Entlastung

«Reden Sie über Wünsche und Grenzen»

Das Angebot in der Schweiz ist sehr gross, findet die Gerontopsychologin Bettina Ugolini, Leiterin der Beratungsstelle «Leben im Alter» der Universität Zürich. Handlungsbedarf sieht sie in der Enttabuisierung von Altersthemen.

Bettina Ugolini
Die dipl. Pflegefachfrau und promovierte Psychologin ist Leiterin der Beratungsstelle «Leben im Alter» (LiA) des Zentrums für Gerontologie der Universität Zürich.

Bettina Ugolini, wer gehört zur Gruppe der pflegenden Angehörigen?
Pflegende Angehörige sind Menschen, die innerhalb ihres ausgeweiteten Familienkreises Unterstützungsleistungen erbringen. Die Gruppe ist sehr heterogen in Bezug auf Alter, Bedürfnisse und Verwandtschaftsgrad. So hat eine Mutter, die ihr behindertes Kind pflegt, andere Bedürfnisse als eine ältere Frau, die ihre noch ältere Tante betreut.

Viele Angehörige pflegen ihre Nächsten. Wie selbstverständlich ist das?
Der Mensch ist ein soziales Wesen. Wenn jemand krank ist, helfen wir. Problematisch wird es, wenn sich die Pflege über Monate oder gar Jahre erstreckt. Da muss man sich fragen, wie lange diese Selbstverständlichkeit Bestand hat. Es ist wichtig, sich über die Motive im Klaren zu sein. Ein Beispiel: In einer Partnerschaft ist eines der Motive nicht Selbstverständlichkeit, sondern Liebe. Wenn sich aber dieses Gefühl der Liebe im Lauf der Pflegebedürftigkeit verändert, weil sich die betroffene Person aufgrund ihrer Krankheit verändert, dann geht manchmal die Liebe verloren. Fällt sie weg, stellt sich die Frage, ob die Leistungen ohne das Motiv der Liebe noch möglich sind. Wenn aus Liebe Pflichtgefühl wird, dann hat es immer irgendwann eine Grenze.

Wie schätzt man die Situation ein?
Indem Sie als pflegende Angehörige über Ihre Situation nachdenken und genau hinschauen. Warum pflege ich meinen Vater oder meine Partnerin? Natürlich ist eine Aufgabe weniger belastend, wenn ich sie gerne und freiwillig mache. Ein ernst zu nehmendes Zeichen ist, wenn man die Lust am Helfen verliert. Oder wenn man nicht mehr schlafen kann, keinen Appetit mehr hat und die Sehnsucht nach Ruhe immer grösser wird.

Raten Sie da den Einzug in ein Heim?
Auf keinen Fall sofort! Zuerst muss man analysieren, wo der Schuh drückt: Was belastet? Lässt sich die pflegende Angehörige überhaupt entlasten? Stellen nur einzelne Aufgaben eine Belastung dar und nicht die Summe? Ein Beispiel aus meiner Beratungspraxis: Eine Tochter, die mehrere Geschwister hat, betreut ihre alte Mutter. Sie sagte: «Ich mache so viel und es belastet mich.» Im Gespräch wurde jedoch klar, dass nicht die Betreuung der Mutter belastend ist, sondern der Konflikt mit den Geschwistern. Die Empfehlung, die Mutter ins Pflegeheim zu geben, wäre somit falsch.

Die Schwierigkeit liegt somit in der Analyse?
Ja, es braucht eine genaue Auseinandersetzung, um zu erkennen, wo der Hase im Pfeffer liegt. Aus meiner Sicht wird zu wenig geschaut, welches Entlastungsangebot passt. Wenn mein Partner Demenz hat und mir die Gespräche mit ihm fehlen, nützt mir in Bezug auf die-ses konkrete Problem die Spitex wenig.

Das SRK hat eine neue Website mit Adressen und Informationen für pflegende Angehörige. Gibt es noch Lücken in der ganzen Palette der Entlastungsangebote?
Nein, ich wüsste nicht, was man an Angeboten noch erfinden kann. Es gibt eher Probleme bei der Finanzierung. Und ich sehe einen Bedarf in der Beratung. Diese können aber auch bestehende Stellen übernehmen. Viele Personen, die zu mir kommen, nutzen schon Angebote wie Fahrdienst oder Spitex. Doch es hat noch nie jemand mit ihnen über die Schuldgefühle gesprochen, die sie plagen – Themen wie Abschied nehmen oder Sterben.

Wann ist es ratsam, sich um die mögliche Betreuung der älter werdenden Eltern zu kümmern?
Erste Anzeichen von Unterstützungsbedarf sind ein guter Zeitpunkt, sich zu überlegen, was man leisten möchte und was nicht. Eine konkrete Vorstellung über mögliche Aufgaben hilft, später die Bremse zu ziehen. Dabei ist es unerlässlich, ehrlich zu sein. Ich finde, man darf bei den möglichen Aufgaben keinesfalls über seinen Schatten springen. Das belastet langfristig und hat Folgen für die Beziehung.

Unsere Lebenserwartung steigt. Welche Herausforderungen sehen Sie für die Pflege von älteren Menschen?
Man darf nicht vergessen, dass wir immer länger gesund alt werden. Eine Problematik sehe ich bei den vielen Einkind-Haushalten und Singles. Wir werden wohl in Zukunft weniger Angehörige haben, die Pflegeaufgaben übernehmen. Doch wir müssen auch umdenken: Ältere Menschen haben viele Kompetenzen, und unsere Gesellschaft muss noch mehr lernen, diese zu nutzen.

Haben viele Angst, nicht in Würde altern zu können?
Ja, diese Angst ist da. Das liegt aber auch an einem falschen Begriff von Würde. Wir denken, würdevoll ist es, wenn man alles alleine machen kann, wenn man unabhängig ist. Doch wann sind wir wirklich unabhängig? Nie! Ich finde, wer zu seinem Alter steht, altert in Würde. Ich rate allen, sich nicht erst mit der Pensionierung zu überlegen, wie man sich das Alter vorstellt.

Haben Sie einen persönlichen Rat?
Machen Sie sich Gedanken über Ihre Wünsche und Ihr Leben. Da gehört das Sterben auch dazu. Und man darf nicht vergessen: Die Betreuung eines Angehörigen ist nicht nur eine Last. Man gewinnt da auch viel und bekommt Anerkennung. Es ist wichtig, dass pflegende Angehörige ihre Bedürfnisse genauso ernst nehmen wie die der pflegebedürftigen Person.