sind aus politischen Gründen in die Schweiz geflüchtet und möchten auf Fotos nicht erkannt werden. Über ihre Vergangenheit sprechen wir denn auch nicht. 

Unbewältigtes Trauma mit Folgen

Der Elternkurs ist entstanden, weil die Fachleute im Ambulatorium erkannt haben, wie sehr ein Trauma das Familienleben beeinträchtigt. Häufig werden die physischen und psychischen Folgen von Traumatisierungen zu einer grossen Belastung für die ganze Familie, unbewältigt sogar für mehrere Generationen. 

Unbewältigt werden die Folgen von Traumatisierungen zu einer grossen Belastung, manchmal für mehrere Generationen.

Die traumatischen Erinnerungen haben Auswirkungen auf die Bindungserfahrungen zwischen Eltern und Kind. Im schlimmsten Fall kann das zu Entwicklungsstörungen bei Kindern führen. «In meiner Arbeit mit traumatisierten Erwachsenen erfahre ich viel über die Schwierigkeiten und Nöte der Kinder», bestätigt Natascha Mathys, seit vier Jahren Psychotherapeutin am Ambulatorium SRK in Wabern. «Wir wollten etwas tun, weil wir uns wie hilflos fühlten. Also haben wir nach einer Lösung gesucht und sie im Elternkurs gefunden», erklärt Oliver Schwald, der ärztliche Leiter des Ambulatoriums.

Der grosse Therapieraum im Ambulatorium SRK wird für den Elternkurs kindgerecht ausgerüstet. In der Ecke steht ein einfacher Wickeltisch, am Boden ausgebreitet liegt eine Krabbeldecke. Das Babyspielzeug darauf sorgt für eine entspannte Atmosphäre. Psychologin Natascha Mathys plaudert mit dem kleinen Agir und über die Dolmetscherin mit seiner Mutter. Oliver Schwald entlastet unterdessen die Zwillingsmutter, indem er die kleine Arîn in den Schlaf wiegt. Das Vertrauen, die hohe Motivation der Eltern und der Gruppenzusammenhalt beeindrucken die Kursleitenden immer wieder. Für viele Eltern ist der Kurs eine Art «Grossfamilienersatz», denn keine einzige teilnehmende Familie hat Verwandte hier in der Schweiz. Das Fehlen von vertrauten Menschen macht traurig und ist auf Dauer auch anstrengend. Insbesondere die Unterstützung und den Rat der Grosseltern vermissen die jungen Eltern.

Heute merkt man dies den Familien nicht an. Auch die anderen Eltern, Aydin und Merivan Sevinc, spielen fröhlich mit ihrem Sohn Arsen Ruben. Die junge Mutter lacht viel und herzlich, wirkt im Umgang mit dem 11-monatigen Knaben sicher und unbeschwert. «Man merkt es den Betroffenen häufig nicht an, dass sie an einem Trauma leiden»,  betont Oliver Schwald, und erklärt weiter: «Kriegs- und Folteropfer haben in ihrem Heimatland Schreckliches erlebt. Sie waren mit starken Gefühlen von Angst, Ohnmacht oder Hilflosigkeit konfrontiert. Ein schreiendes Baby, das sich nicht beruhigen lässt, ein krankes Kind, das zusätzlich Sorgen bereitet oder ein Trotzanfall erzeugen bei Eltern genau diese Gefühle.» 

Kriegs- und Folteropfer waren mit starken Gefühlen von Angst, Ohnmacht oder Hilflosigkeit konfrontiert

Für traumatisierte Menschen kann das bedeuten, dass das Verhalten ihres Kindes zu einem Auslöser für traumatische Erinnerungen wird. Feinfühliges, angemessenes Reagieren ist dadurch stark erschwert. Das Trauma äussert sich bei jeder Person anders. Oliver Schwald erzählt von Frauen, die in der Schwangerschaft überhaupt keine Verbindung zu ihrem Ungeborenen empfanden und von vielen Paaren, die nach den traumatischen Erlebnissen kinderlos bleiben wollen, weil sie «die Welt für zu schlecht erachten». Von Kleinkindern, die offensichtlich zu distanzlos auf Fremde reagieren und kaum nach der Mutter suchen, sobald diese den Raum verlassen hat. «In den ersten Lebensjahren kann ein solches Verhalten darauf hinweisen, dass die natürliche Bindung zu den engsten Bezugspersonen beeinträchtigt ist», erklärt Oliver Schwald. Natascha Mathys erinnert sich an eine Mutter, die übermässig ängstlich und besorgt ihrem viermonatigen Sohn alle zehn Minuten das Fieber gemessen hat. Und an eine Mutter und einen Vater, die jedes Mal, wenn ihre sechsmonatige Tochter weinte, panikartig ins Kinderzimmer rannten, in der Überzeugung, dem Kind sei etwas Furchtbares zugestossen und sie müssten es retten. Sobald sie dann ihre Tochter körperlich unversehrt vorfanden, übermannten sie Wutgefühle und schrien das Baby an, dass es doch keinen Grund habe, so zu schreien. «Diese Eltern konnten ihre Tochter nicht mehr wahrnehmen und waren unfähig, angemessen zu reagieren», analysiert die Fachfrau.  

Feinfühligkeit fördern

Feinfühligkeit ist deshalb ein Hauptthema des Elternkurses, der auf dem Prinzip «SAFE® Sichere Ausbildung für Eltern» von Karl Heinz Brisch basiert. Im Ambulatorium SRK hat man dieses Kurskonzept an die besonderen Bedürfnisse angepasst. Zu Hause filmen sich die Eltern in verschiedenen Alltagssituationen mit dem Kind, zum Beispiel beim Wickeln oder Spielen. Die Szenen werden dann zusammen angeschaut und feinfühliges Verhalten wird hervorgehoben. Im Kurs werden anhand von Schulungsvideos das Verhalten von anderen Eltern im Umgang mit ihren Kleinkindern analysiert. «Diese Eltern hier wollen das Beste für ihre Kinder, also gute Mütter und Väter sein. Nur deswegen sind sie hier», betont Natascha Mathys. Dies wird besonders deutlich bei den besorgten Fragen der Teilnehmenden. Auch um Integration geht es, denn sowohl die Familie mit den Zwillingen als auch die Eltern von Arsen Ruben haben noch keinen Kontakt zu Schweizer Familien. Auch in dieser Hinsicht, wirkt sich der Kurs positiv aus“, sagt Natascha Mathys. «Die Eltern beobachten, wie ihr Kind im Spiel mit anderen aufblüht. So haben Eltern, die den Kurs kürzlich besucht haben, sich ihren Ängsten gestellt und besuchen nun wöchentlich die Krabbelgruppe in ihrer Wohngemeinde.» Auf die Frage, ob er es sich denn vorstellen könne, dass seine Zwillinge in wenigen Jahren Schweizerdeutsch sprechen, lächelt Bahattin Altuntas überrascht. Darüber habe er noch nie nachgedacht, denn er und seine Frau möchten in die Heimat zurück und die Kinder dort grossziehen. Er denke, dass sich die Lage bessern werde und es nicht mehr allzu lange dauern dürfte. Dann eilt er mit der Babytasche seiner Frau zu Hilfe, die gerade das Zwillingsmädchen Arîn auf den Wickeltisch gelegt hat und beruhigend auf die Kleine einspricht.