SLRG - Trainingsweekend Wasserrettung

Nichts für Warmduscher

Am Trainingsweekend für Wasserrettung üben Rettungsschwimmerinnen und –schwimmer der SLRG unter realistischen Bedingungen. Die erste Lektion gilt der richtigen Selbsteinschätzung. Weil echte Hilfe kluge Entscheidungen erfordert.

Ein Stand-Up-Paddler zieht zügig auf der Reuss bei Bremgarten vorbei. Sicher steht er mitten im reissenden Fluss. Der athletisch aussehende Mann erntet vom Ufer nicht etwa Bewunderung, sondern kritische Bemerkungen. «Die haben wir am liebsten! Ohne Schwimmweste und erst noch in der Trainerhose.» Dario Rodi schüttelt missbilligend den Kopf. Er würde in dieser Situation selbstverständlich eine Schwimmweste tragen. Er, der gut trainierte, bestens ausgebildete Rettungsschwimmer. Für Fachleute ist die Schwimmweste kein Zeichen von Schwäche, sondern zeugt von gesundem Menschenverstand.

«Rechne mit dem Schlimmsten, hoffe auf das Beste.»

Der 27-Jährige weiss, wovon er spricht. Er kann die Strömung im Fluss lesen wie ein Wildhüter Spuren im Wald. Heute, bei Hochwasserstufe 2, schätzt er die Reuss als gefährlich ein. Dario Rodi ist Instruktor und Mitorganisator des ersten überregionalen Trainingsweekends der Schweizerischen Lebensrettungs-Gesellschaft SRLG. An drei Tagen werden hier Ernstfälle in fliessendem Gewässer so realistisch wie nur möglich geübt. Wer seine Freizeit für dieses Trainingsweekend hergibt, gehört zu den Besten und hat das Brevet «Fluss» der SLRG bereits absolviert. Dennoch - in Ufernähe bewegt sich hier niemand ohne Schwimmweste und bei jeder Übung steht ein Rettungsposten bereit. Niemand ist hier, um irgendwann den Helden zu spielen, sondern um im Ernstfall die Lage richtig einzuschätzen zu können. Wer sich überschätzt, versagt. Das Leitmotiv lautet: «Rechne mit dem Schlimmsten, hoffe auf das Beste.»

Richtige Reaktion im Ernstfall

Alle Teilnehmenden sind hart im Nehmen. Das Programm verlangt ihnen alles ab. Bei nicht gerade sommerlichen 12 Grad im Schatten werfen sich die Frauen und Männer am Pfingstwochenende immer wieder in die Reuss und bilden sich weiter in Erster Hilfe sowie Knotenkunde. Da – eine Person treibt den Fluss hinunter! Wie ein Actionheld in Rot – die Schwimmweste sieht fast aus wie eine schusssichere Weste in einem Thriller – bricht ein Rettungsschwimmer durch das Gebüsch. Er überholt mit einem Sprint auf dem Uferweg die Hilfesuchende im Fluss. Die richtige Stelle anpeilen, zielen, Wurfsack werfen, Person am Seil ans Ufer pendeln. Es sieht einfach aus, ist es aber nicht. Denn im Ernstfall gibt es keine zweite Chance. Im Wurfsack steckt die Rettungsleine, die sich im Flug entrollt. Damit lassen sich auch Kollegen anseilen, die zur Rettung einer bewusstlosen Person in den Fluss steigen. Diese Methode ist nicht ohne Restrisiko. Wird die Strömung zu stark, drückt sie den Rettungsschwimmer an der Leine unter Wasser. Dann kann er durch den Panikverschluss die Leine von seiner Weste lösen. Ein Messer gehört ebenfalls zur Ausrüstung. Griffbereit, weil im Fluss das rettende Seil schnell zur tödlichen Schlinge werden kann. Immer wieder erinnern die Instruktoren daran, auch wenn jede Sekunde zählt, einen kühlen Kopf zu bewahren. «Plötzlich geht ihr im Stress so in den Fluss», sagt Martin Buchwalder. Der Instruktor springt demonstrativ mit angewinkelten Beinen ins Wasser. Grosses Gelächter - was soll falsch daran sein? Man werfe sich flach auf die Weste, um zu vermeiden, sich an möglichen Steinen unter Wasser zu verletzen, oder noch schlimmer, sich einzuklemmen. Martin Buchwalder grinst «Ich wusste, dass da eine Sandbank ist.»

Intensive Erfahrungen

Unsichtbar lauern oder fliessen stets Gefahren im Fluss. Treibholz ist nachts kaum zu erkennen. Exklusiv an diesem Trainingsweekend gibt es deshalb eine Übung in der Dunkelheit. Eine erstmalige Erfahrung für die Kursteilnehmenden, die sich allesamt beeindruckt äussern zum Programm. «Ich habe kalt, weil mein Neoprenanzug nicht der beste ist. Und ja, es ist anstrengend, eine intensive Erfahrung. Das Programm ist enorm gut», bestätigt Christine Liechti, 44, die sich für das Wochenende angemeldet hat, weil sie als Freiwillige bei der Feuerwehr die Wasserrettung als gute Ergänzung sieht.

Wie viele Stunden Freiwilligenarbeit erforderlich waren, um das Trainingsweekend zu organisieren, weiss keiner mehr vom fünfköpfigen Organisationsteam. Schon allein die eigens dafür erarbeiteten Kursunterlagen haben viel Zeit gekostet. Ueli Bärtschi, der wie Dario Rodi zum «harten Kern» gehört, wie sich das Organisationsteam bezeichnet, meint dazu: «Jedenfalls behaupten böse Zungen, Dario habe mich mehr am Handy gehabt als seine Verlobte.» Jetzt, nach diesem Erfolg und so viel Initialaufwand: Will der harte Kern ein solches Trainingsweekend wieder einmal durchführen? «Aber 200-prozentig, wenn wir es finanzieren können», sagt Ueli Bärtschi überzeugt und Dario Rodi ergänzt: «Wer heute hier ist, gibt seine Freizeit dafür und bezahlt 170 Franken inklusive Kost und Logis. Wir sind stolz, können wir ein so hochwertiges Training zu diesem Preis anbieten.» Mehr möchte die SLRG nicht verlangen müssen. Denn jede Rettungsschwimmerin und jeder Rettungsschwimmer sorgt für mehr Sicherheit am, im und auf dem Wasser. Davon profitiert letztlich die ganze Bevölkerung.

Weitere Informationen unter slrg.ch

SLRG - Prävention und Wasserrettung

In einigen Regionen der Schweiz werden Rettungsschwimmerinnen und –schwimmer der SLRG im Ernstfall für Wasserrettungen alamiert. Soweit soll es erst gar nicht kommen, denn die meisten Ertrinkungsunfälle liessen sich vermeiden. Deshalb setzt die SLRG auf Information und auf präventive Massnahmen. Kein Anlass im oder am Wasser sollte stattfinden, ohne dass die nötigen Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden. Die SLRG berät Organisatoren von Events und stellt einen Postendienst zur Verfügung. Zum Beispiel bei Schwimm- oder Schlauchboot-Anlässen in öffentlichen Gewässern. Die SLRG gehört als Rettungsorganisation zum SRK und ist für ihr Engagement auf Spenden angewiesen.