Dank an Samariterinnen

Wiedersehen mit zwei Schutzengeln

Walter Bernhard erlitt im vergangenen Jahr einen Herzkreislaufstillstand. Sein Leben verdankt er dem schnellen Einsatz einer Gruppe Samariterinnen.

Apropos In der Schweiz sterben jedes Jahr rund 20'000 Personen an den Folgen einer Herzkreislauferkrankung. Unter Erwachsenen ist es die häufigste Todesursache. Bei einem Herzkreislaufstillstand ist die betroffene Person auf sofortige Hilfe angewiesen. Wird die Herzaktion nicht spätestens nach 3 Minuten durch Herzdruckmassage ersetzt, führt dies meist zu bleibenden Schäden. Die Bevölkerung ist sich der Notwendigkeit schneller Hilfe zwar bewusst. Doch oft stehen Berührungsängste oder die Angst, etwas Falsches zu tun, im Weg. Zwar tragen medizinische Geräte und das schnelle Eintreffen der Rettungskräfte einen wichtigen Teil zum Gelingen einer Reanimation bei. Doch die sofortigen wiederbelebenden Basismassnahmen bleiben am wichtigsten.

Walter Bernhard weiss nur noch dies: «Ich wollte fragen, wann der nächste Bus fährt, konnte den Satz aber nicht mehr zu Ende sprechen.» Der pensionierte Metzger und seine Frau aus Oberburg BE besuchen im September 2017 das Unspunnenfest in Interlaken und machen sich gerade auf den Heimweg. An der Bushaltestelle am Rande des Festgeländes hört Walter Bernhards Herz auf zu schlagen und er bricht zusammen. Was danach geschah, weiss er nur aus Erzählungen.

Die Samariterin ahnt Schlimmes und weist ihre Kollegin an, gleich den Defibrillator mitzubringen.

Umso klarer sind die Erinnerungen von Claudia Hausheer und Sonja Pelka vom Samariterverein Interlaken und Umgebung. Gemeinsam mit sechs weiteren Samaritern leisten sie an jenem Abend Sanitätsdienst am Grossanlass. Ihr Zelt befindet sich zum Glück nur wenige Meter von der Bushaltestelle entfernt, wo Walter Bernhard nach Luft schnappend am Boden liegt. Alarmiert von einer Festbesucherin macht sich Claudia Hausheer sofort auf den Weg. Sie ahnt Schlimmes und weist Sonja Pelka an, gleich den Defibrillator mitzubringen. «Das ist Standardvorgehen», erklärt sie. «Eine von uns geht vor, die anderen kommen mit der Ausrüstung nach.» Gerade bei einem Herzkreislaufstillstand muss es schnell gehen. Denn mit jeder Minute sinkt die Überlebenschance um etwa 10 Prozent.

Zwanzig lange Minuten

Zu viert leisten die Samariterinnen Erste Hilfe und kümmern sich um die Frau von Walter Bernhard. Sie wechseln sich gegenseitig ab mit Herzdruckmassage und versuchen mittels Defibrillator mehrmals sein Herz wieder in Gang zu setzen. «Wir haben einfach funktioniert und das getan, wofür wir ausgebildet wurden», sagt Sonja Pelka. Sie und Claudia Hausheer sind nicht nur aktive Samariterinnen, sondern auch ausgebildete Samariterlehrerinnen. Die Ausbildung zur Kursleiterin haben sie gemeinsam absolviert. Beide stammen aus der Region Frankfurt am Main, haben sich aber erst in der Schweiz durch ihre Samaritertätigkeit kennengelernt. Durch die vielen gemeinsamen Einsätze sind sie mittlerweile ein gut eingespieltes Team. «Wir können uns ohne Worte verständigen», bestätigt Claudia Hausheer. «Man hat uns auch schon als siamesische Zwillinge bezeichnet», fügt sie lachend hinzu.

Sie wissen, dass eine Reanimation kräfteraubend ist und höchste Konzentration erfordert.

In ihren Kursen bereiten die beiden Frauen die Teilnehmenden immer wieder auf solche Notfallsituationen vor. Sie wissen, dass eine Reanimation kräfteraubend ist und höchste Konzentration erfordert. Als nach 20 Minuten endlich der Rettungswagen eintrifft, ist ihr Einsatz aber noch nicht vorbei. Der Rettungsdienst muss zunächst die Situation erfassen und über die nächsten Schritte entscheiden. «Darum ist es wichtig, dass Samariterinnen und Samariter eine gute Ausbildung haben.

Dazu gehört auch die Übergabe einer verletzten Person an den Rettungsdienst», betont Claudia Hausheer. Die Rettungssanitäter wissen zum Glück, dass Walter Bernhard bei den Samariterinnen in guten Händen ist, bis sie den Patienten übernehmen und ins Spital bringen können.

Mehr Wertschätzung verdient

Nach seiner Genesung macht Walter Bernhard sich auf die Suche nach seinen Schutzengeln. «Ich wollte ihnen unbedingt in die Augen schauen und mich persönlich bei ihnen bedanken», sagt er. Eine Anfrage beim Festveranstalter bleibt erfolglos. Erst nach einem Aufruf in der Berner Zeitung gelingt es ihm schliesslich, den Kontakt herzustellen. Fast ein Jahr nach seinem Herzkreislaufstillstand trifft er seine Lebensretterinnen. Sie erzählen ihm die Geschichte, wie sie ihn in jener Nacht zurück ins Leben holten. «Dieses Treffen war für mich wichtig, um abschliessen zu können», sagt der 71-Jährige.

Vor der Freiwilligenarbeit der Samariterinnen und Samariter hatte Walter Bernhard schon immer grossen Respekt. In jungen Jahren war er selber Mitglied im Verein Walkringen. Er findet, dass die Samariterinnen und Samariter für ihr freiwilliges Engagement mehr Wertschätzung verdient hätten: «Sie werden manchmal ein wenig belächelt. Dabei leisten sie eine hervorragende Arbeit. Nicht nur bei mir.»